Das wiedergefundene Licht


Zusammenfassung aus dem Leben von Jacques Lusseyran


Jacques Lusseyran lebte in Frankreich in der Zeit zwischen beiden Weltkriegen. Im Alter von 8 Jahren erlebte er einen Unfall in der Schule: Seine Brille durchbohrte beide Augen, als er gegen die Kante des Schreibtisches seines Lehrers stieß. Trotz Behinderung hörte er nie auf, sich weiter zu bilden mit Büchern in Braille-Schrift.

Später, als er 19 Jahre alt war, gründete er eine Widerstandskämpfer-Gruppe namens „Défense de la France“ mit mehr als 600 Jugendlichen. Durch ihn perfekt organisiert „kämpften“ sie gegen die deutsche Besatzung „ohne Gewalt und ohne Waffen“. Sie retteten gefallene Flieger der Alliierten und sammelten wertvolle Informationen für das französische Volk, die in einer Zeitung in geheimen Druckereien (in Auflagen von bis 250.000 Exemplaren) zwei Mal im Monat gedruckt und in ganz Frankreich verteilt wurde. Nach dem Krieg war sie zum »France Soir« geworden, der bedeutendsten Tageszeitung von Paris.

Gegen Ende des Krieges wurden viele seiner Freunde verhaftet und hingerichtet. Als Blinder hatte er es damals nicht einfach, aber trotz seiner Behinderung hat er es im Alter von zwanzig geschafft, die Verhöre und 330 Tage Gefangenschaft im Konzentrationslager Buchenwald zu überleben. Nach dem Krieg war er ein renommierter Universitätsprofessor und Schriftsteller. Sein größter Wunsch war zu zeigen, was diese Jahre durch die Gnade Gottes an Leben, Licht und Freude enthielten. Er fasste es ihn einem Satz zusammen:

"Die Freude kommt nicht von außen; sie ist in uns, was immer uns geschieht.

Das Licht kommt nicht von außen, es ist in uns, selbst wenn wir keine Augen haben."



Ich sah das Licht. Ich sah es noch, obwohl ich blind war. Ich erinnere mich, dass ich dieser Erfahrung, die sich ständig in mir erneuerte, bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr einen besonderen Namen gab: Ich nannte sie „mein Geheimnis“, und ich sprach darüber nur zu meinen engsten Freunden. Ich weiß nicht, ob sie mir glaubten, aber da sie meine Freunde waren, hörten sie mir zu. Und das, was ich ihnen erzählte, besaß für sie einen weit größeren Wert als nur den der Wahrheit: Sie fanden es schön. Für sie war es ein Traum, ein Zauber, etwas wie Magie.

Das Erstaunliche war, dass es für mich keineswegs Magie war, sondern eine Tatsache, die ich ebensowenig hätte ableugnen können, als dass sie sehen. Nicht ich war das Licht, dessen war ich mir wohl bewußt. Ich badete im Licht, einem Element, dem mich die Blindheit plötzlich näher gebracht hatte. Ich konnte fühlen, wie es herauskam, sich ausbreitete, auf den Dingen ruhte, ihnen Form verlieh und zurückwich: Ja, zurückwich oder auch nachließ. Niemals jedoch gab es für mich ein Gegenteil des Lichts. Die Sehenden sprechen immer von der Nacht der Blindheit, und das ist von ihrem Standpunkt aus ganz natürlich. Aber diese Nacht existiert nicht. Zu keiner Stunde meines Lebens – weder im Bewusstsein noch selbst in meinen Träumen – riss die Kontinuität des Lichts ab.

