"Der Zimmermann bearbeitet das Holz.
Der Schütze krümmt den Bogen.
Der Weise beherrscht sich selbst."

Buddha


Selbstbeherrschung

Die Verfasserin

Mirra Alfassa

Mirra Alfassa, auch als DIE MUTTER bekannt, gehört zu den hervorragendsten spirituellen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Sie war Weggefährtin des indischen Weisen und Yogis SRI AUROBINDO. Sie leitete bis zum Verlassen ihres physischen Körpers 1993 den Ashram von Auroville.

Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   

Ein wildes Pferd kann gezähmt werden, aber niemals wird jemand einem Tiger die Zügel anlegen. Warum? Weil im Tiger eine böse, grausame und unverbesserliche Kraft steckt, so dass wir niemals etwas Gutes von ihm erwarten können und ihn vernichten müssen, um ihn daran zu hindern, Schaden anzurichten.

Das wilde Pferd jedoch, wie wild und widerspenstig es anfangs auch sein mag, kann mit etwas Mühe und Geduld beherrscht werden. Mit der Zeit lernt es, uns zu gehorchen und sogar zu lieben, und schließlich wird es sich aus freiem Willen den Zaum anlegen lassen.

Auch im Menschen gibt es rebellische und widerspenstige Wünsche und Impulse; selten sind sie jedoch so unbeherrschbar wie der Tiger. Vielmehr gleichen sie dem wilden Pferde: Sie brauchen Zügel, um gezähmt zu werden, und der beste Zügel ist jener, den ihr ihnen selbst anlegt: Man nennt ihn "Selbstbeherrschung".

Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   

Wenn euch eure Eltern oder Lehrer also manchmal drängen, eure Natur zu beherrschen, so ist es nicht, weil sie denken, dass eure großen und kleinen Fehler nicht verbessert werden können. Ganz im Gegenteil, sie tun es, weil sie wissen, dass euer wacher und feuriger Geist wie ein junges Vollblutpferd im Zaum gehalten werden muss.

Wenn ihr die Wahl hättet, in einer schäbigen Hütte oder in einem Palast zu leben, was würdet ihr wählen? Wahrscheinlich den Palast.
Es wird erzählt, das Mohammed, als er das Paradies besuchte, große Paläste sah, die auf einer Anhöhe erbaut waren, von der man die gesamte Landschaft überblicken konnte.
"O Gabriel", sagte Mohammed zu dem Engel, der ihm all diese Dinge zeigte, "für wen sind diese Paläste bestimmt"? Der Engel erwiderte:
"Für jene, die es verstehen, ihren Zorn zu zügeln und Beleidigungen zu vergeben".

Nun, ein friedfertiges Herz, das frei von Groll ist, gleicht wirklich einem Palast, nicht aber ein Herz voll Rachsucht und Aufruhr. Unsere Gedanken sind wie eine Wohnung, die wir, wenn wir die Wahl haben, sauber, freundlich und erfüllt von Harmonie gestalten können; oder wir können sie zu einer furchtbaren Stätte machen, die einer dunklen Höhle gleicht, die von klagenden Tönen und misstönenden Schreien erfüllt ist.


Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   


In einer Stadt im Norden Frankreichs kannte ich einmal einen Jungen, der ein offenes und ehrliches, jedoch ungestümes Gemüt hatte und immer dazu neigte, seine Beherrschung zu verlieren. Eines Tages sagte ich zu ihm:

"Was glaubst du, ist schwieriger für einen kräftigen Jungen wie dich, einen Schlag mit einem anderen Schlag zu vergelten und einem Freund, der dich beleidigt hat, mit deiner Faust ins Gesicht zu schlagen, oder deine Faust in diesem Moment in deiner Hosentasche zu lassen?"
"In meiner Tasche lassen", antwortete er.
"Und was glaubst du, ist für einen tapferen Jungen wie dich würdiger, das Einfachere oder das Schwierigere zu tun?"
"Das Schwierigere", sagte er nach einem Moment des Zögerns.
"Nun, so versuche, das Schwierigere zu tun, wenn du das nächste Mal Gelegenheit dazu hast."

