"Ich sehe mit der Seele"
Helen Keller



Helen Keller Biographie

(1880-1968) Schriftstellerin und Kämpferin für die Blinden



Die Verfasserin Birgit Kindler
Ich bin am 31.1.1964 in Frankfurt a.M. geboren, habe an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Physik diplomiert und promoviert. Zur Zeit arbeite ich bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder.

Dieser Text beruht auf dem Manuskript eines Vortrages, der im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Berühmte Frauen in Vergangenheit und Gegenwart" am 29.06.1999 bei der GSI gehalten wurde.

Link zum Originaldokument (Word)

See also -> English biography of Helen Keller


Dies ist die Geschichte von Helen Keller,

aber es ist genauso die Geschichte von Anne Sullivan-Macy, ihrer Lehrerin. Die Schicksale dieser beiden Frauen sind derart miteinander verbunden, dass man nicht nur von einer von beiden reden kann. Hier waren zwei Menschen für nahezu ihr ganzes Leben verbunden. Das Leben von Helen Keller war nur möglich, weil Anne Sullivan ihr eigenes Leben vollkommen für die Erziehung des Mädchens und die Betreuung der Frau Helen Keller einsetzte.

Helen Keller wird am 27. Juni 1880 in Tuscumbia, Alabama als erstes Kind des Hauptmanns Arthur H. Keller, der schon zwei ältere Söhne aus erster Ehe hat, und seiner 20 Jahre jüngeren zweiten Frau Kate Adams Keller geboren.

Helen ist ein glückliches und fröhliches Kind, bis sie im Alter von 19 Monaten plötzlich schwer erkrankt und tagelang bei hohem Fieber mit dem Tod ringt. Als das Fieber, wie durch ein Wunder zurückgeht und alles vorbei scheint, entdeckt die Mutter, dass Helen Gehör und Augenlicht verloren hat. Helen selbst beschreibt ihren Zustand in ihrem Buch "Teacher" rückblickend so:
ZITAT aus "Teacher":

"With appalling suddenness she moved from light to darkness and became a phantom... Nothing was part of anything, and there blazed up in the frequent fierce anger which I remember not by the emotion but by a fractural memory of the kicks or blows that she dealt to the object of that anger. In the same way I remember tears rolling down her cheeks but not the grief. There were no words for that emotion or any other, and consequently they did not register.

Mit entsetzlicher Plötzlichkeit kam sie vom Licht in die Dunkelheit und verwandelte sich in ein Phantom... Nichts hing mit irgendetwas anderem zusammen, und daher kam in ihr oft glühender Zorn auf, den ich nicht durch das Gefühl im Gedächtnis behalten habe, sondern durch eine Erinnerung an das Tasterlebnis der Tritte und Stöße, mit denen sie den Gegenstand ihres Zornes bearbeitete. In der gleichen Weise erinnere ich mich an Tränen, die ihr über die Wangen rollen, aber nicht an den Kummer. Sie hatte für diese oder irgendeine andere Gefühlsregung keine Bezeichnung; folglich wurden sie nicht wahrgenommen."
Nach einiger Zeit vergisst Helen auch die wenigen Worte, die sie vorher gelernt hatte, bis auf das Wort ,water' ,wawa', das sie noch lange Zeit benutzt, um etwas zu trinken zu verlangen. Sie kann sich durch Zeichen notdürftig mit ihrer Familie und den Dienstboten verständigen, aber ihre Seele scheint für immer verloren. Zu dieser Zeit geht man davon aus, das taubblinde Kinder nichts wirklich fühlen und verstehen können, sie sind in der allgemeinen Vorstellung bedauernswerte Geschöpfe auf einer intellektuellen Stufe mit Haustieren.

Als Helen älter wird, bemerkt sie, dass sich alle anderen durch Bewegen des Mundes miteinander verständigen. Wie bei praktisch allen taub-blinden Kindern führt die Frustration darüber, sich nicht richtig verständlich machen zu können, zu immer schlimmeren Wutanfällen. In ihrer Verzweiflung setzen sich die Eltern mit dem Erfinder Alexander Graham Bell in Verbindung, der als Sohn einer gehörlosen Mutter und verheiratet mit einer gehörlosen Frau sehr engagiert ist in der Eingliederung hörbehinderter Menschen ins normale Leben. Bell hält Helen für intelligent und empfiehlt, sie unterrichten zu lassen. Er verweist Herrn Keller weiter an Michael Anagnos, den Leiter des "Perkins Institute for the Blind" in Boston. Der ist sehr interessiert an Helen und vermittelt Herrn Keller nach einiger Überlegung Annie Sullivan, die gerade ihr Examen als Lehrerin für Blinde erfolgreich abgelegt hat.

Annie Sullivan ist gerade 20 Jahre alt und hat selbst eine sehr schlimme Kindheit hinter sich. Sie wird 1866 als älteste von fünf Kindern einer armen irischen Einwandererfamilie geboren. Zwei ihrer fünf Geschwister, sowie ihre Mutter sterben, bevor sie 10 Jahren alt ist. Sie selbst ist aufgrund eines Augenleidens so gut wie blind. Einige Zeit nach dem Tod der Mutter verlässt der Vater die Familie. Ihre jüngste Schwester Mary, die als einziges Kind der Familie gesund ist, wird von einem Onkel aufgenommen. Die fast blinde Annie und ihr kleinerer Bruder Jimmy, der mit einer tuberkulösen Hüfte geboren wurde, kommen im Februar 1876 in das berüchtigte Armenhaus von Fewksbury, Massachusetts und erleiden dort schlimme Vernachlässigung und Grausamkeiten. Sie spielen in der Leichenhalle, die immer gut belegt ist. Nach drei Monaten stirbt Jimmie, und Annie bleibt vollkommen verlassen zurück. Nur mit einer unbändigen Willenskraft kann sie selbst überleben, zwischen Alten und Dahinsiechenden, gefallenen Mädchen und Verrückten.

Erst 1880 gelingt es ihr endgültig, Fewksbury zu verlassen. Sie überzeugt den Leiter einer offiziellen Untersuchungskommission, der zur Inspektion des im ganzen Staat in Verruf geratenen Armenhauses zu Besuch ist, davon, sie in eine Schule zu schicken. "Mr. Sanburn, Mr. Sanburn ich möchte zur Schule gehen." ruft sie und stürzt sich dabei blind in die Besuchergruppe.

Sie kommt dann am 7. Oktober in die "Perkins School for the Blind" in Boston und wird dort zur Lehrerin für Blinde ausgebildet. Nach mehreren Operationen bekommt sie einen Teil ihres Augenlichtes zurück. Sie wird aber ihr gesamtes Leben Probleme mit den Augen haben. Sie erzählt über zwei Jahre lang niemandem, wo sie herkommt, denn sie schämt sich unsäglich für ihre absolute Armut, ihre schlechten Manieren und ihre Unwissenheit. Sie ist sehr stur und aus dem ständigen Gefühl von Demütigung und Scham heraus oft aufsässig und feindselig sowohl ihren Mitschülerinnen als auch ihren Lehrern gegenüber. Aber sie lernt schnell und so viel sie kann und macht 1886 ihren Abschluß als Blindenlehrerin.

Die Tür wird geöffnet

Sie ist vollkommen mittellos und hat so gut wie keine Schulbildung, als ihr Herr Anagnos die Stellung als Lehrerin für die kleine Helen anbietet. Sie hat keine Wahl als diese anzunehmen, obwohl sie sich vollkommen unzureichend ausgebildet fühlt. Annie liest alles über die Lehrmethode von Samuel Gridley Howe, dem Gründer der "Perkins School for the Blind". Ihm war es ziemlich genau 50 Jahre zuvor zum ersten Mal gelungen, ein blind-taubes Kind zu unterrichten. Dies war die bei Beginn des Unterrichts achtjährige Laura Bridgman, die durch Scharlach sogar vier ihrer Sinne verlor, sie konnte weder sehen noch hören, riechen oder schmecken.

Am 3. März 1887, Helen ist knapp 7 Jahre alt, kommt Annie Sullivan zu den Kellers nach Ivy Green und beginnt sofort, Helen zu unterrichten. Helen wird diesen Tag später immer als ihren Seelengeburtstag feiern.
Zitat aus einem Brief von Annie an Mrs. Hopkins, ihrer mütterlichen Freundin aus Boston (veröffentlicht im Anhang von "The Story of my Life"):

"Her little face wore an eager expression, and I noticed that her body was well formed and sturdy. For this I was most thankful. I did not mind the tumbled hair, the soiled pinafore, the shoes tied with white strings - all that could be remedied in time, but if she had been deformed, or had acquired any of those nervous habits that so often accompany blindness... how much harder it would have been for me! I remember how disappointed I was when the untamed little creature stubbornly refused to kiss me, and struggled to free herself from my embrace. I remember, too, how her eager, impetuous fingers felt my face and dress and my bag which she insisted opening at once, showing by signs that she expected to find something good to eat in it.
When Mrs. Keller took the bag from Helen her face grew red to the roots of her hair and she began to clutch at her mother´s dress and kick violently. I took her hand and put it on my little watch and showed her that by pressing the spring she could open it. She was interested instantly and the tempest was over. then she followed me upstairs to my room, and she helped me to remove my hat, which she put on her own head, tilting it from side to side, in imitation, I learned afterwards, of her Aunt Ev. When the hat was put away, we opened my bag, and Helen was much disappointed to find nothing but toilet articles and clothing. She put her hand to her mouth and shook her head with ever greater emphasis as she neared the bottom of the bag. There was a trunk in the hall, and I led Helen to it and by using her signs tried to tell her that I had a trunk like it, and in it there was something very good to eat. She understood; for she put both her hands to her mouth and went through the motion of eating something she liked extremely, then pointed to the trunk and me, nodding emphatically, which meant, I suppose, Í understand you have some candy in your trunk ´, and she ran downstairs to her mother, telling her by the same signs what she had discovered. This was my introduction to that bit of my life..."