Ohne Augen war das Licht weit beständiger, als es mit ihnen gewesen war. Jegliche Unterschiede zwischen hellen, weniger hellen oder unbeleuchteten Gegenständen, an die ich mich damals noch genau erinnern konnte, gab es nicht mehr. Ich sah eine Welt, die ganz in Licht getaucht war, die durch das Licht und vom Licht lebte. Auch die Farben – alle Farben des Prismas – bestanden weiterhin. Für mich – das Kind, das so gern zeichnete und malte – war das ein solch unerwartetes Fest, dass ich Stunden im Spiel mit den Farben zubrachte, und das konnte ich um so besser, als diese jetzt fügsamer waren.

Das Licht breitete seine Farben auf Dinge und Wesen. Mein Vater, meine Mutter, die Leute, denen ich auf der Straße begegnete oder die ich anstieß, sie alle waren in einer Weise farbig gegenwärtig, wie ich es niemals vor meiner Erblindung gesehen hatte. Und diese Farben prägten sich mir jetzt als ein Teil von ihnen genauso tief ein, wie es ihr Gesicht vermocht hätte. Freilich waren die Farben nur ein Spiel, während das Licht für mich der Grund des Lebens war. Ich ließ es in mir emporsteigen wie Wasser in einem Brunnen, und ich freute mich ohne Ende.

Mit acht Jahren hatte ich das Gefühl, neu geboren worden zu sein. Da nicht ich es war, der das Licht hervorbrachte, da es mir von außen zuströmte, konnte es mich also niemals mehr verlassen. Ich hatte das Licht in mir, obwohl ich dafür nur ein Durchgangsort, ein Vorhof war; ich hatte das sehende Auge in mir. Dennoch gab es Zeiten, in denen das Licht nachließ, ja fast verschwand. Das war immer dann der Fall, wenn ich Angst hatte.

Wenn ich, anstatt mich von Vertrauen tragen zu lassen und mich durch die Dinge hindurch zu stürzen, zögerte, prüfte, wenn ich an die Wand dachte, an die halb geöffnete Türe, den Schlüssel im Schloß, wenn ich mir sagte, dass alle Dinge feindlich waren und mich stoßen oder kratzen wollten, dann stieß oder verletzte ich mich bestimmt. Die einzige Art, mich im Haus, im Garten oder am Strand leicht fortzubewegen, war, gar nicht oder möglichst wenig daran zu denken. Dann wurde ich geführt, dann ging ich meinen Weg, vorbei an allen Hindernissen, so sicher, wie man es den Fledermäusen nachsagt. Was der Verlust meiner Augen nicht hatte bewirken können, bewirkte die Angst: Sie machte mich blind.

Dieselbe Wirkung hatten Zorn und Ungeduld, sie brachten alles in Verwirrung. Eine Minute zuvor kannte ich noch genau den Platz, den alle Gegenstände im Zimmer einnahmen, doch wenn mich der Zorn überkam, zürnten die Dinge mehr noch als ich, sie verkrochen sich in ganz unerwartete Winkel, verwirrten sich, kippten um, lallten wie Verrückte und blickten wild um sich. Ich aber wußte nicht mehr, worauf ich meine Hand legen, meinen Fuß setzen konnte; überall tat ich mir weh. Dieser Mechanismus funktionierte so gut, dass ich vorsichtig wurde. Wenn mich beim Spiel mit meinen kleinen Kameraden plötzlich die Lust ankam zu gewinnen, um jeden Preis als erster ans Ziel zu gelangen, dann sah ich mit einem Schlag nichts mehr. Ich wurde buchstäblich von Nebel, von Rauch umhüllt.

Die schlimmsten Folgen aber hatte die Boshaftigkeit. Ich konnte es mir nicht mehr leisten, missgünstig und gereizt zu sein, denn sofort legte sich eine Binde über meine Augen, ich war gefesselt, geknebelt, außer Gefecht gesetzt: Augenblicklich tat sich um mich ein schwarzes Loch auf, und ich war hilflos.

