Der Traum von einem fast vergessenen Land

Ich habe einen Traum von einem fast vergessenen Land . . .

. . . ein Land, in dem das Leben als unvergleichlich fortwährende Schöpfung in Ehren gehalten wird. Ein Land, in dem sich jeder bewusst ist, dass seine Nachfahren darunter zu leiden haben, wenn die Erde der Zukunft entheiligt und zerstört ist.

Ich träume von einer Welt, in der die Menschen nicht mehr von "unserer Erde", "unseren Tieren" und "unseren Pflanzen" sprechen, da sie wissen, dass nichts von alledem ihr Eigentum ist.
Ich träume von einer fast vergessenen Zeit, in der die Menschen gelernt haben, auf die Botschaften der Natur zu hören und Überschwemmungen, Hurrikans und Vulkanausbrüche als mahnende Zeichen der Erde zu respektieren und diesen Bedeutung zu schenken.

Ich habe einen Traum von einer fast schon in Vergessenheit geratenen Welt, in der die Menschen von der Erkenntnis geprägt sind, dass das Leben der Geschöpfe der Erde nur gesichert werden kann, wenn die natürlichen Kreisläufe nicht zerstört werden. Eine Welt, in der man weiß, dass die Ressourcen der Erde nur einmal verbraucht werden können. Eine Welt, in der die Tiere und Pflanzen ihre Rechte und ihre Würde zurückbekommen. Eine Welt, in der es keine Massentier- und -Pflanzenhaltung in Form von Monokulturen mehr gibt. Eine Welt, in der den Menschen klar ist, dass ihr Fortbestehen nur mit der Achtung sämtlicher Lebewesen der Erde möglich ist. Eine Welt, in der die Menschen vom Humanismus geprägt sind und die Gleichwertigkeit aller Lebewesen anerkannt wird. Eine Welt, in der die Menschen anstreben, im Einklang mit ihren Mitmenschen wie auch allen anderen Geschöpfen der Erde zu leben. Eine Welt, in der keine Kriege mehr geführt werden.

Ich träume von einem Land, in dem das Gesundheitswesen nicht nur die Befreiung von körperlichen Krankheiten als Ziel hat, sondern das Innere Heil-Sein und darin eingeschlossen auch die Heilung der Erde mit einbezieht.

Ich habe einen Traum von einer fast vergessenen Welt, in der die Menschen der Industrienationen ihre Selbstentfremdung überwunden haben, dadurch, dass sie ihre seelische Armut heilen.

Ich träume von einer Welt, in der auch die hungernden Regionen der Erde ihre Armut überwinden, durch eine weltweit gerechte Verteilung der Güter. Eine Welt, in der die von Armut befreiten Menschen ihre neugewonnene Kraft zur Harmonisierung der Erd-Familie und zur Pflege der Wunden der Natur einsetzen.

Ich träume von einer Zeit, in der die Achtung und der Schutz von Minderheiten einen der Grundpfeiler der Lebensphilosophie der Menschen ausmacht. Eine Zeit, in der den Naturvölkern ihre Würde und ihre Rechte zurückgegeben werden. Eine Zeit, in der es keine Verletzungen der Menschenrechts- und Naturgesetze mehr gibt.

Ich habe einen Traum von einer fast vergessenen Welt, in der die "zivilisierten" Menschen die Naturvölker bitten, von ihrem alten Wissen im Umgang mit der Erde zu erzählen. Eine Welt, in der die Menschen der Industrienationen anfangen, die Urvölker der Erde bei der Suche nach den eigenen Wurzeln um Hilfe zu bitten und zur Lösung ihrer Probleme um Rat zu fragen. Eine Welt, in der die Bewohner der Industriestaaten sich öffnen, um von den Naturvölkern zu lernen, was es heißt, ein Gefühl für die Natur zu entwickeln und diese mit Respekt zu behandeln. Eine Welt, in der den Menschen der Industrienationen bewusst wird, dass sie nicht das Recht haben, durch ihre Lebensweise die Urvölker der Erde auszulöschen.

Ich träume davon, dass Länder, in die andere Nationen eingefallen und die bedroht sind, autonom werden und dass die Völker ihre Kultur und ihren Glauben wieder frei praktizieren können.

Ich träume von einem fast vergessenen Land, in dem das Wissen der Urvölker um die Harmonie der Erde und um die Naturgesetze auf sanfte Weise verbunden wird mit den Erkenntnissen der Wissenschaft, dem Fortschritt und der Entwicklung der westlichen Welt, basierend auf dem Boden einer schöpfungsbejahenden Ethik.

Ich träume von einer Zeit, in der die Menschen damit anfangen die Wunden, die sie der Erde zufügten, zu pflegen und zu heilen - indem sie Rituale zelebrieren und Feste zu Ehren der Schöpfung feiern; indem sie Lied, Dichtung und Gebet als natürliche Form des Ausdrucks zur Heilung der Erde nutzen; indem sie damit beginnen, in Genügsamkeit zu leben und sparsam mit den Gaben der Natur, wie Nahrung oder Holz umzugehen; indem sie damit anfangen, ihren eigenen inneren Reichtum zu entdecken und ihre Bedürfnisse im Einklang mit den Bedürfnissen der Erde erfüllen; indem sie den Wind, die Sonne, den Boden und das Wasser als sanfte Energieträger nutzen und weniger Kohle, Öl und Gas aus Mutter Erde entnehmen. Ein Land, in dessen Schulen die Atomkraft nur noch als mahnendes Beispiel für die Vergangenheit besprochen wird.