"Ihr kleines Gesicht zeigte einen erwartungsvollen Ausdruck und mir fiel auf, dass ihr Körper wohlgeformt und kräftig war. Dafür war ich sehr dankbar. Mich störten weder ihr Haar, dass völlig durcheinander war, noch die schmutzige Schürze oder dass die Schuhe mit weißen Schnüren gebunden waren - all das konnte mit der Zeit gerichtet werden. Wäre sie aber entstellt gewesen oder hätte eine dieser nervösen Angewohnheiten angenommen, die so häufig Blindheit begleiten ... wieviel schwerer wäre es für mich gewesen! Ich erinnere mich, wie enttäuscht ich war, als diese ungezähmte kleine Kreatur sich hartnäckig weigerte, mich zu küssen und kämpfte, um sich aus meiner Umarmung zu befreien. Ich erinnere mich auch, wie ihre erwartungsvollen, ungestümen Finger mein Gesicht und mein Kleid befühlten. Sie befühlte auch meine Tasche, die sie sofort öffnen wollte, wobei sie durch Zeichen zu verstehen gab, dass sie erwartete, etwas Gutes zu essen darin zu finden.
Als Frau Keller ihr die Tasche wegnahm, wurde Helens Gesicht rot bis an die Haarwurzeln, und sie klammerte sich an das Kleid ihrer Mutter und trat wild nach ihr. Ich nahm ihre Hand, führte sie an meine Uhr und zeigte ihr, wie sie sie durch Drücken einer Feder öffnen konnte. Sie war sofort interessiert, und der Sturm war vorbei. Dann folgt sie mir nach oben in mein Zimmer. Sie half mir, meinen Hut auszuziehen, den sie auf ihren eigenen Kopf setzte und ihn dabei schräg von einer Seite zur anderen hielt und dabei ihre Tante Ev imitierte, wie ich später erfuhr. Nachdem der Hut weggepackt war, öffneten wir meine Tasche, und Helen war sehr enttäuscht, nichts als Toilettenartikel und Kleidung zu finden. Sie hielt ihre Hand an den Mund und schüttelte ihren Kopf mit immer größerer Betonung, je mehr sie sich dem Boden der Tasche näherte. Es gab eine Truhe in der Halle, und ich führte Helen dorthin und versuchte, ihr mit ihren eigenen Zeichen zu erklären, dass ich auch eine Truhe hatte, in der sie etwas sehr Leckeres zu essen finden würde. Sie verstand, denn sofort nahm sie beide Hände an den Mund und machte dabei Bewegungen, als würde sie etwas essen, was sie sehr mochte. Dann zeigte sie auf die Truhe und auf mich, ausdrucksvoll nickend, was heißen sollte, " ich glaube, ich habe verstanden, dass du Süßigkeiten in der Truhe hast" . Dann rannte sie hinunter zu ihrer Mutter, um ihr mit den gleichen Zeichen zu erzählen, was sie entdeckt hatte. Das war meine Einführung zu diesem Teil meines Lebens...."
Sie beginnt gleich mit ihrem Unterricht in dem sie Wort auf Tat und Tat auch Wort folgen lässt. Sie gibt Helen einen Keks und buchstabiert ihr dabei das Wort "cake" in die Hand. Sie benutzt dabei das Fingeralphabet, das spanische Mönche zur Verständigung erfunden haben, die sich ein Schweigegelübde auferlegt haben. Das Alphabet besteht aus einfachen Bewegungen der Finger eines Menschen auf der Handfläche eines anderen.

Schon nach kurzer Zeit beginnt Helen, die Worte nachzumachen, es ist aber für lange Zeit nur ein mechanisches Wiederholen, ohne dass Helen begreift, was die wahre Bedeutung der Zeichen ist. Im Grunde ist das jedoch die gleiche Methode, wie jedes normale Kind reden lernt. Ihm werden immer wieder Dinge erzählt und gezeigt, bis es irgendwann den Zusammenhang von selber versteht.

Helen ist ein wildes Kind, und Annie hat schlimme Auseinandersetzungen mit ihr, in denen ihr Helen unter anderem einen Schneidezahn ausschlägt. Gleichzeitig muss sie sich immer wieder mit Helens Eltern auseinandersetzen, die aus Liebe und Mitleid in ihren Unterricht eingreifen, weil sie fürchten, Helen werde überfordert.

Annie kann schließlich durchsetzen, dass sie Helen vier Wochen lang von der restlichen Familie abgesondert im kleinen Gartenhaus unterrichten darf. Dort schafft sie es, Helen zu disziplinieren und ihre Kräfte in geordnete Bahnen zu lenken, ohne dabei ihren Willen zu brechen. Der Durchbruch kommt schließlich an der Wasserpumpe im Hof, als Annie Wasser über Helens Hand fließen lässt und ihr dabei wieder und wieder "water" in die Hand buchstabiert. Das Wort "water", an das sich Helen wahrscheinlich unbewusst doch noch erinnert, ist schließlich der Schlüssel für die lang verschlossene Tür ihrer dunklen Welt. Sie begreift ganz plötzlich, was diese Zeichen bedeuten und "dass jedes Ding einen Namen hat".

Von jetzt ab lernt Helen in einem atemberaubenden Tempo neue Worte. Annie buchstabiert bis zur Erschöpfung, um ihren Wissensdurst zu stillen. Nachts überlegt Annie lange, wie normale Kinder sprechen lernen, nämlich durch Nachahmung. Verben wie hüpfen, lachen, gehen macht sie ihr vor oder sie kitzelt Helen so lange, bis diese selber lacht. Annie weiß intuitiv, wie sie Helen unterrichten muss, nämlich nicht zu geregelten Zeiten in einem Zimmer, sondern spielerisch, meistens an der frischen Luft. Helen lernt Blumen an ihrer Form und ihrem Duft zu unterscheiden, spürt wie sich ein quiekendes Schwein einfühlt oder wie sich Äste im Wind bewegen. Dabei hat Helen ein phänomenales Gedächtnis. Sie vergisst kaum ein Wort, dass ihr Annie buchstabiert. Allerdings hat ihre Wissbegier ihren Preis. Helen isst weniger und wird zunehmend blasser und nervöser. Im Juni wird es so schlimm, dass der Arzt konsultiert wird, der diagnostiziert, dass Helen unter einem überaktiven Verstand leidet.
Auszug eines Briefes von Annie vom 12. Juni 1887 (veröffentlicht im Anhang von "The Story of my Life"):

"Das Wetter ist nach wie vor heiß. Helen ist ungefähr dieselbe geblieben - bleich und mager. Doch dürfen Sie nicht glauben, dass sie wirklich krank ist. Ich bin überzeugt, die Hitze und nicht die natürliche, vielversprechende geistige Regsamkeit ist schuld an ihrem Zustand. Selbstverständlich werde ich ihr Gehirn nicht überlasten. Wir werden täglich von Leuten überlaufen, die bereit sind, die Verantwortung für die Welt zu übernehmen, wenn sich der liebe Gott ein Versäumnis zuschulden kommen lässt. Sie erklären uns, Helen "strenge sich zu sehr an", ihr Geist sei rege (genau die gleichen Personen glaubten noch vor ein paar Monaten, sie besäße überhaupt keinen), und erteilen uns allerhand unmögliche und widersinnige Ratschläge.
Augenblicklich unterweise ich Helen in der Quadratschrift. Diese Beschäftigung lenkt sie etwas ab und nötigt sie zum Stillsitzen....
Doch Helen ist nicht abzuhalten vom Lernen. Sie beginnt sofort nach dem Aufwachen mit dem Buchstabieren und wenn Annie sich weigert, sich mit ihr zu unterhalten, buchstabiert sie sich in ihre eigene Hand. Sogar im Schlaf buchstabieren die Finger mit, wenn sie träumt."
Am 20. Juni, also vier Monate nachdem der Unterricht begonnen hat, schreibt Helen den ersten Brief an ihre Mutter mit Hilfe einer Holzschablone.

Annie hat Angnos seit ihrer Ankunft kontinuierlich von den Fortschritten bei Helens Erziehung berichtet.

Am Anfang des Jahres 1888 erscheint der Jahresbericht des Perkins Institute den M. Anagnos betitelt:
"Helen Keller: A second Laura Bridgman"
But of all the blind and deaf-mute children who are under instruction, Helen Keller is undoubtedly the most remarkable. It is no hyperbole to say she is a phenomenon. History presents no case like hers. In many respects, such as intellectual alertness, keenness of observation, and vivacity of temperament she is unquestionably equal to Laura Bridgman; while in quickness of perception, grasp of ideas, breadth of comprehension, insatiate thirst for solid knowledge, self-reliance and sweetness of disposition she certainly exceeds her prototype."... The quotations of Helen´s and Annie´s letters "presented in chronological order, are sufficient in themselves without comment or explanation to show that their tiny author is a most extraordinary little individual. ... In view of all the circumstances her achievements are little short of a miracle...
Miss Sullivan´s talents are of the highest order. In breadth of intellect, in opulence of mental power, in fertility of resource, in originality of device and in practical sagacity she stands in the first rank. She undertook the task with becoming modesty and diffidence, and accomplished it alone, quietly and unostentatiously. She had no coadjutors in it, and there will therefore be no plausible opportunity for any one to claim a share in the origin of the architectural design of the magnificent structure because he or she was employed as helper to participate in the execution of the plan."

"Helen Keller: Eine zweite Laura Bridman":
Aber von allen blinden und taubstummen Kindern, die unterrichtet werden, ist Helen Keller ohne Frage die bemerkenswerteste. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass sie ein Phänomen ist. Es gibt keinen vergleichbaren Fall in der Geschichte, wie ihren. In vieler Hinsicht, wie z.B. in Bezug auf ihre intellektuelle Aufgewecktheit, ihre scharfe Beobachtungsgabe und ihr lebhaftes Temperament ist sie ohne Frage gleichzustellen mit Laura Bidgman, während sie mit ihrer schnellen Auffassungsgabe, dem Aufnehmen von Ideen, der Breite ihres Verständnisses, ihrem unstillbaren Durst nach fundiertem Wissen, ihrer Selbständigkeit und ihrer liebenswürdigen Art ihre Vorgängerin sicherlich übertrifft." ... Die zitierten Briefe von Helen und Annie " die in chronologischer Reihenfolge präsentiert werden, sprechen für sich selbst und zeigen, ohne dass ein zusätzlicher Kommentar oder eine Erklärung notwendig wäre, dass ihr winziger Autor ein ganz außergewöhnliches kleines Individuum ist. ... Zieht man alle Begleitumstände in Betracht, so muss man das, was sie erreicht hat, fast als kleines Wunder bezeichnen..."
"Miss Sullivans Fähigkeiten sind hochrangig. Mit der Breite ihres Intellekts, dem Reichtum ihrer geistigen Fähigkeiten, der Fruchtbarkeit ihrer Ressourcen, der Originalität ihrer Lehrmethode und ihrer praktischen Weisheit steht sie ganz vorne. Sie ist an ihre Aufgabe mit schicklicher Bescheidenheit und Zurückhaltung herangegangen und hat sie allein, still und unauffällig gemeistert. Sie hatte keine Mitverantwortlichen in ihrer Arbeit und deshalb wird es keine glaubhafte Gelegenheit für irgendjemanden geben, einen Anspruch auf einen Anteil an der Herkunft des architektonischen Designs dieses wunderbaren Aufbaus zu erheben, nur weil sie oder er als Helfer angestellt waren, um an der Ausführung des Planes mitzuwirken."
Er lobt darin Helen über alle Maßen und bezeichnet das von ihr Erreichte als ein wahres Wunder. Er bemerkt, dass sie in vieler Hinsicht ihre Schicksalsgenossin Laura Bridgman an Fähigkeiten und Auftreten weit übertrifft. Auch Annie wird über alle Maßen gelobt, wobei er ihre Originalität und Selbständigkeit in der Ausbildung Helens sowie ihre besonderen intellektuellen Fähigkeiten betont. Diese Aussage wird Anagnos jedoch später sehr bereuen, als es zum Bruch zwischen ihm und Annie und Helen kommt.