Wenn ich dagegen glücklich und friedlich war, wenn ich den Menschen Vertrauen entgegenbrachte und von ihnen Gutes dachte, dann wurde ich mit Licht belohnt. Ist es verwunderlich, dass ich schon früh die Freundschaft und Harmonie liebte? Was brauchte ich einen Moralkodex, wo ich doch in mir ein solches Instrument besaß, das „Rotlicht“ und „Grünlicht“ gar: Ich wußte immer, wo man gehen durfte und wo nicht. Ich hatte nur auf das große Lichtsignal zu sehen, das mich lehrte zu leben.


Ich erinnere mich, wie ich das erste Mal an den Strand kam, zwei Monate nach meinem Unfall. Es war am Abend. Da war nichts als das Meer und seine Stimme, diese unvorstellbar deutliche Stimme. Es war zu einer Masse geballt, die so schwer und klar war, dass ich mich gegen sie hätte stützen können wie gegen eine Wand. Es sprach zu mir in mehreren Lagen gleichzeitig. Die terrassenartig geformten Wellen machten zusammen eine Musik, und doch hatte jede Stufe ihre eigene Sprache: da war ein Kratzen auf dem Grund, ein Sprudeln in der Krone. Man brauchte mir wahrhaftig nicht zu sagen, was Augen hier sehen konnten. Auf der einen Seite war die Wand des Meeres, das Gekräusel des Sandes unter dem Wind, auf der anderen die Brüstung des Strandes, bedeckt mit Echos, ein Spiegel der Töne, und zweifach ertönte der Gesang der Wellen.

Meine Hände gehorchten mir zunächst nicht mehr. Wenn sie ein Glas auf dem Tisch zu fassen suchten, verfehlten sie es. Sie tappten um die Türklinken herum und verwechselten die schwarzen und weißen Tasten des Klaviers. Sie schlugen in die Luft, wenn sie sich den Gegenständen näherten. Fast schien es, als seien sie entwurzelt, von mir abgeschnitten, und eine Zeitlang ängstigte mich das.

Glücklicherweise merkte ich sehr rasch, dass sie nicht nutzlos geworden waren; sie begannen, geschickt zu werden. Man musste ihnen nur Zeit lassen, sich an die Freiheit zu gewöhnen. Ich hatte geglaubt, sie gehorchten mir nicht mehr; in Wirklichkeit war es nur so, dass sie keine Anordnungen mehr erhielten. Meine Augen konnten sie nicht mehr befehligen.

Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Gegenstände starr an einen Punkt gebunden, auf immer an ihn gefesselt und in einige einzige Form gepresst sind: Die Objekte leben, selbst die Steine. Mehr noch: Sie vibrieren, sie erzittern. Meine Finger fühlten deutlich dieses Pulsieren, und wenn sie darauf nicht mit eigenem Pulsschlag antworteten, waren sie sogleich hilflos und verloren ihr Gefühl. Wenn sie jedoch den Dingen entgegen gingen, mit ihnen pochten, dann erkannten sie sie.

Doch es gab noch etwas Wichtigeres als die Bewegung: Den Druck. Legte ich die Hand leicht auf den Tisch, so wusste ich, dass da der Tisch war, sonst aber erfuhr ich nichts über ihn. Um etwas zu erfahren, mussten meine Finger einen Druck ausüben, und das Überraschende dabei war, dass mir dieser Druck sogleich vom Tisch erwidert wurde.

Wenn jeder meiner Finger verschieden stark gegen die Rundung eines Apfels drückte, wusste ich bald nicht mehr, ob der Apfel schwer war oder meine Finger. Ich wußte nicht einmal mehr, ob ich ihn berührte oder er mich. Ich war ein Teil des Apfels geworden und der Apfel ein Teil von mir. Das war es, wie die Dinge – für mich – existierten.

Meine zum Leben erwachten Hände führten mich in eine Welt hinein, in der alles ein Austausch von Druck war. Dieser Druck verdichtete sich zu Formen, und alle diese Formen hatten einen Sinn. Ich muss in meiner Kindheit Hunderte von Stunden damit verbracht haben, mich gegen die Gegenstände zu lehnen und sie sich gegen mich lehnen zu lassen.

