Was der Bach sagt


Bach


Plötzlich stand ich vor einem Bach,
der durch das Tal fließt, und singend sagte:

Das Leben besteht nicht aus Wohlbefinden,
sondern aus Suchen und Streben.

Der Weise erweist sich nicht durch Worte,
sondern durch das Geheimnis, das sich dahinter verbirgt.

Den Angesehenen erkennt man nicht an seiner Stellung,
vielmehr gebührt diese Ehre dem, der einen hohen Rang ablehnt.

Den Edlen erkennt man nicht an seinen Ahnen.
Wie viele Edle waren Opfer ihrer Vorfahren?

Den unterwürfigen Menschen erkennt man nicht an seinen Ketten,
denn Ketten können prächtiger sein als kostbarer Schmuck.

Das Paradies besteht nicht in der Belohnung,
vielmehr befindet es sich in den reinen Herzen.

Die Hölle besteht nicht aus Qualen,
sondern sie ist in den leeren Herzen.

Der Besitz misst sich nicht in Gold.
Wie viele Vagabunden sind reicher als die Reichen?

Der Arme erweist sich nicht durch Geringschätzung,
denn der Reichtum der Welt ist ein Laib Brot und ein Gewand.

Die Schönheit zeigt sich nicht in den Gesichtern,
denn sie ist ein warmer Strahl für die Herzen.

Die Vollkommenheit besteht nicht in der Unbescholtenheit;
vielleicht hat derjenige mehr Verdienste, der Fehler begeht.

Das ist es, was der Bach den Felsen sagte, die an seiner Rechten und Linken aufragten.
Und vielleicht stammt, was er sagte, von den Geheimnissen der Meere.

Meer

Khalil Gibran

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