Anagnos Bericht macht Helen auf einen Schlag bekannt und berühmt und zwar auch über Amerikas Grenzen hinaus. Zahlreiche Artikel, teilweise mit vollkommen aus der Luft gegriffenen Übertreibungen, werden über sie geschrieben und sorgfältig gestellte Fotos veröffentlicht. Obwohl Annie die ganze Zeit befürchtet, dass Helen zu einem Wunderkind gemacht oder sogar zur Schau gestellt werden könnte, dankt sie Anagnos herzlich für seinen schmeichelhaften Bericht.

Annie und bald auch Helen führen einen regen Briefverkehr mit Anagnos, der von beiden bezaubert ist. Helen wird überhaupt sehr bald zu einer sehr regen Briefeschreiberin und unterhält unter anderem regelmäßigen Kontakt mit ihrem väterlichen Freund Dr. Bell, der durch Veröffentlichung einiger von Helens Briefen für weitere Publizität sorgt.

Annie will sehr gerne für einige Zeit mit Helen nach Boston in das "Perkins Institute for the Blind". Zum einen weiß sie, dass Helen dort sehr viel lernen kann und endlich Kontakt mit Leidensgenossen hätte. Aber zum anderen hoffte sie auch, Helen dort mehr für sich selbst haben zu können, denn zwischen ihr und Mrs. Keller kommt es immer mehr zur Konkurrenz um Helen. Außerdem sehnte sie sich sehr, die Südstaaten und das Landleben für einige Zeit hinter sich zu lassen. Da auch Anagnos sehr an Helen interessiert ist, lädt er beide ein, im Herbst kostenlos für einige Monate nach Perkins zu kommen.

Ausbildung am Perkins Institute in Boston

Im Mai 1888 brechen Annie, Helen und ihre Mutter nach Boston auf. Sie reisen über Washington und treffen dort Dr. Bell und werden auch von Präsident Cleveland empfangen.

Ende Mai schließlich kommen sie ins Perkins Institute nach Boston und Helen ist begeistert davon, dass sie sich dort mit fast jedem Menschen unterhalten kann. Sie nimmt sofort an den "commencement exercices" teil, einer öffentlichen Zurschaustellung der Leistungen der blinden Kinder. Alle sind begeistert von der strahlenden Helen Keller, der ehemalige Publikumsliebling Laura Bridman (fast 60) wird kaum beachtet.

Sie ist ein außergewöhnlich wissbegieriges Kind. Als sie bei ihrer ersten Bekanntschaft mit dem Meer fast ertrinkt, fragt sie als erstes sobald sie wieder schnaufen kann: "Wer hat Salz in Wasser getan?"

Helen und Annie verbringen jetzt öfter mehrere Monate in Perkins, wo Helen als Gast und nicht als reguläre Schülerin aufgenommen wird. Sie nutzt das überaus große Angebot der Schule an Braille-Büchern, biologischen Präparaten und geografischen Reliefs und lernt in kurzer Zeit Französisch.

Im März 1890 hört Helen von einem taubblinden norwegischen Mädchen, Raagnhild Kaata, die mit großem Erfolg sprechen lernt. Helen ist sofort begeistert, und sie und Annie besuchen Miss Sarah Fuller, die Direktorin der "Horace Mann School of the Deaf". Annie lehnte früher schon des Öfteren Vorschläge ab, Helen im Sprechen unterrichten zu lassen. Es würde Helens Fertigkeiten in der Benutzung des manuellen Alphabets einschränken, behauptete Annie. Außerdem empfinde sie die Stimme tauber Kinder als sehr unangenehm und überzeugte auch Helens Mutter davon, sie nicht zum Sprechunterricht zu schicken. Annie wollte wohl ihre Macht über Helen nicht verlieren, denn dies ist nicht die einzige Gelegenheit, wo sie versucht, Helens Kommunikation mit ihrer Umwelt ohne den Umweg über sich zu unterbinden.

Helen setzt sich aber schließlich durch. Sie lernt die ersten Laute, in dem sie die eine Hand auf den unteren Teil des Gesichts von Miss Fuller und die Finger der anderen Hand in deren Mund legt, so dass sie die Stellung der Zunge bei bestimmten Lauten fühlen kann. Sie arbeitet hart an sich und übt mit Annie, bis zur Erschöpfung und bis Annie übel wird. Doch der Erfolg bleibt bescheiden, denn nur Annie versteht, was sie sagt. Als ihre Mutter sie vom Bahnhof abholt, begrüßt Helen sie mit dem mühsam erlernten Satz: "Ich bin nicht mehr stumm". Ihre Mutter weint vor Entsetzen über die für sie unverständlichen Laute, doch Helen hält es für Freudentränen.

Erst sehr viel später lernen Helen und Annie, dass die Methode von Miss Fuller grundsätzlich falsch war. Vor der Artikulation hätte zuerst die Stimme ausgebildet werden müssen. Sie lernt auch anderen Menschen die Worte vom Mund abzulesen, in dem sie den Mittelfinger auf die Nase, ihren Zeigefinger auf die Lippen und ihren Daumen an die Kehle der anderen Person legt.

Während Helen in Boston ist, wird sie oft von reichen Philanthropen eingeladen, die sie auch finanziell unterstützen. Für Annie jedoch wird es immer schwerer in Boston. Die einflussreiche Julia Ward Howe, Tochter von Samuel Gridley Howe, schneidet sie aus Neid. Vor Teachers Erfolg mit Helen, war Dr. Howes Arbeit mit Laura Bridgman "die große Befreiung"; jetzt ist Annie der "miracle worker" und Helen das Wunder. Von vielen der vornehmen Bostoner Gesellschaft wird Annie wie Helens Dienerin behandelt, und viele der Lehrer von Perkins sind neidisch auf ihren Erfolg und ihre bevorzugte Behandlung. Die stolze Annie reagiert darauf oft mit fast beleidigenden Bemerkungen oder verlässt mit Helen die Veranstaltung. Dadurch macht sie sich weitere Feinde. Im Mai 1890 lässt sich Annie in einem Interview zu einer folgenschweren Aussage hinreißen:
"Helen is not a regular pupil at the Perkins Institution, being under the care of a private teacher there. I have the whole charge of her, and my salary is paid by her father."

"Helen ist keine reguläre Schülerin der Perkins Institution. Sie wird dort von einer privaten Lehrerin betreut, die die gesamte Verantwortung für sie trägt und das Gehalt wird von ihrem Vater bezahlt."
Die Stifter beschweren sich sofort über ihre Undankbarkeit und nach einigen weiteren Unstimmigkeiten wird Annie klargemacht, dass "Alabama ein passenderer Ort für ihre merkwürdige Art der Dankbarkeit ist". In verschiedenen Briefen mit Anagnos versucht Annie, sich zu entschuldigen und im Oktober kann Helen wieder nach Boston gehen.

Kurz vorher hat sie vom fünfjährigen Tommy Stringer, einem mutterlosen taubstummen und blinden Jungen gehört, der dem Armenhaus übergeben werden soll. Sie fragt Anagnos, warum er Tommy nicht bei Perkins aufnehmen kann. Als dieser meint, es würde viel Geld kosten, beginnt sie eine Kampagne, um es zu beschaffen. Mit Hilfe zahlreicher Briefe, Spendenaufrufe und der Mobilisierung aller Bekannter und Freunde schafft es die zehnjährige Helen, genügend Geld aufzubringen, um Tommy´s Existenz und Ausbildung für mehrere Jahre zu sichern.

The Frost King

Im November 1891 schickt Helen Anagnos eine - so denkt sie zumindest - selbst erdachte Geschichte" The Frost King" als Geburtstagsgeschenk. Der ist so davon begeistert, dass er sie in einer Zeitschrift abdrucken lässt. Dabei stellt sich jedoch heraus, dass diese Geschichte einer schon lange veröffentlichten Geschichte von Margret Canby "The Frost Fairies" gleicht, also ein Plagiat ist. Daraufhin folgt eine regelrechte Hexenjagd auf Helen und Annie, der man unterstellt, sie hätte Helen die Geschichte bewusst untergeschoben. Es kommt im März 1882 zu einer Art Tribunal mit acht "Richtern" und einer mehrstündigen Befragung von Helen, Annie und "Zeugen". Es endet damit dass vier Helen glauben, dass sie sich nicht daran erinnern kann, dass ihr jemand die Geschichte vorgelesen hat und vier ihr nicht glauben. Das "Urteil" lautet damit: Freispruch aus Mangel an Beweisen. Zu diesem Zeitpunkt kommt zum ersten Mal das Gerücht auf, Helen stünde vollkommen unter der Kontrolle von Annie Sullivan, und Annie hätte das Wunder Helen Keller durch Betrug gemacht.

Obwohl Anagnos scheinbar versöhnt ist, und Annie und Helen den April noch in Perkins verbringen, scheint es im Hintergrund zu weiteren Intrigen zu kommen, denn in den folgenden Jahren distanziert sich Anagnos immer mehr.

Helen ist sehr mitgenommen von der ganzen Geschichte und ist noch über Jahre hinaus unsicher, ob die Worte die sie niederschreibt, wirklich ihre eigenen sind. Der Sommer in Tuscumbia ist heiß und sowohl Helen als auch Annie sind körperlich und geistig ausgelaugt. Der Briefwechsel mit Anagnos wird immer einseitiger und distanzierter von Anagnos Seite. Im Jahresbericht wird Helen kaum und Annie gar nicht erwähnt. Die nächsten Jahre äußert er sich oft abfällig und feindselig über Annie, stellt Annies Loyalität und Fähigkeiten sowie Helens Leistungen öffentlich in Frage.

Im Jahr 1893 besucht Helen mit Annie und Bell für drei Wochen die Weltausstellung in Chicago. Sie bekommt eine Sondergenehmigung, alle Ausstellungsstücke berühren zu dürfen. Und Helen selbst ist eine Attraktion für viele Besucher.