Auf diese Art – die richtige Art – die Tomaten im Garten zu befühlen, die Hausmauer, den Vorhangstoff oder einen Erdklumpen, heißt, sie zu sehen, sie fast ebenso genau und vollständig zu sehen, wie es Augen vermögen, mehr noch: es heißt, sich auf sie einzustellen, gleichsam den elektrischen Strom, den sie enthalten, an jenen Strom, mit dem wir geladen sind, anzuschließen, anders ausgedrückt, nicht mehr von den Dingen zu leben, sondern zu beginnen, mit ihnen zu leben, es heißt – so schockierend das Wort auch scheinen mag – sie zu lieben. Die Hände müssen das, was sie richtig berührt haben, lieben.


Ich war noch nicht zehn Jahre alt, da wußte ich schon – und mit welch vertrauensvoller Gewissheit -, dass alles in der Welt ein Zeichen von allem ist, dass jedes Ding allzeit bereitsteht, den Platz eines anderes einzunehmen, falls dieses ausfällt. Vollkommener Ausdruck für dieses ständige Wunder der Genesung war für mich das »Vater Unser«, das ich jeden Abend vor dem Einschlafen aufsagte. Ich hatte keine Angst. Andere würden sagen: Ich hatte den Glauben. Wie hätte ich ihn nicht haben sollen – vor diesem sich ständig erneuernden Wunder: Alle Töne, alle Gerüche, alle Formen wandelten sich in mir unaufhörlich in Licht, das Licht wurde zu Farben und machte meine Blindheit zu einem Kaleidoskop.

... Deshalb möchte ich den Eltern, deren Kinder blind werden, sagen, dass sie wieder Mut fassen sollen. Die Blindheit ist zwar ein Hemmnis, doch zum Unglück wird sie nur durch den Unverstand. Sie sollten wieder Mut fassen und niemals dem widersprechen, was ihr kleiner Junge oder ihr Mädchen entdeckt. Sie sollten niemals zu ihnen sagen: „Du kannst das nicht wissen, weil du nicht sehen kannst“, und so selten wie möglich: „Tu das nicht! Das ist gefährlich!“. Denn es gibt für ein blindes Kind eine Drohung, die fürchterlicher ist als alle Wunden und Beulen, alle Schrammen und die meisten Schläge: Die Isolierung in sich selbst.


Ich ging auf einer mit Bäumen gesäumten Landstraße, und ich konnte auf jeden der Bäume entlang der Straße zeigen, selbst wenn diese nicht in regelmäßigen Abständen gepflanzt waren. Ich wußte, ob die Bäume gerade und hoch waren, ob sie ihre Äste trugen wie ein Körper seinen Kopf oder ob sie, zu Dickicht verfilzt, den Boden rings umher bedeckten.

Um sie auf diese Art wahrzunehmen, musste ich mich in einem Zustand halten, der von all meinen Gewohnheiten so sehr abwich, dass es mir nicht gelang, längere Zeit in ihm zu verharren. Ich musste die Bäume selbst ganz an mich herankommen lassen. Ich durfte nicht die geringe Absicht, auf sie zuzugehen, den geringsten Wunsch, sie kennenzulernen, zwischen sie und mich stellen. Ich durfte nicht neugierig sein, nicht ungeduldig, vor allem nicht stolz auf meine Fähigkeit.

Das Experiment mit den Bäumen am Rande der Straße konnte ich mit jedem beliebigen Gegenstand wiederholen der eine gewisse – mindestens meine – Höhe hatte: Mit den Telegraphenstangen, Hecken, Brückenbögen, den Häuserwänden entlang der Straße, ihren Türen, Fenstern, Vertiefungen und Schutthaufen. Was die Gegenstände mir mitteilten, war, wie bei der Berührung, ein Druck, doch ein so neuartiger Druck, dass ich zunächst nicht daran dachte, ihn so zu benennen.