Einige Zeit später kam der Junge zu mir, um mir nicht ohne berechtigten Stolz zu erzählen, dass er fähig gewesen war, das "Schwierigere" zu tun. Er sagte:
"Einer meiner Kameraden, der für sein wildes Temperament bekannt ist, schlug mich in einem Moment des Zorns. Da er weiß, dass ich normalerweise keiner bin, der so etwas vergibt, und dass ich einen starken Arm habe, bereitete er sich darauf vor, sich zu verteidigen. Da erinnerte ich mich daran, was du mir gesagt hattest. Es war schwerer als ich gedacht hatte, dennoch steckte ich meine Faust in die Hosentasche. Als ich das tat, fühlte ich keinen Zorn mehr in mir, nur noch Mitleid für meinen Freund. So streckte ich ihm meine Hand hin. Das überraschte ihn so sehr, dass er mich für einen Moment mit offenem Mund sprachlos anstarrte. Dann ergriff er meine Hand, schüttelte sie kräftig und sagte gerührt: "Von nun an kannst du mit mir tun, was du willst, ich bin für immer dein Freund."
Dieser Junge hatte seinen Zorn ebenso überwunden wie Kalif Hussein.
Es gibt jedoch noch viele andere Dinge, die gezähmt werden müssen.


Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   


Der arabische Poet Al Kosai lebte in der Wüste. Eines Tages kam er an einem schönen Naba-Baum vorbei und machte sich aus dessen Ästen Pfeile und einen Bogen.

Bei Einbruch der Nacht ging er, wilde Esel zu jagen. Bald schon hörte er die Hufschläge einer Herde. Also schoss er seinen ersten Pfeil ab. Er hatte jedoch den Bogen mit solcher Kraft gespannt, dass der Pfeil durch den Körper eines der Tiere hindurchging und auf einem dahinter liegenden Felsen abprallte. Als Al Kosai hörte, wie das Holz auf dem Stein aufschlug, dachte er, er hätte sein Ziel verfehlt. So schoss er denn seinen zweiten Pfeil ab. Und wieder ging der Pfeil durch den Esel hindurch und schlug auf dem Felsen auf. Wieder dachte Al Kosai, dass er sein Ziel verfehlt hätte. Auf diese Weise schoss er einen dritten Pfeil ab, und einen vierten, und einen fünften. Und jedes Mal hörte er dasselbe Geräusch. Beim fünften Mal zerbrach er vor Wut seinen Bogen.

Als der Morgen dämmerte, sah Al Kosai fünf tote Esel vor dem Felsen liegen.
Hätte er mehr Geduld gehabt und bis zum Morgen gewartet, wäre ihm nicht nur seine Seelenruhe, sondern auch sein Bogen erhalten geblieben.


Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   


Doch sollte niemand glauben, dass eine Erziehung, die den Charakter schwächt, indem sie ihm allen Schwung und alle Kraft entzieht, hochzuschätzen ist. Wenn wir einem wilden Pferd Zügel und Zaumzeug anlegen, wollen wir es dabei nicht verletzen. Und wenn wir wollen, dass es seine Arbeit gut verrichtet, dann müssen wir die Zügel so führen, dass wir es dadurch leiten, und dürfen nicht so stark am Zügel ziehen, dass es nicht weiter gehen kann.

Unglücklicherweise gibt es nur allzu viele schwache Charaktere, die sich wie Schafe durch ein bloßes Bellen treiben lassen. Unterwürfige und unempfindsame Geister, ohne Feuer, die mehr Duldsamkeit zeigen, als sie sollten.