New York

Im Oktober 1894 geht Helen mit Annie nach New York in die Wright-Humason School, einer Schule für Gehörlose. Sie ist die einzige Taubblinde, so dass sie sich von den anderen verschieden fühlt. Sie benutzt drei verschiedene Schreibmaschinen mit unterschiedlichen Tastaturen, bis Mr. Spaulding, ein wohlhabender Gönner, ihr eine Remington schenkt, die alle ersetzen kann. Sie lernt unter anderem Deutsch, Französisch und Arithmetik. Außerdem versucht Dr. Humason, ihre Sprache zu verbessern, jedoch ohne großen Erfolg.

Helen verbringt zwei Jahre dort, und Helen und Annie haben ein ausgefülltes soziales Leben. Sie lernen sehr viele bekannte und reiche Leute kennen wie z.B. Samuel L. Clements, besser bekannt als Mark Twain, der ein lebenslanger Freund wird, die Ölmagnaten John D. Rockefeller und Henry H. Rogers. Die beiden Jahre sind ruhig und erfreulich für Helen und Annie, aber Helen ist, wie immer, isoliert von ihren Altersgenossen und erst recht vom anderen Geschlecht, abgesehen von ihren sehr viel älteren Gönnern. Kate Keller unterbindet strikt jeden Kontakt Helens mit Jungs ihres Alters. Sie ist stark vom puritanischen Kodex der Spätviktorianischen Gesellschaft geprägt, in der es für eine schwerbehinderte Frau undenkbar ist, anders als keusch und jungfräulich zu leben. Sie bestärkt Helen in dem Glauben, dass sie nur eine Zumutung für einen Mann wäre. Nur von Dr. Bell weiß man, dass er sie immer wieder auffordert, sich selbst nicht zu beschränken, sondern der Liebe gegenüber offen zu sein.
Das Helen ihre erzwungene Geschlechtslosigkeit sehr wohl schmerzt, merkt man z.B. an einer Rede, die sie zum Anlass der 25-jährigen Wiedersehensfeier hält:
"I feel like the last rose of summer left blooming alone! And my blush is deeper than that of a red, red rose because I come to this banquet and bring no beau, tall and debonair!..."

"Ich fühle mich wie die letzte Rose des Sommers, die alleine blühen muss! Und mein Erröten ist dunkler als das einer roten, roten Rose, weil ich zu diesem Fest komme und keinen Beau mitbringe, groß und fesch."
In dieser Zeit sind ihre Braille-Bücher oft ihr einziger Trost, und sie findet auch ihren Weg zum Swedenborgismus*, der ihre Religion wird. An dieser Stelle eine kurze Bemerkung zu Braille-Büchern, bei denen die Buchstaben aus erhabenen Punkten geformt sind, die man mit den Fingerspitzen ertasten kann. Das Lesen und auch das Transportieren solcher Bücher ist sehr mühsam, denn die Informationsdichte ist sehr viel geringer, als die gedruckter Bücher. So besteht z.B. David Copperfield in Braille aus fünf Bänden und Vom Winde verweht aus 12!

1896 wird ein sehr schwieriges Jahr für Helen. Im Januar stirbt ihr Freund und Hauptunterstützer John Spaulding nach langer Krankheit. Obwohl er immer wieder versprochen hatte, für Helen auch nach seinem Tod Vorkehrungen zu treffen, und sein Tod nicht plötzlich kommt, hat er sie in seinem Testament nicht bedacht. Helen und Annie stehen also plötzlich ohne jede finanzielle Unterstützung da, und Spauldings Erben fordern zusätzlich 50.000 US$ von Helens Vater, die ihm Spaulding geliehen hatte.

Captain Keller ist wie schon seit Jahren in katastrophaler finanzieller Lage und kann noch nicht einmal die 10.000 US$ zahlen, auf die die Erben heruntergehen. Jetzt schreibt Captain Keller an Mrs. Hopkins, dass er als Helens "Beschützer", unverzüglich die Verfügungsgewalt über jeden Fond haben müsse, der für Helens Erziehung angelegt ist oder wird. Sollte das nicht passieren, so droht er, müsse er leider Helens Fähigkeiten für Geld vorführen, um seine Unkosten zu decken.

Helens Mutter und alle Freunde sind entsetzt. Dr. Bell versucht sofort, einen Ausbildungsfond für Helen zu organisieren. Es gibt im Prinzip auch genügend spendenwillige Förderer, aber keiner will die Verantwortung für die Verwaltung übernehmen. So verläuft das Vorhaben zuerst einmal im Sande.

Cambridge School

Es war schon länger geplant, dass Helen im Radcliffe College, dem Harvard Annex für Frauen, studieren solle. Harvard nimmt zu dieser Zeit noch keine Frauen auf. Vorher muss sie noch eine Schule besuchen, die sie auf die College Aufnahmeprüfung vorbereiten soll. Sie entscheidet sich für die "Cambridge School for Young Ladies", geführt von Arthur Gilman.

Am 19.August 1896 stirbt Helens Vater völlig unerwartet in Tuscumbia, während Helen und Annie gerade bei Freunden in Massachusetts sind. Helen will sofort nach Hause zurückkehren, doch Kate Keller lässt nicht zu, dass ihre Tochter kommt. Helen ist am Boden zerstört. Wie so oft wird sie anders als ihre Geschwister behandelt. Sie erhält nie eine Kopie des Testaments ihres Vater und obwohl er ihr ein Fünftel seines Besitzes vererbt, bekommt sie nie einen Anteil des Grundbesitzes. Es wurden weder Vorkehrungen getroffen, um Helens Lebensunterhalt zu sichern, noch um Annie ihren nichtgezahlten Lohn zukommen zu lassen. Freunde empfehlen Annie, ihren überfälligen Lohn und den Unterhalt für sich und Helen einzuklagen, aber diese lehnt ab. Es soll kein schlechtes Licht auf Helens Familie fallen.

Am 1. Oktober 1896 tritt Helen trotz aller Probleme in die Cambridge School ein. Sie besteht einen extra für sie zusammengestellten Eingangstest, der aus Fragen des Harvard Eingangstests in Englisch, Deutsch, Französisch, Griechisch und Römischer Geschichte zusammengestellt ist. Ein halbes Jahr später kommt auch ihre Schwester Mildred nach Cambridge. Helen soll nach Absprache zwischen Gilman und Annie fünf Jahre in der Cambridge School bleiben, doch nach dem ersten sehr erfolgreichen Jahr wird ihr ein Jahr erlassen. Ihr wird auch erlaubt, schon an den Eingangsprüfungen für Radcliffe teilzunehmen.

Annie übersetzt Helen alle Unterrichtsstunden, doch an den Prüfungen darf sie nicht teilnehmen, um Gerüchten zuvorzukommen, sie würde Helen vorsagen. Gilman selbst hat extra zu diesem Zweck das Fingeralphabet gelernt und übersetzt bei Prüfungen. Helen darf dann die Antworten auf ihrer Schreibmaschine niederschreiben. Sie kann dabei im Nachhinein nicht mehr kontrollieren, was sie niedergeschrieben hat. Es gibt anfänglich kein einziges Lehrbuch in Braille, so dass ihr Annie in der freien Zeit alle Bücher vorlesen muss, und Helen macht sich Notizen in Braille. Annies Augen, die sie eigentlich dringend schonen müsste, werden über alle Maßen beansprucht.

Zumindest hat sich inzwischen die bedrückende Frage der Finanzierung gelöst. Mrs. Hutton organisiert einen Hilfsfond, in dem 50.000 US$ angelegt werden, der Helen und Annie aus den Zinsen mit 2.000 US$ pro Jahr versorgt.

Während des zweiten Jahres in Cambridge verschlechtern sich Helens Noten wesentlich. Trotzdem beschließt Annie, dass Helen nach insgesamt drei Jahren fertig sein kann. Dies bringt sie in starken Konflikt mit Gilman, der die vier Jahre schon als Kompromiss ansah. Er befürchtet, Helen könnte über die Maßen belastet werden und Annies Ehrgeiz könne Helen schaden. Annie wiederum hat mehrere Gründe für ihre Hast. Zum einen leiden ihre Augen sehr stark, und sie hofft, in Radcliffe würde die Belastung nicht mehr so schlimm sein. Außerdem befürchtet sie, eine zu lange Schulzeit könne Helens Gönner, von deren Finanzierung sie vollständig abhängen, abschrecken. Wenn Helen in nur drei Jahren abschließen könnte, wäre das ein Zeichen für Helens Fähigkeiten und Annies Lehrbefähigung. Ihre ständigen Kritiker würden zum Schweigen gebracht werden. Sie verdächtigt Gilman außerdem, Helen nur länger in seiner Schule halten zu wollen, wegen des damit verbundenen Prestiges für ihn und die Schule.

Annie setzt sich durch, und Helens Stundenplan für den Herbst beinhaltet Physik, Astrononie, Geometrie, Algebra, Latein, Englisch und Französisch, 27 Stunden jede Woche. Als Helen in folge ihrer sehr schmerzhaften Periode für einen Tag das Bett hütet, nimmt Gilman dies als Beweis für einen Nervenzusammenbruch aufgrund von Überlastung und schreibt Kate Keller darüber. Annie gibt schließlich nach und stimmt einem stark reduzierten Stundenplan zu, den Helen selbst als starke Demütigung empfindet. Trotzdem kehrt kein Frieden zwischen Gilman und Annie ein. Gilman ist es ein Dorn im Auge, dass immer noch Annie die komplette Macht über Helen hat und dies auch ständig ihm und dem Lehrkörper gegenüber verlauten lässt. Er schreibt wieder an Mrs. Keller und andere Bekannte und lässt dabei auch verlauten, dass Annie intellektuell nicht mehr die richtige Lehrerin für Helen sei, da diese Annie an Wissen schon längst überholt hätte.

Plötzlich sind sich alle einig, dass Annie die Schule sofort verlassen soll und für Helen eine neue Gefährtin gesucht werden muss. Gilman bekommt von Mrs. Keller per Telegramm die Fürsorge für Helen übertragen. Helen selbst, jetzt immerhin schon 17 Jahre alt, wird natürlich zu allen Vorwürfen und Diskussionen nicht befragt, ja nicht einmal informiert. Für sie bricht die Welt zusammen als sie am 8. Dezember von Annie erfährt, dass beide getrennt werden sollen.

Annie wird der Schule verwiesen und flieht zu Freunden in Boston, den Fullers. Auf dem Weg ist sie nahe daran, sich in den Fluss zu stürzen, aber ihr unbändiger Lebenswille und ihre angestaute Wut verhindern es.

Helen ist außer sich. Sie isst nicht, schläft nicht, geht nicht zum Unterricht und weint mit ihrer Schwester den ganzen Tag. Am Nachmittag des nächsten Tages trifft ein Freund der Familie, Mr. Chamberlin ein, sieht in was für einem bedenklichen Zustand Helen ist und veranlasst Gilman, die beiden Schwestern mit ihm nach Wrentham gehen zu lassen. Er ist der erste, der Helen nach ihrer Meinung fragt. Er erfährt von Helen, dass sie auf keinen Fall von Annie getrennt sein will, selbst wenn das den Bruch mit ihrer Mutter bedeuten würde.