Wenn ich mich ganz in die Aufmerksamkeit vertiefte und meiner Umgebung keinen eigenen Druck mehr entgegensetzte, dann legten sich Bäume und Felsen auf mich und drückten mir ihre Form ein, wie es Finger tun, die ihren Abdruck in Wachs hinterlassen. Diese Neigung der Gegenstände, aus ihren natürlichen Grenzen herauszutreten, verursachte Eindrücke, die ebenso deutlich waren wie Sehen oder Hören. Ich brauchte allerdings mehrere Jahre, um mich an sie zu gewöhnen, sie ein wenig zu zähmen. Noch heute bediene ich mich – wie alle Blinden, ob sie es wissen oder nicht – eben dieser Eindrücke, wenn ich mich in einem Haus oder im Freien allein bewege. Später las ich, dass man diesen Sinn den »Sinn für Hindernisse« nenne und dass gewisse Tierarten, Fledermäuse zum Beispiel, anscheinend bis zu einem sehr hohen Grad damit ausgestattet seien.

Schließlich haben Untersuchungen des französischen Schriftstellers und Akademiemitglieds Jules Romain gezeigt, dass es auch eine außerhalb der Retina liegende visuelle Aufnahmefähigkeit gibt, die ihren Sitz in gewissen Nervenzentren der Haut hat, vornehmlich in den Händen, der Stirn, im Nacken und auf der Brust. Ich hörte vor Kurzem, dass dieselben Untersuchungen mit dem größten Erfolg nunmehr auch von Physiologen durchgeführt worden seien, namentlich in der UdSSR.

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Wie ich weiß, haben viele Blinde die Fähigkeit, sich die Wege, die ihnen in der Außenwelt verschlossen sind, von innen heraus wieder zu erschließen. Wie sonst könnte man sich erklären, dass sich so viele oft allein durch eine wenig bekannte Stadt bewegen können und sich dabei nicht öfters verirren als Leute, die sehen?

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Das erste, was meine Eltern im Garten meines Großvaters in Juvardeil aufstellten, war ein Turngerät. Mir ist, als hätte ich Jahre verbracht, in den Seilen und den Ringen zu hängen, die Strickleiter hinauf- und hinunterzuklettern oder Überschläge am Trapez zu machen. Hier war der Lieblingsplatz meiner Ferien. Hier warf ich meine Träume mit vollen Händen über Bord, räumte Grillen aus. Wenn ich mich mit bloßer Armkraft auf das Reck schwang, hatte ich das Gefühl, als ob ich plötzlich die Richtung änderte, als ob ich mit meinem ganzen Gewicht in die Luft flöge, der Sonne entgegen.

Das Turngerät war weit mehr als nur eine Übung für mich, es war eine Vermählung mit dem Raum. Es flößte mir auch keine Angst ein. In dem Augenblick, wo ich die Stange oder das Seil fest in der Hand hatte, fand ich die Freiheit wieder, die andere von ihren Augen erhalten. Das Trapez schwankte unter meinem Sprung, doch erlaubte mir dieses Schwanken, mich ganz auf mich selbst zu konzentrieren. Ich fühlte mich in einiger Entfernung vom Boden wohler als auf der Erde. Es schien mir sogar, dass ich hier aufnahmefähiger wurde. Alle Arten von Schatten waren wie weggefegt. Ich konnte besser fühlen, besser hören, besser sehen. Ich sah den Himmel über den Mauern des Gartens sich öffnen und sich in jähem Fall zum Fluss hin senken.

