Das einfache Leben



Der Prophet Mohammed, der sein Leben der Verbreitung seiner Lehre unter den Arabern gewidmet hatte, legte keinen Wert auf Bequemlichkeit und Reichtum.

Eines Nachts schlief er auf einer harten Matte, und als er am Morgen erwachte, zeigten sich auf seiner Haut Abdrücke der Knoten und Fasern seines Bettes.
Ein Freund sagte zu ihn:" O Bote Allahs! Dieses Bett war zu hart für dich, und wenn du mir etwas gesagt hättest, hätte ich dir mit Freunden ein weicheres bereitet, so dass du besser hättest ruhen können."

Der Prophet antwortete: "Ein weiches Bett ist nichts für mich. Ich habe eine Aufgabe in dieser Welt zu erfüllen. Wenn mein Körper Ruhe braucht, gebe ich sie ihm, aber nicht mehr als ein Reiter, der sein Pferd nur für eine kleine Weile im Schatten eines Baumes anbindet, um es vor der Hitze der Sonne zu schützen, und dann bald wieder weiter reitet."

"Ich habe eine Aufgabe in dieser Welt zu erfüllen", sagte der Prophet. Deshalb lebte er sein Leben in Einfachheit und Würde. Da er von seiner Berufung überzeugt war, wollte er seine Lehre in ganz Arabien verbreiten. Er legte keinen Wert auf Luxus: Sein Herz und Sinn waren auf höheres Gut ausgerichtet.


Blüte eines Ficus religiosa   
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Die folgenden Geschichte zeigt, dass ein einfaches Leben einer gesunden Seele mehr Glück bietet als irgendetwas anderes.

Maisun war eine Tochter des Stammes des Kalbs; sie hatte ihre frühe Jugend in Zelten in der Wüste verbracht.

Eines Tages wurde sie mit dem Kalifen Muawiyah vermählt. Obwohl er reich war und viele Sklaven hatte, war sie nicht glücklich mit ihm, und trotz aller Pracht um sie herum fand sie keine Seelenruhe. Oft, wenn sie alleine war, sang sie leise Verse vor sich hin, die sie auf Arabisch gedichtet hatte:

Braune Kleider aus Kamelhaar sind für mich schöner als die Gewänder einer Königin.

Es ist lieblicher, in einem Wüstenzelt zu wohnen als in den großen Hallen eines Palastes.

Die jungen Fohlen, die frei in einem Araberlager umherlaufen, sind hübscher als die Maultiere, die von der Last ihres Prachtgeschirrs niedergedrückt werden.

Die Stimme des Wachhundes, der einen nahenden Fremden meldet, klingt süßer als das Elfenbeinhorn der Palastwache.

Der Kalif hörte ihr Lied und verbannte sie von seinem Hof. So kehrte die Dichterin zu ihrem Stamm zurück und war glücklich, nichts mehr von dem prächtigen Wohnsitz zu sehen, der sie traurig gemacht hatte.



Blüte eines Ficus religiosa   
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Viele Menschen in allen Herren Länder beginnen langsam zu begreifen, dass ein einfaches Leben wünschenswerter ist als eines in Luxus, Eitelkeit und Protzerei.

Immer mehr Männer und Frauen, die es sich leisten könnten, kostbare Dinge für sich selbst zu kaufen, begreifen, dass sie ihr Geld besser verwenden können.

Sie ziehen gesunde Nahrung einem üppigen Mahl vor und richten ihre Heime mit einfachen, stabilen und geschmackvollen Möbeln ein statt mit unbequemen, überladenen und nutzlosen Gegenständen, die nur der Zurschaustellung dienen.

In jedem Jahrhundert wussten die besten und tatkräftigsten Diener des menschlichen Fortschritts, wie man ein ruhiges und genügsames Leben führt, das den Körper gesund erhält und dem Menschen ermöglicht, einen aktiven Anteil an der Arbeit für das allgemeine Wohlergehen zu leisten. Ihr Beispiel wird immer jene beschämen, die nutzlose Reichtümer anhäufen und Sklaven ihrer vielen Diener, Kleider und Möbel werden.

Man kann nicht Erde aufhäufen, ohne ein Loch in den Boden zu machen - zu oft stellt der Luxus von einigen wenigen die Armut von vielen anderen dar. In der Welt gibt es zu viele schöne, große und nützliche Ding für jene zu tun, die nicht völlig bar jeder Intelligenz sind, als dass sie ihre Zeit, ihr Geld und ihre Gedanken an sinnlosen Zeitvertreib verschwenden sollten.



Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   
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Der heilige Franz von Assisi war ein Verfechter des nützlichen und guten Lebens. Er lehrte nicht, um Geld zu verdienen. Er lebte einfach und fand seine größte Freude darin, andere durch sein Vorbild und seine Predigten zu lehren. Und welches Essen er auch immer erhielt, er war zufrieden damit.

Eines Tages kamen er und sein Gefährte, Bruder Masseo, durch eine Stadt. Masseo ging die eine Straße entlang und Franziskus eine andere. Masseo war groß und hübsch, während der Heilige klein war und unscheinbar aussah. Die Leute gaben großzügig an Masseo, Franziskus jedoch erhielt nur sehr wenig.

Als sie sich außerhalb der Stadttore wieder trafen, ließen sie sich bei einem großen Stein am Ufer eines klaren Flusses nieder und legten die Almosen zusammen, die sie erhalten hatten.

"O Bruder" sagte Masseo, "aber wie sollte man diese paar Brotstücke ein Festessen nennen? Wir haben keine Messer, Teller, Tischtücher und Diener."
"Ist es etwa kein Festmahl", erwiderte der Heilige, "gutes Brot auf einem guten Tisch zu haben, wenn man hungrig ist, und frisches Wasser aus einer klaren Quelle, wenn man durstig ist?"

Damit ist nun nicht gemeint, dass arme Leute sich für immer mit ihrer kläglichen Kost abfinden müssen. Auf jeden Fall zeigt die Geschichte aber, dass die Zufriedenheit, die von einem edlen Lebenswandel kommt, und die Heiterkeit, die einer schönen Seele entspringt, materielle Besitztümer und äußeren Reichtum wettmachen.

Flower of a Ficus religiosa   
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Geschichten von Mirra Alfassa


aus "Inspirierende Geschichten" von Mirra Alfassa, mit freundlicher Genehmigung des Yantra-Verlags, siehe -> Literatur


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