Mrs. Keller kommt eilig nach Boston gereist und findet ihre Tochter körperlich wohlauf, aber gefühlsmäßig in völliger Auflösung. Sie nimmt ihre Ablehnung Annies zurück und auch die Stifter des Ausbildungsfonds stellen sich auf Annies Seite. Gilman ist geschlagen, führt aber noch weiter Hetzkampagnen gegen Annie und ihren angeblich schlechten Einfluss auf Helen.

Für Helen führt kein Weg zurück in Gilmans Schule, so dass sie sich jetzt mit Hilfe eines Privatlehrers auf die Eingangsprüfung fürs College vorbereitet.

Sie fühlt sich der Prüfung gewachsen bis sie kurz davor erfährt, dass Annie ihr die Prüfungsfragen nicht vorlesen darf. Ein Lehrer des Perkins Institutes wird beauftragt, ihr die Unterlagen in Braille zu kopieren, doch er verwendet "Amerikanisches Braille", das sich stark vom "Englischen Braille" unterscheidet, das Helen gewohnt ist. So benötigt sie sehr viel mehr Zeit zur Bearbeitung der Fragen, als vorgesehen. Sie besteht die Prüfungen trotzdem, aber nicht so gut, dass sie selbst mit ihrer Leistung zufrieden ist.!

Studium am Radcliffe College

Im September 1900 hat Helen es geschafft und tritt ins Radcliffe College ein. Sie stellt bald fest, dass das Studienleben nicht so romantisch ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie ist noch stärker isoliert, als früher, denn zum ersten Mal muss sie sich als einzige Behinderte unter lauter sehenden und hörenden Mitstudentinnen behaupten. Nur eine Mitschülerin kennt das Fingeralphabet und von all ihren Professoren lernt es nur einer, um sich direkt mit ihr unterhalten zu können. Trotzdem versucht sie zumindest anfänglich an allgemeinen studentischen Aktivitäten teilzunehmen, soweit es irgend möglich ist. Sie ist eine starke Schwimmerin, spielt sehr konzentriert Schach und Dame und fährt viel mit ihrem Tandem.

Radcliffe war nicht versessen darauf, Helen Keller als Studentin zu bekommen. Die Begleitumstände waren schließlich relativ schwierig. Damit Helen studieren kann, muss Annie Sullivan immer mit dabei sein. Trotzdem soll nur Helen einen Abschluss bekommen. Um wieder jedem Gerücht von Betrug oder Bevorzugung von Helen Keller zuvor zu kommen, wird bestimmt, dass Annie bei jeder Prüfung das Gebäude zu verlassen hat, und zwei unabhängige Beobachter sind immer bei jeder Prüfung anwesend.

Das Studium ist eine harte und einsame Zeit für Helen. Sie hat wenig Kontakt zu anderen Studenten, einmal aus Mangel an Zeit und zum anderen aus Mangel an Interesse bei ihren Mitstudentinnen. Sie verfällt oft in Melancholie, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass Helen für sich keinerlei Zukunft als Geliebte, Ehefrau oder Mutter sieht.

Helens Schwierigkeiten im College fordern auch von Annie ihren Tribut. Als Folge der vier bis fünf Stunden, die sie Helen täglich neben der simultanen Übersetzung aller Vorlesungen vorliest, wird ihre Sehkraft ständig schwächer. Einmal ertappt Helen sie dabei, wie sie das Buch zum Lesen direkt an der Nasenspitze hält. Ein Augenarzt rät ihr dringend, ihre Augen zu schonen, da sie sonst mit Sicherheit erblinden würde. Helen ist entsetzt von dem Gedanken und wann immer Annie sie beim Vorlesen fragt, ob sie einen Absatz wiederholen soll, verneint Helen dies.

Eines Tages wird sie vom Editor des Ladies´ Home Journal gefragt, ob sie nicht ihre Lebensgeschichte in monatlichen Berichten veröffentlichen könnte. Er weiß, dass Helen schon Teile davon als Aufsätze in Englisch verfasst hat und diese Tatsache zusammen mit einem versprochenen Honorar von dreitausend Dollar überzeugen Helen und Annie zuzustimmen. Dezember 1901 gibt Helen ihren ersten Artikel. Es ist eine Meisterleistung, die Helen neben ihrem Schulpensum und einiger Arbeit für die Sache der Taubblinden erbringt. Ohne Annies ständige Hilfe wäre es vollkommen unmöglich gewesen.

Doch der nächste Artikel ist schwieriger, und Helen hat davon noch nichts bearbeitet. Helen und Annie beginnen schon zu verzweifeln, als eine Freundin ihnen den 25-jährigen John Albert Macy vorstellt, Englischlehrer in Harvard und Editor des Youth´s Companion. Er ist bereit, Helen bei der Bearbeitung ihres Manuskripts zu helfen und lernt innerhalb kürzester Zeit das Fingeralphabet, um direkt mit der 22-jährigen Helen zu kommunizieren. Er hilft Helen im Ordnen und Zusammenstellen ihrer Notizen, die zum Teil in Braille, zum Teil in Schreibmaschine vorliegen und entlastet dadurch endlich auch Annie. Macy erkennt, das Helens Geschichte auch für ein Buch geeignet wäre, editiert den Text entsprechend und sucht sehr geschickt einen günstigen Verleger.

Im März 1903 wird The Story of my Life von Doubleday veröffentlicht. Es wird von den Kritikern gut aufgenommen, ist aber nicht der Kassenschlager, den Macy erhofft hat. In den ersten beiden Jahren werden nur 10000 Exemplare verkauft. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten wird es jedoch zu einem Klassiker und wird auch heute noch neu aufgelegt.

Neben den guten Kritiken, melden sich natürlich auch wieder die Skeptiker, die diesmal behaupten, John Macy hätte das Buch in Wirklichkeit geschrieben. Andere werfen Helen vor, ihre Geschichte bestehe nur aus Hörensagen, ihr gesamtes Wissen habe sie aus zweiter Hand.

Am 28. Juni 1904, einem Tag vor ihrem 24. Geburtstag, erhält Helen ihr Diplom (Bachelor of Arts) als erster taubblinder Mensch überhaupt, mit einem guten cum laude.

John Albert Macy

Die Veröffentlichung des Buches hat mehrere Konsequenzen für das Leben der beiden Frauen. Zum ersten Mal überhaupt haben sie genug Geld, um es ohne schlechtes Gewissen auch für schöne Kleidung oder komfortables Reisen ausgeben zu können. Gegen Ende des Jahres 1903 kaufen sie ein kleines Haus im Örtchen Wrentham, dass ihnen Onkel Ed (Chamberlin) gesucht hatte. John Macy, ein brillanter junger Schriftsteller, Poet, Literaturkritiker und Sozialist ist während der Arbeiten am Buch zu einem festen Bestandteil ihres Lebens geworden. Außerdem sind John und Annie ein Liebespaar geworden. Der erste noch erhaltene Liebesbrief der 36-jährigen Annie an den mehr als 10 Jahre jüngeren John ist vom 2. Juli 1902, also nur sechs Monate nach seinem ersten Besuch.

Obwohl es eine sehr leidenschaftliche Beziehung ist, zögert Annie lange, Johns Heiratsantrag anzunehmen. Auch als Helen ihnen offiziell ihren Segen gegeben hat, dauert es noch eine Weile, bis sie dann am 2. Mai 1905 in Wrentham heiraten. Für eine kurze Zeit sind Annie und John wirklich glücklich und leben zusammen mit Helen, die die Anwesenheit von John auch sehr genießt. Sie schreibt in den nächsten Jahren zwei Bücher "Optimismus" und "Meine Welt", bei denen ihr im wesentlichen John bei der Bearbeitung der Texte hilft. Letzteres findet von allen ihren Büchern das größte Interesse beim breiten Publikum. Sie beschreibt darin, wie sie ihre Umgebung wahrnimmt. Zur Natur hat sie ein besonderes Verhältnis, und oft lauschte sie im Garten von Wrentham dem einsamen Murmeln ihrer "Baumfreunde".

Gleichzeitig ist sie sehr engagiert für die Sache der Blinden und Gehörlosen. Sie kämpft für deren Ausbildung, für Arbeitsplätze und Selbständigkeit der Behinderten. Dies bereitet sie intellektuell auf ein breiteres politisches Engagement vor.

Als John Macy 1909 in die Sozialistische Partei eintritt, folgt ihm Helen aus tiefster Überzeugung und wird gleichzeitig Anhängerin der Suffragettenbewegung, die für gleiche Rechte der Frauen und vor allem für das Frauenwahlrecht eintritt. Annie will von alle dem nichts wissen. Sie ist zu sehr Skeptikerin, um sich für eine politische Sache zu engagieren. Helens Familie und ihre Gönner sind entsetzt über Helens politisches Auftreten und werfen John vor, sie für seine Ziele zu missbrauchen.

Es sind politisch unruhige Zeiten in den USA. Die sozialistische Partei gewinnt immer mehr Anhänger. Die radikale Arbeiterbewegung Industrial Workers of the World (IWW) oder Wobblies, die 1905 gegründet wurde, unterstützt den Streik der Textilarbeiter 1913, der 60 Tage dauert und zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Regierung führt. Helen erklärt sich solidarisch mit den streikenden Arbeitern und schließt Freundschaft mit einigen der radikalen Führer der Bewegung.

1910 wird "The Song of the Stone Wall" veröffentlicht, ein episches Gedicht, das wenig Anklang findet. Helen erkennt enttäuscht, dass die Öffentlichkeit nur an ihrem Leben interessiert ist und nicht daran, was sie sonst noch zu sagen hat. Wenn sie ernsthaft über breitere Aspekte des Lebens schreibt, die nichts mit Behinderung zu tun habe, wird sie nur belächelt. Das Geld wird wieder einmal knapp und mit Schreiben kann Helen nicht mehr genug aufbringen. Daraufhin beginnt sie Sprachunterricht, bei dem Gesangslehrer Charles White zu nehmen. Sie will Reden halten, um zu überzeugen und um Geld zu verdienen. Für dieses Ziel beschließt sie, auch etwas für ihr Aussehen tun. Viele Jahre lang wurde Helen Keller nur im rechten Profil fotografiert, weil das linke Auge vortrat und offensichtlich blind war. Sie lässt jetzt beide Augen entfernen und durch Glasaugen ersetzen. Sie wird nun meistens von vorne aufgenommen, eine gutaussehende junge Frau mit großen weit offenen blauen Augen. Im Sommer 1912 spricht Helen zum ersten Mal öffentlich, ohne übersetzt zu werden. Viele verstehen sie jetzt, auch solche, die es nicht gewohnt sind, Hörbehinderte sprechen zu hören.