Oft konnte ich die Leute reden hören, bevor ein Wort über ihre Lippen gekommen war. Die Töne waren dem Licht eng verwandt: Sie lagen weder innerhalb noch außerhalb von mir, sie gingen durch mich hindurch. Wenn sich die Leute an mich, den kleinen Blinden, wandten, waren sie nicht auf der Hut. Sie waren überzeugt, dass ich die Worte vernähme, die sie sagten, dass ich ihren Sinn verstehe. Sie ahnten nie, dass ich in ihrer Stimme wie in einem Buch lesen konnte.

Ich konnte schließlich, ohne es zu wollen, ohne daran zu denken, so vieles in den Stimmen lesen, dass sie mich mehr interessierten als die Worte, die sie formulierten. Manchmal hörte ich im Unterricht ganze Minuten lang nichts mehr, weder die Fragen des Lehrers noch die Antworten meiner Kameraden. Ich war viel zu sehr von den Bildern in Anspruch genommen, die ihre Stimmen vor mir vorbeiziehen ließen, und das um so mehr, als diese Bilder oft in auffallendem Widerspruch zum Augenschein standen.

Was die Stimmen mich lehrten, lehrten sie mich fast immer sofort. Unsere Gelüste, unsere Launen, unsere heimlichen Laster und selbst unsere sorgsamst gehüteten Gedanken übertrugen sich auf den Klang unserer Stimme, wurden offenbar in ihrer Modulation, in ihrem Rhythmus. Lagen drei oder vier Töne zu nah beisammen, dann hieß das Zorn, selbst wenn man dem Sprechenden nichts davon ansah. Auch die Heuchler konnte man auf der Stelle ertappen: Ihre Stimme war gedehnt und wies leichte, aber abrupte Abstände zwischen den Tönen auf, als ob sie beschlossen hätten, ihrer Stimme niemals freie Bahn zu lassen.

Mein Freund Jean

Wir waren so sehr eins, dass wir uns telepathisch verständigen könnten. Die Leute waren schließlich so daran gewöhnt, uns zusammen zu sehen, dass sie uns nicht mehr klar unterscheiden konnten. Jean sagte manchmal zu mir – ich zu ihm -, wie schade dies sei, eines Tages müssten wir uns trennen. Doch diese Vorstellung kam für uns dem Gedanken an den Tod gleich, wir wiesen sie sofort von uns. Jean liebte es, dass ich blind war, denn er dachte, dass unsere Freundschaft sonst niemals so vollkommen gewesen wäre. Wir liehen einander übrigens ständig unsere Augen, an einem Tag sah er, am nächsten ich. Auch daraus machten wir ein Abenteuer.

Um mich besser führen zu können, hatte Jean ein System erfunden. Ein Druck seiner Hand auf meine rechte Schulter besagte: „Abhang rechts. Körpergewicht nach links verlagern“, und umgekehrt. Ein Druck mitten auf den Rücken zeigte an: „In gerader Sicht keiner Gefahr vor uns. Schneller gehen“. Ein Druck auf den linken Teil des Rückens bedeutete: „Langsamer! Wendung nach rechts“. Und wenn der Druck seiner Hand stärker wurde, hieß das, dass es sich um eine Haarnadelkurve handelte. Für jedes Hindernis gab es ein Zeichen: Für einen Stein, über den man klettern, einen Bach, den man überspringen, Zweige, denen man gesenkten Kopfes ausweichen musste. Jean versicherte, dass seine Methode in weniger als einer Stunde vollkommen funktioniere und dass es für mich dann so sei, als hätte ich meine Augen wieder; für ihn sei es so einfach, dass er schon gar nicht mehr daran denke.

Tatsächlich funktionierte sein Radarsystem so gut, dass der Abstieg auf einem schmalen Pfad am Rande des Abgrunds und auf rollenden Steinen eine kaum größere Anspannung bedeutete als ein Spaziergang auf den Champs-Elysées. Jean fühlte sich verantwortlich, er machte nicht einen Fehler, wenn er mich führte. Aber pausenlos die Landschaft betrachten – das war zu viel für ihn.

