Helena Roerich: Ein Brief an die Jugend

Im Inneren habe ich mir vorgestellt, dass ich vor meinem geistigen Auge viele, viele junge Gesichter, viele, viele klare, junge funkelnde Augen sehe. Und ich hatte das Verlangen, ihnen über Freude zu erzählen.

Nicht von sinnloser Freude, die einen springen und hüpfen lässt, sondern von weiser Freude, die durch das Wahrnehmen der Schönheit des Daseins entsteht.

Man wird fragen: darf man jetzt von der Freude sprechen, jetzt, wo so viel Kummer, Greuel und Blut um uns herum ist und so viele Spannungen auf der Welt existieren? Ja, man darf, und man darf nicht nur, sondern man muss davon sprechen, weil nach einem alten chinesischen Sprichwort "Freude ist eine besondere Weisheit", und der, der das Wesentliche kennt, weiß, daß es nie irgendeinen Grund zur Traurigkeit und Mutlosigkeit gibt, weil alles vergänglich ist und darüber, worüber wir heute weinen, werden wir morgen lachen. Sogar jeder Baum schmückt sich in Freude mit Blumen, aber auch wenn er die Blätter im Herbst abwirft, wird er nicht traurig: er denkt an den kommenden Frühling.

Freude bildet um uns herum eine besondere Atmosphäre, die zu uns Herzen anderer Menschen anzieht. Das bedeutet, dass Freude uns Glück und Erfolg gibt, weil es ja selbstverständlich ist, dass der Mensch mit einem Lächeln das Lächeln des anderen erwidert und von einem düsteren, nicht zufriedenen und bösen Gesicht flieht.

Freude jagt von uns jeden Schatten der Mutlosigkeit, durch die der Mensch immer das Wenige, das er vorher gehabt hat, verliert, wobei Freude ein neuer Weg ist, der neue Möglichkeiten gibt. Die klare Freude ist wie eine Leuchte in der Finsternis, sie vertreibt jegliche Verdunkelung des Herzens.

Wenn es möglich wäre, den geistigen Zustand eines mutlosen Menschen und eines freudigen Menschen zu fotografieren, könnten wir um den ersten herum eine graue Hülle sehen, wobei die innere Freude des zweiten ihn mit hellen glitzernden Tönen umringen würde. Und wie bedauerlich ist es, dass die Leute sehr oft Angst vor Freude haben, sogar sich zwingen, die Freude zu verlernen, wobei sie ihr Denken mit Stagnation und Finsternis umhüllen.

Man kann Freude mit einem starken Magneten vergleichen, weil sie , genau wie ein Magnet, zu sich Herzen anzieht und gibt demjenigen, der sie besitzt, Antrieb zum Leben und zum Widerstand gegen allerlei Ärger und Hindernisse, wobei Mutlosigkeit die Ursache fuer Willenlosigkeit ist und den Menschen in den Abgrund treibt...

Freude weckt Vertrauen. Freude hilft einer Freundschaft, enger zu werden. Bei der Freude des Geistes gibt es keinen Platz für Selbstmitleid. Und wir sollen es uns gut einprägen, daß eine Menge von sogar uns sehr nahe zur Verfügung stehenden prachtvollen Möglichkeiten durch die vom Selbstmitleid entstandenen Klagen der Leuten zerstört wird. Im Gegensatz dazu entwickelt die Freude des Geistes Standhaftigkeit und hartnäckigen Willen, immer nach vorne zu gehen. (Können wir uns, zum Beispiel, wenigstens an einen Helden mit mutlosem und willenlosem Gesicht erinnern?)

Es ist notwendig, dass sich die jungen Herzen an freudiger Heldentat entflammen, die ihr ganzes Leben sogar für sie selber unauffällig umformen kann. Aber nicht mutlos, nicht zweifelnd und nicht verdächtigend muss man diesen Weg der Heldentat beginnen, sondern sich auf die Zukunft und auf den Gedanken, jemandem etwas geben zu können, freuend.
Und so gibt Freude einem Menschen irgendwelche besondere Kräfte, deren Gründe die Wissenschaft noch nicht erklären konnte. Freude füllt einen Menschen mit einem besonderen Licht, das auch auf die anderen wirkt. Man kann zum Beispiel beobachten, daß wenn ein Mensch, dessen Wesen mit Freude erfüllt ist, einen Raum betritt, wo einige mutlose Leute sitzen, so verschwindet sofort auf irgendeine Weise die Atmosphäre der Mutlosigkeit, und die bisher mutlosen Posen der Gesprächspartner werden munter, die trüben Blicke entflammen sich, und die Mundwinkel verziehen sich zu einem Lächeln.

Wo soll man nach dem Grund zu so einem Wandel suchen? Man sollte der Wirkung unserer Gedanken und Gefühle auf das uns Umgebende mehr Aufmerksamkeit schenken. Ist es schon anhand dieses Beispiels nicht klar, dass der Grund im geistigen Gleichgewicht des Eingetretenen liegt, dass der Mensch, der mit Daseinsfreude erfüllt ist, eine gigantische Lebenskraft und Lebensenergie besitzt, die sofort anderen vermittelt wird...