In 1913 wird "Out of the Dark" veröffentlicht, eine Serie von Essays, in denen Helen ihren Weg zum Sozialismus und ihre politische Überzeugung darstellt. Mit diesem Buch zerstört sie endgültig ihr Bild von der zurückhaltenden Heiligen in der Öffentlichkeit, doch trotzdem nimmt kaum einer ihre politischen Äußerungen als selbst gebildete Meinung ernst. Immerhin sind ihre Ideen radikal genug, dass ihre Bücher 1933 öffentlich in Berlin verbrannt werden.

Trotzt allem bleibt die Sache der Blinden ihre hauptsächliche Mission. Sie kämpft für die Vereinheitlichung der Braille-Schrift. Und sie versucht die Öffentlichkeit über die Hauptursache von angeborener Blindheit aufzuklären, der sogenannten ophthalmia neonatorum, der Ansteckung der Neugeborenen bei der Geburt aufgrund einer Geschlechtskrankheit der Mutter. Dies ist ein absolutes Tabuthema, besonders für eine Frau und erst recht für eine behinderte Frau.

Im September 1913 muss Annie sich einer schweren Operation unterziehen, doch schon 4 Monate später beginnen Helen und Annie, bezahlte Vorträge im Rahmen der sogenannten Chautauqua Bewegung, Vorträge zur Erwachsenenbildung, im ganzen Land zu halten, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.

Die Ehe zwischen Annie und John beginnt sich immer mehr aufzulösen. Sie streiten oft, und John ist immer weniger Hilfe und immer mehr Last, vor allem finanziell. Im Mai 1913 reist er alleine nach Europa. Helen schreibt dazu 1933 in einem Brief an ihre Schwester: "Von 1905, dem Jahr als Teacher geheiratet hat, bis 1920, als ich in meinem Zorn aufbegehrt und bestimmt habe, dass John keinen Penny meines Geldes mehr haben sollte, haben wir ständig beträchtliche Summen für ihn bezahlt - für seine Familien, für seine Schneider, seine Bücher und 4 ½ Monate in Europa..."

Diese Reise kann Helen nur bezahlen, weil sie nun doch eine Rente von Andrew Carnegie annimmt, die sie schon viele Jahre aus Stolz abgelehnt hat. Der Zusammenbruch Teachers während einer ihrer gemeinsamen Vortragsreisen, hat Helen die Zerbrechlichkeit ihrer Existenz vor Augen geführt.

Der 1. Weltkrieg bricht aus und Helen reist durch die USA und ruft die Arbeiter dazu auf, die Kriegsvorbereitungen zu boykottieren und in Generalstreik zu treten. Die bürgerliche Presse ist entsetzt, doch die Arbeiter jubeln Helen zu. Einige Zeit können Helen und Annie gut von ihren Vorträgen leben, und Helen genießt das "Wir"-Gefühl, die scheinbare Verbundenheit mit den einfachen Leuten.

Eine Vortragsreise im Sommer 1916 wird schließlich ein finanzielles Fiasko, denn Amerika bereitet sich auf den Krieg vor, und die Leute wollen keine flammenden Antikriegsreden einer sozialistischen taubblinden Frau mehr hören.

John trennt sich von Annie und schreibt verbitterte Briefe an Helen mit Vorwürfen über seine Frau. Annie leidet sehr unter der Trennung. Sie stützt sich emotional immer mehr auf Helen und ihre Gesundheit wird immer schlechter. Mit Diagnose auf Tuberkulose wird sie auf Erholungsreise nach Lake Placid geschickt, reist dann weiter nach Puerto Rico, insgesamt für 5 Monate, die längsten Zeit, die Helen und Annie jemals getrennt waren. Polly Thomson, die seit 1915 dem Haushalt als Mädchen für alles angehört, begleitet sie. Peter Fagan, der schon manchmal als Sekretär bei Vortragsreisen dabei war, soll Helen in der Zwischenzeit übersetzen und ihre Mutter sie betreuen.

Die 36-jährige Helen und der 29-jährige Fagan verlieben sich und wollen heimlich heiraten. Doch als ihre aufgebracht Mutter davon erfährt und sie zur Rede stellt, leugnet Helen alles, um Peter zu schützen. Zweimal planen Helen und Peter daraufhin durchzubrennen, doch jedesmal wird es von der Familie verhindert. Schließlich gibt Peter Fagan auf, und Helen bleibt zurück, ohne Hoffnung auf Liebe und Mutterschaft. Sie begehrt nicht auf, sondern sorgt sich nur um die Aufregung für ihre Familie und leidet unter der Trennung von Annie.

Im April 1917 erklärt die USA dem Deutschen Reich den Krieg, und Annie ist gezwungen, schnell nach Hause zurückzukehren. Dort stellt sich schon bald wieder das leidige Geldproblem, da die Chautaqua-Vorträge ein Opfer des Krieges geworden sind. Das Haus in Wrentham muss verkauft werden, und im Oktober 1917 ziehen sie um nach Forrest Hill, einem Vorort von New York.

Helen in Hollywood

Foto mit freundlicher Genehmigung der American Foundation for the Blind Polly, Anne, Helen und Charles Chaplin, 1918.
Foto AFB
Da wird Helen vorgeschlagen, ihr Leben zu verfilmen. Nach einigen Überlegungen und Verhandlungen reisen Helen, Annie und Polly im Juni 1918 nach Hollywood, um vertragsgemäß für Fragen zur Verfügung zu stehen und auch selbst mitzuspielen. Sie finden Hollywood sehr interessant und werden viel eingeladen, allerdings ist auch hier nur Helen die Attraktion, und Annie wird ignoriert. Eine löbliche Ausnahme bildet Charlie Chaplin, der selbst aus sehr armen Verhältnissen stammt und sich gleich gut mit Annie versteht.

Im Dezember ist der Film abgedreht, und die drei müssen sich Geld leihen, um nach Forrest Hill zurück zu reisen. Der Film "Deliverance" (Befreiung) besteht aus einer Reihe von Tableaus ohne durchgängige Geschichte, dafür mit umso mehr überladenem Symbolismus. Im August 1919 sind sie zur Premiere des Films in New York eingeladen, doch als Helen merkt, dass ihr Film als Streikbrecher im Streik der Schauspieler dienen soll, nimmt sie statt dessen an einem Protestmarsch teil. Obwohl "Deliverance" sehr gute Kritiken hat, ist er kein großer Kassenerfolg. Es ist ein zu "ernster" Film, der das breite Publikum zu wenig anspricht.

Vaudeville

Somit war wieder eine Hoffnung verflogen, finanziell gesichert zu sein, denn zusätzlich zu dem Misserfolg frisst die Inflation ihre mageren Einkünfte immer mehr auf. Die Lösung diesmal heisst Vaudeville, einer Art Varietee, dass gerade groß in Mode ist in den USA. Ganz gegen die Erwartung der Veranstalter sind Helen und Annie ein Riesenerfolg. Sie bereisen auf ihren Touren das ganze Land und verdienen sehr gut dabei. Helens Gönner und auch ihre Familie finden es sehr unpassend, dass sie auf der Bühne auftritt zwischen Nummern mit Akrobaten, leicht bekleideten Tänzerinnen und dressierten Tieren. Helen aber genießt die Atmosphäre und findet Vaudeville insgesamt angenehmer als ihre früheren Vorträge. Erstens werden sie besser bezahlt und zweitens sind sie meist für ein oder sogar zwei Wochen in der selben Stadt.

Im November 1921 stirbt Kate Keller, als Helen gerade in Los Angeles auftritt. Sie hat Verträge bis in den April, so dass sie nicht zur Beerdigung kann. Im Januar bekommt auch noch Annie eine so schwere Grippe, dass sie nicht auftreten kann. Polly nimmt ihren Platz auf der Bühne ein und wird auch von den Veranstaltern akzeptiert. Teacher ist es nur Recht, denn ihr war es immer ein Graus, sich für Geld präsentieren zu müssen. Außerdem leiden ihre Augen im grellen Scheinwerferlicht sehr.

Aber schon 1922 und 23 werden die Vaudeville-Engagements immer weniger, und Helen muss ihre Fonds angreifen, um ihr tägliches Leben finanzieren zu können.

Im September 22 wird Helen ein schriftlicher Heiratsantrag von einem Witwer gemacht, der sie sehr bewundert. Helen lehnt ab, doch es kommt noch zu einem sehr regen Briefverkehr zwischen den beiden, in dem Helen sehr offen über ihre sexuellen Wünsche und Einschränkungen schreibt, bis Helen fast ein Jahr später die Kommunikation abbricht!

Helen Kellers Berufung - Kämpferin für die Blinden

Gegen Ende 1923 tritt die "American Foundation for the Blind" mit ihnen in Verbindung und Helen und Annie beginnen, mit Vorträgen für Spenden zu werben. Dies ist Helens eigentliche Berufung, der sie bis zu ihrem Lebensende nachgehen wird. Sie werden dafür von der AFB bezahlt. Die anfänglich kleinen Veranstaltungen in Privathäusern werden bald größer, und Helen und Annie beziehen ein festes Gehalt, das allerdings immer wieder hart von Annie verhandelt werden muss. Obwohl Helen privat an ihrer sozialistischen Weltanschauung festhält, redet sie öffentlich nicht mehr darüber, um die potentiellen Spender nicht abzuschrecken und der Sache der Blinden damit zu schaden.

1927 lässt sie sich von der AFB beurlauben, um die Fortsetzung ihrer Lebensgeschichte für ihren Verlag Doubleday zu schreiben. Sie bekommt als Hilfe zur Erstellung des Manuskripts die junge kompetente Verlagsassistentin Nella Braddy zur Verfügung gestellt. Bevor Helen sich jedoch an ihre Autobiografie begibt, lässt sie sich dazu überreden, ein Buch über den Swedenborgismus zu schreiben. Es erscheint im Oktober 1927 unter dem Titel "My Religion". Im Sommer 1928 korrigiert sie die letzten Seiten ihrer Autobiografie, die sie mit den Worten beschließt:
"I have written the last line of the last autobiography I shall write. ... I lift my tired hands from the typewriter. I am free."

"Ich habe die letzte Zeile der letzten Autobiografie geschrieben, die ich schreiben werde. ... Ich hebe meine müden Hände von der Schreibmaschine. Ich bin frei."
Das Buch "Midstream - My later Life" erscheint 1929 und wird ein finanzieller Erfolg. Doch die Arbeit war trotz der Hilfe von Annie, Polly und Nella Braddy eine so große physische und psychische Belastung für Helen, dass sie nie wieder ein Buch schreiben will.