Ich habe einen Traum von einer fast vergessenen Welt, in der die Menschen die Narben der Erde - die stillgelegten Kohlegruben, Giftmülldeponien, Atomkraftwerke, Uranförderplätze, Atommüllendlager und Atomtestgelände - als mahnende Heiligtümer pflegen. Eine Welt, in der die genannten Anlagen zu Pilgerstätten mit heiligen Plätzen zum Beten und Meditieren umfunktioniert worden sind, zur Mahnung an die Nachfahren, dass solche Anlagen nie wieder errichtet werden dürfen.

Ich träumte von einer Welt, in der die Menschen die Narben der Erde hüten, damit die kommenden Generationen in Gesundheit leben können.

Ich träume von einem fast in Vergessenheit geratenen Land, in dem sich die Menschen nicht nur verstandesmäßig mit dem Schutz der Umwelt beschäftigen und theoretische Gesetze zum Schutz der Erde aufstellen, sondern das gesammelte Wissen und die Vorsätze auch in die Tat umsetzen. Ein Land, in dem die Menschen wissen, dass wissenschaftlicher Fortschritt begleitet sein muss von spirituell geprägter Ethik und von Handlungen, die das Ziel anstreben, das Gleichgewicht der Erde zu bewahren.


Ich habe einen Traum von einer Welt, in der die Menschen den Boden, den sie betreten, als etwas Ehrwürdiges ansehen. Eine Welt, in der die Menschen die Wunder der Natur bewusst wahrnehmen und sie wieder bestaunen lernen. Eine Welt, in der die Menschen alles, was die Natur ihnen schenkt, als nicht selbstverständlich ansehen und den Gaben Beachtung schenken.

Ich träume von einer Zeit, in der der Mensch sich bewusst ist, dass er ein eingebundener Bestandteil der Natur ist und dass die menschliche Würde untrennbar mit der Würde seiner Umwelt verknüpft ist.

Ich träumte davon, dass bei den Menschen das Bewusstsein vorhanden ist, dass sie ein hohes Maß an Verantwortung gegenüber der Schöpfung tragen und dass das Vertrauen, welches ihnen entgegengebracht wurde, nicht enttäuscht werden darf.

Ich habe einen Traum von einem fast vergessenen Land, in dem die Menschen Achtsamkeit üben, in dem sie sich bewusst machen, dass sie beim Gehen auf der Erde heiligen Boden betreten, beim Berühren eines Astes einen heiligen Baum in den Händen halten, beim Einatmen der Luft die reinigende Energie des Windes aufnehmen, beim Essen der Nahrung die ehrwürdigen Geschenke von Mutter Erde verzehren, beim Schwimmen im Meer umhüllt von heiligem Wasser sind.

Ich habe einen Traum von einer fast in Vergessenheit geratenen Zeit, in der die Menschen wieder anfangen, den prasselnden Regen am Körper zu spüren, die Klarheit des Wassers zu schmecken, auf das geheimnisvolle Rauschen des Windes, das Schnaufen der Büffel und den Gesang der Vögel zu hören. Eine Zeit, in der die Menschen hinaus aufs Meer fahren, um der Botschaft der Wale zu lauschen und von ihnen zu lernen.

Ich träume von einer Welt, in der die Probleme der Erde an einem runden Tisch gelöst werden, wo jeder Teilnehmer das gleiche Stimmrecht hat, wo auch die Stimme der Tiere und Pflanzen, der Gewässer, des Windes und des Bodens sowie die Stimmen aller anderen Geschöpfe der Erde gehört wird. Eine Welt, in der die Beschlüsse auf den Grundpfeilern einer lebensbejahenden Ethik gefasst werden.

Ich habe einen Traum von einer Welt, in der die Künstler, wie Dichter, Musiker oder Schauspieler, bei der Heilung der Erd-Familie miteinbezogen werden.


Ich träume von einem Land, in dem Eltern ihren Kindern die Heiligkeit der Erde erklären. Ein Land, in dem den Kindern die Verantwortung aufgezeigt wird, die Menschen gegenüber der Erde tragen.

Ich träume von einer Zeit, in der in Schulen den Kindern nicht über Formeln und intellektuellen Ratschlägen erklärt wird, warum es gut ist, die Erde zu schützen und Umweltschutz zu praktizieren, sondern wo Zusammenhänge zwischen Mensch und Natur aufgezeigt werden und wo die Kinder Zeit dafür bekommen, in der Natur zu verweilen und sie aktiv zu erleben.

Ich träume von einem Land, in dem den Kindern in der Natur gezeigt wird, wie man ein Gefühl für die Erde entwickeln. Sie lernen, Sand in die Hand zu nehmen und daran zu riechen, Wasser bewusst wahrzunehmen und davon zu kosten, den Wind auf der Haut zu spüren, das Kribbeln der warmen Sonne in der Nase wahrzunehmen, beim Umarmen eines Baumes dessen Herzschlag zu erfahren, den Ruf des Bussards in der Luft zu hören, die zarten Blätter einer Rose zu ertasten, die Urgewalt eines Sturmes zu erfühlen. All diese Wahrnehmungen werden in dem fast vergessenen Land geschult.

Ich sehe in meinem Traum Kinder mit einem Lächeln für die Erde, welches geboren ist aus der Tiefe des Verstehens.

Ich habe einen Traum von einer Welt, in der die Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine und all die anderen Lebewesen der Natur in friedlicher Gemeinschaft mit dem Wind, dem Boden, der Sonne und dem Wasser leben.


Ich träume von einem fast vergessenen Land in einer Zeit, welche in der Zukunft liegt.


Auszug aus Buch "Hüter der Schöpfung - Die Erde heilen mit der Weisheit der Naturvölker" von Roland Possin
Der Verfasser räumt für diesen Artikel ein einfaches Nutzungsrecht zur einmaligen Veröffentlichung ein.
Weitere Publikationen des Autors: www.possin.com


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