Abu Otman al-Hiri war bekannt für seine übertriebene Geduld. Eines Tages war er zu einem Fest eingeladen. Als er hinkam, sagte der Gastgeber zu ihm: "Du musst schon entschuldigen, ich kann dich leider nicht empfangen. Geh also bitte nach Hause, und möge Allah mit dir sein."
Abu Otman ging heim. Kaum war er daheim angekommen, als sein Freund erschien und ihn nochmals einlud.
Abu Otman folgte seinem Freund bis zu dessen Türschwelle, dort blieb der Freund jedoch stehen und bat Abu Otman abermals um Entschuldigung, dass er ihn nicht empfangen könne. Abu Otman machte sich ohne zu murren auf den Heimweg.
Diese Szene wiederholte sich ein drittes und viertes Mal, schließlich empfing ihn jedoch sein Freund und sagte vor der ganzen Gesellschaft zu ihm:
"Abu Otman, ich habe mich dir gegenüber so schlecht benommen, um deinen guten Charakter auf die Probe zu stellen. Ich bewundere deine Geduld und deine Nachsicht."
"Lobe mich nicht", erwiderte Abu Otman, "auch ein Hund zeigt diese Tugend: Er kommt, wenn man ihn ruft, und geht, wenn man ihn fortschickt."
Abu Otman aber war ein Mann und kein Hund. Und niemand hatte irgendeinen Nutzen davon, dass er sich aus freien Stücken, ohne Würde und ohne guten Grund, dem Gespött seiner Freunde aussetzte.

Hatte dieser demütige und duldsame Mann also nichts in sich, das er beherrschen musste? O doch! Nämlich das Schwierigste von allen - seinen schwachen Charakter. Und eben weil er diesen nicht beherrschen konnte, war er der Willkür aller anderen preisgegeben.


Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   


Es war einmal ein junger Student, der sehr klug und sich dessen auch ganz genau bewusst war. Er wollte zu all seinen Talenten und Fähigkeiten immer noch mehr und mehr hinzufügen, so dass ihn jedermann bewundern würde. So zog er von Land zu Land.
Bei einem Bogenmacher lernte er, Pfeil und Bogen her zustellen. Er lernte, Schiffe zu bauen und damit zu segeln. An einem anderen Ort lernte er, wie man Häuser baut. Und an anderen Orten lernte er viele weitere Fertigkeiten.
Auf diese Weise besuchte er sechzehn verschiedene Länder.

Eines Tages kehrte er dann heim und fragte stolz: "Welcher andere Mann auf Erden wäre so geschickt und kunstfertig wie ich?"
Buddha sah ihn und beschloss, ihn eine edlere Kunst zu lehren als alle, die er bisher gelernt hatte. Er näherte sich dem jungen Mann in der Gestalt eines alten Shramana, mit einer Almosenschale in der Hand.

"Wer bist du?", fragte der Student.
"Ich bin ein Mann, der fähig ist, seinen eigenen Körper zu beherrschen."
"Wie meinst du das?"
"Der Bogenschütze kann mit seinen Pfeilen das Ziel treffen", antwortete Buddha. "Der Steuermann führt das Schiff, der Architekt überwacht den Bau von Häusern, der Weise aber beherrscht sich selbst."
"In welcher Weise?"
"Wenn man ihn lobt, bleibt sein Herz unberührt, wenn man ihn tadelt, bleibt es ebenso unberührt. Er folgt freudig dem Wahren Gesetz und lebt so in Frieden."
Ihr Kinder, die ihr guten Willens seid, solltet auch lernen, euch zu beherrschen. Beklagt euch nicht, wenn eine strenge Hand nötig ist, euren Übermut zu zügeln.
Ein feuriges junges Pferd, das langsam gezähmt wird, ist viel mehr wert als ein sanftes Holzpferd, das immer regungslos bleibt, egal was man macht, und dem man nur aus Spaß Zügel anlegt.



Flower of a Ficus religiosa   
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Geschichten von Mirra Alfassa


aus "Inspirierende Geschichten" von Mirra Alfassa, mit freundlicher Genehmigung des Yantra-Verlags, siehe -> Literatur


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