Wir sprachen mindestens einmal in der Woche – so wie man sonntags zur Messe geht – von diesem Thema. Es war übrigens wirklich ein religiöses Thema. Die Tatsache, dass die Welt so offensichtlich eine Einheit war, machte mich unfähig, darüber gut zu sprechen. Ich konnte nur wiederholen: »Es gibt nur eine Welt. Die äußere existiert nur dann, wenn du ihr all das, was du in dir trägst, entgegensetzt. Die innere wirst du niemals deutlich sehen, wenn du nicht die äußere vollständig in dich eindringen lässt.«


Der erste Konzertsaal, den ich mit acht Jahren betrat, bedeutete in einer einzigen Minute mehr für mich als alle legendären Königreiche. Der erste Musiker, den ich hier hörte, dort vor mir, ein paar Schritte von meinem Orchestersessel entfernt, war ein anderes Kind: Yehudi Menuhin.

Sechs Jahre lang holte mich mein Vater von Oktober bis Mai jeden Samstag am Ausgang des Gymnasiums ab, rief ein Taxi herbei und führte mich in eines der Konzerte, die von den großen Symphonieorchestern in Paris gegeben wurden. Der Eintritt in den Saal war die erste Episode einer Liebesgeschichte. Das Stimmen der Instrumente war meine Verlobung. Danach stürzte ich mich in die Musik wie einer, der sich im Glück wälzt. Die Welt der Violinen und Flöten, Hörner und Celli, der Fugen, Scherzos und Gavotten gehorchen so schönen und klaren Gesetzen, dass mir jegliche Musik von Gott zu sprechen schien. Mein Körper lauschte nicht, er betete. Mein Geist hatte keine Grenzen mehr. Und wenn mir Tränen in die Augen stiegen, spürte ich sie nicht herabrollen, sie waren außerhalb von mir. Ich weinte jedesmal vor Dankbarkeit, wenn das Orchester zu spielen begann. Die Welt der Töne – welch eine unerwartete Gnade für einen Blinden! Die Musik ist für einen Blinden eine Nahrung, wie es für die, die sehen, die Schönheit ist.

Ich habe Mozart so sehr geliebt, ich habe Beethoven so sehr geliebt, dass sie letztlich das aus mir gemacht haben, was ich bin. Sie haben meine Emotionen geformt und meine Gedanken geleitet. Heute hängt für mich die Musik an einem goldenen Nagel, der den Namen Bach trägt. Aber nicht mein Geschmack hat sich geändert, sondern meine Bekannten. In meiner Kindheit lebte ich mit Mozart, Beethoven, Schumann, Berlioz, Wagner und Dvorak, weil sie die waren, denen ich jede Woche begegnete. Mein Vater hatte die Gewohnheit, vom Konzert zu Fuß nach Hause zu gehen; er schenkte mir damit einige der schönsten Stunden meiner Kindheit.

Dieses in vieler Hinsicht ungewöhnliche Buch ist die Selbstbiographie eines Franzosen, der – als Kind erblindet – mehr „sieht“ und intensiver erlebt als viele seiner Zeitgenossen, der die Schulen mit Auszeichnung absolviert und Professor an berühmten Universitäten wird, allen Schwierigkeiten zum Trotz.

Das Buch schließt mit den Sätzen:

"Die Freude kommt nicht von außen; sie ist in uns, was immer uns geschieht.

Das Licht kommt nicht von außen, es ist in uns, selbst wenn wir keine Augen haben."



"Hiermit erlaube ich dem Verein 'Dem Frieden Dienen' und der Homepage 'Jugendforum-Mithila', alle Seiten von meiner Homepage 'Augenschule-im-Spessart' zu kopieren, zu veröffentlichen und zu verbreiten." Jordi Campos - Arzt für Naturheilverfahren - Augendiagnose und Sehtraining

    http://www.augenschule-im-spessart.com


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