Annies Tod

Annies Augen, die schon über mehrere Jahre nur noch etwa 10% Sehfähigkeit besitzen, quälen sie immer mehr. 1929 muss schließlich ihr rechtes Auge entfernt werden, um sie von den ständigen Schmerzen zu befreien. Sie wird von Dr. Berens, einem der führenden Augenspezialisten des Landes, behandelt, doch auch er traut sich nicht, ihr noch verbliebenes Auge zu operieren. Die vielen früheren, oft amateurhaft durchgeführten Operationen haben eine nur papierdünne Hornhaut zurückgelassen. Helen sorgt nun immer mehr für Annie und nicht mehr umgekehrt, und beide werden immer abhängiger von Polly und anderen Freunden. Annies Depressionen verstärken sich bis hin zur Todessehnsucht.

In den Jahren 1930 bis 1932 reisen Helen, Annie und Polly drei Mal nach Europa, vor allem Schottland, Irland und England, aber auch Frankreich und Jugoslawien. Annie ist viel krank und oft zu schwach, Helen zu buchstabieren. Im Frühling 1932 wird auf Helens Bitte eine Komitee gegründet, das nach Annies Tod die Geldangelegenheiten von Helen regeln soll. Ihr Einkommen setzt sich jetzt zusammen aus einem Gehalt der AFB, Tantiemen ihrer Bücher, drei Stiftungsfonds und einem neu gegründetem Trust, der aus einigen Aktien besteht. Damit sind die Frauen zum ersten Mal im Leben abgesichert und müssen sich nicht um ihre finanziellen Angelegenheiten kümmern. Helen kann sich jetzt voll auf die Betreuung von Annie konzentrieren und das Reisen genießen, besonders das Leben in Schottland ist ganz nach ihrem Geschmack. Dort erreicht sie auch ein Telegramm mit der Nachricht, dass John Macy am 26. August 1932 an einem Herzanfall gestorben ist. Er ist nur 55 Jahre alt geworden und obwohl ein berühmter Literaturkritiker, stirbt er verarmt und als Alkoholiker.

Johns Tod und ihre eigene fortschreitende Blindheit brechen Annies unnachgiebigen Willen. Innerhalb des nächsten Jahres wird sie Invalide und verfällt Stück für Stück, bis sie am 20. Oktober 1936 in ihrem Bett stirbt, während Helen ihre Hand hält. Sie ist 70 Jahre alt geworden und ihr Beruf auf der Sterbeurkunde war "Lehrerin". 1200 Menschen nehmen an ihrer Beerdigung teil, und Helen gibt ihr Glaube so große Kraft, dass sie sogar Polly trösten kann. Kurz bevor Annie starb, sagte ein Freund zu ihr "Helen wäre nichts ohne Dich" und Annie antwortete: "Dann wäre mein Leben umsonst gewesen."

Viele Freunde sind der Meinung, dass Polly nicht in der Lage sei, Annies Rolle an Helens Seite zu übernehmen. Um allen guten Ratschlägen zu entkommen, reisen Helen und Polly schon zwei Tage nach der Beerdigung per Schiff nach Schottland, zu Verwandten Pollys. Helen trauert die gesamte Überfahrt und oft glaubt sie, Annie wäre bei ihr. Die Melancholie droht sie zu übermannen, doch langsam gewinnt sie ihre Zuversicht zurück.

1937 erhalten sie eine Einladung nach Japan, um auch dort die Sache der Blinden zu vertreten und die japanisch-amerikanische Zusammenarbeit zu fördern. Am 1. April 1937 gehen sie an Bord der Asama-Maru. In Japan wird ihr ein rauschender Empfang bereitet, und sie hält in 39 Städten 97 Vorträge. Nach Japan besuchen sie noch Korea und die Manchurai, dem unter japanischen Einfluß stehenden Teil Chinas. Sie kommen dort gerade in die ersten Kriegswirren. Erst im August kehren sie in die Staaten zurück. Dort muss sich Helen einer Operation unterziehen und darf bis Januar keine Vorträge. So arbeitet sie mit Nellas Hilfe an ihrem Buch "Journal", das im Frühling 1938 erscheint und ihr Leben ohne Teacher beschreibt.

Polly ist kein wirklicher Ersatz für Teacher. Ihr fehlt die literarische Begabung und Begeisterung in der Formulierung, die Helen an Annie so geliebt hat. Außerdem versucht sie schon bald, Helen in Bezug auf Kleidung und ähnliches Vorschriften zu machen, was zu Streit führt, denn Helen will ihre begrenzte Unabhängigkeit nicht aufgeben.

1938 wird das Haus in Forrest Hill verkauft, das alle zu sehr an Annie erinnert, und sie ziehen nach Westport. Dort baut die Foundation ein Haus für Helen auf extra dafür gespendetem Land. Es ist speziell nach ihren Wünschen geschnitten und Helen liebt Arcan Ridge, wie keinen Platz vorher. Sie ist dort sehr selbständig und kann sich auf dem Grundstück frei bewegen.

Helen, die Deutschland immer mit besonderer Sympathie verbunden war, hasst den Faschismus. Um ihren Beitrag in diesem Krieg zu leisten, beginnt Helen 1943, im Krieg erblindete Soldaten in den Militärhospitälern zu besuchen und ihnen mit ihrem Beispiel neuen Lebensmut zu geben. Sie ist sehr erfolgreich dabei und bezeichnet diese Arbeit als eine der wichtigsten Erfahrungen ihres Lebens. Nach Beendigung des Kriegs fliegt sie im Oktober 1946 mit Polly nach London und reist 2 Monate durch Europa, um auch dort für die "American Foundation for the Overseas Blind" Werbung zu machen. Sie werden von fast allen Regierungsoberhäuptern empfangen, haben Audienzen im Buckingham Palace und bei Papst Pius XII. In Rom erhalten sie die Schreckensnachricht, dass Arcan Ridge vollständig verbrannt ist, zusammen mit ihrem gesamten Besitz und Unterlagen und auch dem Manuskript des Buches über Annie, an dem Helen schon seit mehreren Jahren mühevoll arbeitet. Trotzdem setzen sie ihre Europareise fort und kommen kurz vor Weihnachten in die USA zurück und bleiben bei Freunden.

Die AFB verspricht Helen, den Wiederaufbau des Hauses und im September 1947 können sie in Arcan Ridge 2 einziehen. Sie finden dort viele Geschenke aus der ganzen Welt, vor allem eine ganz neue Braille-Bibliothek. Allerdings reicht es diesmal nur für eine sehr bescheidene Einrichtung, was Polly mit ihrem exklusiven Geschmack sehr zu schaffen macht.

Helen hält zwar keine öffentlichen Vorträge über Sozialismus, aber noch immer hat sie viele kommunistischen Freunde und unterstützt Organisationen, die zumindest im Verdacht stehen, kommunistisch unterwandert zu sein. Das bringt ihr weiterhin öffentliche Kritik ein, und sie steht zumindest zeitweise unter Überwachung des FBI. Nur ihre Behinderung und auch die Schwierigkeit, sie abzuhören, verhindern, dass sie von der antikommunistischen Hetzjagd unter J. Edgar Hoover betroffen wird.

1948 geht Helen, jetzt fast 68, mit Polly auf große Reise für die Sache der Blinden. Für 12 Monate wollen sie nach Australien und in den Orient. Viele ihrer Freunde sind der Meinung, dass dies ihre letzte Reise sein sollte, da das Alter auch an Helen nicht vorüber geht; sie solle sich endlich zur Ruhe zu setzen.

Sie besuchen Hiroshima und Nagasaki und sind tief bewegt von den gezeichneten Menschen dort. In Japan müssen sie dann jedoch ihre Tour abbrechen, da Polly sich nicht wohlfühlt. Zurück in der USA wird ein leichter Herzinfarkt diagnostiziert.

Polly erholt sich wieder soweit, dass sie weiterhin reisen können, doch ihre Belastbarkeit wird immer schlechter und damit einhergehend beginnt wieder ein Kampf zwischen Helens verschiedenen Freunden darum, wer Helens Betreuung übernehmen soll. Polly ist eine umstrittene Persönlichkeit. Sie geht sehr verschwenderisch mit den meist knappen Finanzen um, und sie legt Wert darauf, dass Helen nur Kontakt mit der gehobenen Gesellschaft hat. Außerdem weigert sich Polly, irgend jemanden in der Betreuung Helens anzulernen. Alle Freunde hoffen im Stillen, dass Helen vor Polly stirbt, manche planen sogar schon ihre Beerdigung im Voraus. Helen selbst begrüßt das Alter und fürchtet sich nicht vor dem Tod. Der Swedenborgismus verheißt ihr das Paradies, in dem sie sehen, hören und sprechen kann und alle geliebten Menschen wiedertrifft.

1952 arbeitet Helen mit an einem Dokumentarfilm über ihr Leben, der 1953 unter dem Titel "The Unconquered" - "Die Unbesiegbare" - erscheint. Danach nimmt sie endlich, nun 73-jährig, die Arbeit an ihrem Buch über Annie wieder auf. Diese Arbeit belastet Helen emotional sehr stark, sie leidet unter Schlaflosigkeit und entwickelt einen schmerzhaften Ausschlag, der ihr das Leben verleidet. Der Gedanke, dass sowohl Annie als auch Polly ihr Leben für sie geopfert haben, lässt ihr keine Ruhe. Doch schließlich findet sie wieder Frieden und auch Gefallen am Schreiben, und 1955 wird "Teacher: Anne Sullivan-Macy" veröffentlicht. Es wird kein Bestseller, aber es verkauft sich gut. Im gleichen Jahr noch macht sie eine 5-monatige Tour durch den Nahen Osten, sie denkt überhaupt nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen.

Ihre Sinne beginnen sie immer mehr im Stich zu lassen, ihre Hände werden steif und unsensibler und auch ihr Geruchssinn wird immer schlechter. Sowohl sie als auch Polly müssen mehrmals im Krankenhaus behandelt werden. Mit Polly geht es vor allem geistig bergab. Sie war schon immer sehr einnehmend in Bezug auf Helen, doch jetzt beginnt sich ihr Verhalten immer mehr dem Wahnsinn zu nähern. Ihr übertriebener Perfektionismus führt dazu, dass kein Personal es für längere Zeit mit ihr aushält. und auch jeder Besuch von Freunden wird zu einer Qual. Selbst wenn die Besucher das Fingeralphabet beherrschen, besteht Polly darauf, zu übersetzen. Helen wird zur Gefangenen und hat fast nur noch Kontakt mit der senilen, besitzergreifenden Polly. Helens Familie bietet auch keinen Ausweg in der Betreuung. Ihr Bruder ist selbst schwer herzkrank und die Familie ihrer Schwester Mildred sind erzkonservative Südstaatler, die sich mit nichts, was Helen wichtig ist, identifizieren können.