Aber wie kann man trotz allerlei Kummer eine ständige Freude in sich behalten?

Eine alte östliche Weisheit lautet: "Halte in Dir Freude eine Stunde lang am Morgen, und sie wird Dir den ganzen Tag erhalten bleiben."

Lassen wir uns darüber tiefer nachdenken. Eigentlich ist das alles, was uns vom Morgen an aus dem Gleichgewicht bringen kann, - das nicht rechtzeitig vorbereitete Frühstück, die nicht gut gebügelte Bluse, die nicht richtig gebundene Krawatte oder der irgendwohin verlegte Manschettenknopf -, das alles ist so gering und unbedeutend, dass es keinen Sinn gibt, deswegen gereizt zu werden und unter dieser Gereiztheit den ganzen Tag zu leiden. Und wenn wir uns daran erinnern, dass Gereiztheit im Körper ein besonderes Gift erzeugt, das den Körper für das ganze Leben zerstört, so werden wir begreifen, dass alle diese Kleinigkeiten nicht so viel wert sind, wie unsere Seele und unsere Gesundheit. Es genügt doch nur eine kleine Anstrengung des Willens, nur ein kleiner Gedanke daran, dass wir stärker und höher als diese geringen Umstände sein sollen, und wir sind ins Gleichgewicht gebracht. Und der Gedanke, dass wir so viel Energie, wertvolle Energie, die wir jetzt so sehr brauchen, für solche Kleinigkeiten verbraucht haben, wird uns dann zum Lachen bringen, und wir werden uns zugleich deswegen auch schämen müssen. Denn durch irgendwelche, noch nicht beschriebene Anzeichen spüren wir schon, dass alles, was jetzt auf der Welt geschieht, auf irgendeine Weise irgendwelche Fristen näher bringt. Und wir müssen uns schon jetzt auf die zukünftige Arbeit unter ganz neuen Bedingungen vorbereiten, uns auf den Dienst am Wohl einstellen.

Unser Herz soll immer auf alles Umgebende fröhlich erklingen. Es soll sich mit der Einsicht in die Notwendigkeit des Gebens, des selbstlosen liebevollen Gebens füllen, des Gebens, wobei nur der Gedanke da ist, den hellen Kräften zu helfen, die über die Interessen der ganzen Menschheit wachen. Und wenn unser Herz mit den hellen Tönen erfüllt sein wird, dann kommt zu uns Freude, weil die Quelle der Freude das Herz ist.

Jetzt steht die ganze Menschheit auf der Schwelle zu einer neuen Welt. Die alten Prinzipien brechen zusammen. Es verschwinden die veralteten Begriffe. Es kommen irgendwelche neue Wandlungen, bis jetzt für viele noch nicht bewusste, aber schon undeutlich wahrnehmbare und aufregende. Jetzt kann man nur durch Ruhe und Geduld sein Gleichgewicht erreichen, und nur durch freudige Einsicht in das Neue, das Wichtige, das Herankommende. Schwierigkeiten, schwierige Tage sind für eine solche Zeit unvermeidlich, weil die spannungsgeladene Verdrängung gewisser Energien durch andere, neue und helle vor sich geht . An die Stelle der Finsternis tritt der Triumph des Geistes.

Wie kann man diese Zeit ohne feierliche Freude und dem Verlangen, diesem neuen geistigen Aufbau zu helfen, empfinden? Wir werden also in uns unermüdlich das Gefühl des Strebens in die Zukunft aufrechterhalten. Und im Herzen jedes bewussten Anhängers des Lichtes mögen unaufhörlich die feierlichen Glocken der Freude und des Wartens auf die schöne neue Welt klingen. Diese Welt kommt schon mit unhörbaren, aber machtvollen und festen Schritt.

Jetzt gehen Welten zugrunde, stürzen Throne, verschwinden von der Erde viele hervorragende Persönlichkeiten. Alle Völker spannen ihre Kräfte an, und es ist eine große schwierige Zeit. Zwischen allen stattfindenden und auf den ersten Blick nicht zusammenhängenden Ereignissen gibt es in der Wirklichkeit einen Zusammenhang. Das alles wurde im Laufe von Jahrhunderten durch die Menschheit selbst vorbereitet, und jetzt ist alles ans Licht gekommen.

Es ist wahrscheinlich, dass Sie noch Zeugen von vielem Unerwarteten und Überraschenden noch sein werden, weil das kosmische Gleichgewicht noch bei weitem nicht erreicht ist. Jeder, wer kann, soll in diesem großen Kampf des Lichtes und der Finsternis helfen. Natürlich wird diese Hilfe nicht in wilden Liedern, Geschrei und Streitigkeiten und nicht in unsauberen Vergnügungen sein, sondern in der Aufrechterhaltung des Strebens zum Licht, im reinen Denken und in der feierlichen Freude auf die Zukunft, weil wir es hoffen werden, dass in jedem jungen Herz das aufrichtige Verlangen brennt, der Heimat mit der Freude des Geistes zu helfen. Die Heimat wartet und nimmt die freudige Gabe des Herzens entgegen.

von Helena Roerich
siehe auch: www.roerichs.com/lng/de


Startseite Druckversion