Trotzdem geht alles irgendwie weiter seinen Gang, bis Polly am 26. September 1957 plötzlich ein schwerer Schlaganfall trifft. Zu dieser Zeit sind Polly und Helen allein. Helen kann nichts tun, als Polly beizustehen bis zweieinhalb Stunden später zufällig der Postbote durch die offene Tür kommt und die beiden findet. Krankenschwestern übernehmen Pollys Pflege zu Hause, doch ihre krankhafte Eifersucht jedem gegenüber, der sich Helen auch nur nähert, nimmt weiter zu. Im Dezember 1958 muss Polly nach einem erneuten Anfall kurzzeitig ins Krankenhaus, und Evelyn Seide, eine Bekannte, zieht zeitweise mit ihrem Mann nach Arcan Ridge, um für Helen zu sorgen, zusammen mit der Krankenschwester Winnifred Corbally. Helen hat jetzt auch von sich aus fast jeden Kontakt mit der Außenwelt aufgegeben. Da Polly meist nicht mehr in der Lage ist, ihr zu buchstabieren und sie andererseits um deren Eifersuchtszustände weiß, verzichtet sie von sich aus auf Besuch und Ausflüge. Die meiste Zeit des Tages verbringt sie damit, die Bücher zu lesen, die sie vor ihrem Tod noch lesen will. Sie ist bereit.

Am 21. März 1960 stirbt schließlich Polly. Kurz vor Pollys Tod hat Helen plötzlich und ohne bekannten Grund Nella Braddy-Henney die Freundschaft aufgekündigt. Sie weigert sich mit ihr oder auch nur über sie zu sprechen. Es gibt viele Spekulationen über Helens Beweggründe dafür, aber am wahrscheinlichsten ist, dass sie endlich frei sein will. Auch Nella gehört zu den wohlmeinenden, ja oft aufopfernden Freunden, die so sehr auf Helens Ruf und Bild in der Öffentlichkeit bedacht sind, dass sie ein Gefängnis um Helen bauen.

Helen will ihre letzten Jahre nach ihrem eigenen Geschmack genießen. Wenigstens jetzt, mit Achtzig, will sie hochhackige Schuhe tragen, Martinis trinken, U-Bahn fahren und an jeder x-beliebigen Würstchenbude Hot-dogs essen dürfen. Wenigstens ein Jahr lang, bevor sie in Invalidität und Senilität verfällt, macht Helen Keller, was sie will. Ihre letzte Betreuerin, Winnie Corbally, schreibt:
"Those were the fun years. Miss Helen was a rogue. ... We had oodles of fun. We would go to a hot-dog stand. Polly Thomson would turn in her grave. She would never allow hot dogs in the house. But miss Helen loved them. 'Don't forget the mustard,' she would say."

"Das waren die lustigen Jahre. Miss Helen war ein Schelm. ... Wir hatten Unmengen Spaß. Wir gingen an einen Hot Dog Stand. Polly Thomson hätte sich im Grabe herumgedreht. Sie hätte niemals Hot Dogs im Haus erlaubt. Aber Miss Helen liebte sie. 'Vergiß bloß nicht den Senf' sagte sie."
Im Oktober 1961 hat Helen ihren ersten leichten Herzanfall, andere folgen und sie bekommt Diabetes. Helen ist die nächsten Jahre an Rollstuhl und Bett gefesselt, bis sie am 1. Juni 1968, nur einige Wochen vor ihrem 88. Geburtstag, in Arcan Ridge friedlich für immer einschläft.

Sie hat in ihrem Leben 35 Länder in fünf Kontinenten bereist, wobei sie mit 50 zum 1. Mal Amerika verlässt, und unzählige Ehrungen auf der ganzen Welt erhalten. Seit ihrem achten Lebensjahr bis zu ihrem Tode, kannte sie jeden amerikanischen Präsidenten persönlich, genauso wie viele Berühmtheiten ihrer Zeit.

Helen Kellers Welt - ihre Empfindung von Klang und Farben

Helen Keller wurde sehr oft von Ärzten und Psychologen studiert, die versuchen wollten, ihrem "6. Sinn" auf die Spur zu kommen. Alle stellten fest, dass Helens verbliebene Sinne überhaupt nicht ungewöhnlich ausgebildet waren, eher sogar unterdurchschnittlich. Objektive Tests zeigten, dass Helens Tastsinn eher hinter dem vieler nur blinder Menschen zurückblieb und auch der Geruchssinn erwies sich als nicht ungewöhnlich.

Trotzdem konnte Helen "Kunststücke" vollbringen, wie kein anderer Mensch. Ihr Geheimnis lag wohl in ihrer Abgeschlossenheit von der Welt und einer damit verbundenen Konzentrationsfähigkeit, die ein sehender und hörender Mensch sich kaum vorstellen kann.

Sie konnte Pflanzen genauer am Geruch erkennen, als die meisten Menschen durch Sehen und Betasten. Sie konnte am Geruch der Menschen sehr oft ihren Beruf erraten und erkannte fast jeden, den sie einmal getroffen hatte am Händedruck wieder und stellte dabei sogar die Stimmung ihres Gegenüber fest.

Besonders empfindsam war sie für die Aufnahme von Vibrationen. Eine Geschichte die sie selbst erzählt ist folgende. Sie saß als 9 oder 10-jährgige mit anderen in einem Lokal (aus "Meine Welt, 1912):
"Ich saß still und horchte mit meinen Füßen. Da fand ich, dass zwei Kellner hin und her gingen, aber nicht im gleichen Schritt. Ein Orchester spielte, und ich konnte die musikalischen Wellen fühlen, wie sie über den Fußboden flossen. Der eine von den Kellnern ging nach dem Takte der Musik, anmutig und leicht während der andere auf die Musik nicht achtete und nach dem falschen Rhythmus eines Missklanges in seinem Innern von Tisch zu Tisch eilte. Ihre Schritte erinnerten mich an das mutige Schlachtross, das mit einem Karrengaul zusammengespannt war."
Sie konnte durch Schwingungen Musik genießen und unterschiedliche Instrumente unterscheiden, wenn sie irgendwie körperlichen Kontakt aufnehmen konnte.

Sie kämpfte ihr ganzes Leben gegen die Einschränkungen, die ihr andere Menschen aufgrund ihrer Behinderung auferlegten. Der Kritik, die immer wieder über ihre Bücher geäußert wurden, dass nämlich eine Taubblinde nicht über Dinge schreiben kann, die sie überhaupt nicht wahrnimmt, ärgerte sie sehr. Sie antwortet darauf mit ihrem Empfinden durch Analogien:
"Vielleicht scheint meine Sonne nicht so wie eure. Die Farben, die meine Welt verherrlichen, das Blau des Himmels, das Grün der Felder, mögen vielleicht nicht genau den Farben entsprechen, an denen ihr euch entzückt, aber für mich sind sie nichtsdestoweniger Farben. Für meine körperlichen Augen freilich scheint die Sonne nicht, flammt der Blitz nicht auf, grünt der Baum nicht im Lenz. Darum haben sie aber doch nicht aufgehört, vorhanden zu sein, sowenig wie die Landschaft vernichtet wird, wenn du ihr den Rücken zudrehst.

Ich begreife, dass Scharlachrot sich von Purpurrot unterscheiden kann, weil ich weiß, dass der Duft einer Orange nicht der Duft einer Pomeranze ist. Ich kann auch begreifen, dass Farben Abtönungen haben und ich errate, was Abtönungen sind. In Geruch und Geschmack gibt es Abweichungen, die nicht bedeutend genug sind, um wesentlich genannt werden zu können; diese bezeichne ich daher als Abtönungen.

Neben mir stehen ein halbes Dutzend Rosen. Sie haben alle den unverkennbaren Rosenduft, und doch sagt mir meine Nase, dass es nicht dieselben sind. Die 'American Beauty' ist verschieden von der 'Jacqueminot' und der 'La Francé'. Die Gerüche gewisser Pflanzen verwelken für meinen Sinn genau so wirklich, wie für eure Augen gewisse Farben in der Sonne verwelken."
Die Welt war für sie nicht dunkel und traurig. Und am Schluss eines Artikels mit dem Titel "Three Days to See" - "Drei Tage zum Sehen", den sie 1933 veröffentlicht, schreibt sie:
"I who am blind can give one hint to those who see - one admonition to those who would make full use of the gift of sight: Use your eyes as if tomorrow you would be stricken blind."

"Ich, die ich blind bin, kann denen einen Rat geben , die sehen - eine Warnung an die, die vollen Gebrauch von der Gabe des Sehens machen: Gebrauch deine Augen so, als ob du morgen von Blindheit geschlagen würdest."
So würde sie sicher am liebsten in der Erinnerung der Menschen bleiben, strahlend und in engen Kontakt mit Kindern, die sie über alles liebte.

* Swedenborgismus: Der Schweizer John Hitz, Helens "Pflegevater" wird ihr spiritueller Leiter und führt sie in die Schriften des berühmter schwedischen Theologen, Wissenschaftlers und Philosophen Emanuel Swedenborg ein. Er ist der Begründer der Neuen Kirche. Der Swedenborgismus vertritt das Konzept einer universellen spirituellen Realität und Brüderlichkeit, eines liebenden Gottes und eines Lebens nach dem Tod, in dem niemand mehr leidet. Helen bezeichnet sich selbst ab dem 16. Lebensjahr als Anhängerin der Neuen Kirche und bleibt ihrem Glauben bis zu ihrem Lebensende treu.

Dieser Vortrag von Birgit Kindler ist ein Extrakt aus den beiden Helen Keller-Biografien von Dorothy Herrmann und Joseph P. Lash.


Alle Fotos durften mit freundlicher Genehmigung der "American Foundation for the Blind" widergegeben werden.

Die American Foundation for the Blind (AFB) ist eine Amerikanische gemeinnützige Organisation, die sich für Menschen mit Sehverlust einsetzt. Die AFB arbeitet für ein möglichst unabhängiges und gesundes Leben von blinden Menschen und deren Familien. Dazu gehört insbesondere ein guter Zugang zur Technologie, Informationen und Hilfsmittel für Fachleute, die für Menschen mit Sehverlust arbeiten. Die Organisation engagiert sich seit mehr als 80 Jahren für die Rechte von Blinden und Sehbehinderten.

Entsprechend Helen Kellers letztem Willen werden ihre Schriften und Erinnerungsstücke von der American Foundation for the Blind im Helen Keller Archiv in New York verwaltet und erhalten.

-> English biography of Helen Keller


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