Umsicht und Vernunft


Die Japaner drücken den Gedanken der Vorsicht auf bildhafte Art aus.
In einem ihrer Tempel haben sie ein Bild eines meditierenden Buddhas, der auf einer Lotusblüte sitzt. Vor ihm sind drei kleine Affen.
Der eine hat seine Hände über den Augen, der zweite über den Ohren und der dritte über dem Mund. Was sollten diese drei Affen bedeuten?

Drei Affen

Der erste möchte mit seiner Geste sagen: "Ich sehe weder Böses noch Dummes."

Der zweite sagt: "Ich höre weder Böses noch Dummes."

Und der dritte: "Ich spreche nichts Böses oder Dummes."


In der gleichen Weise ist der weise Mensch vorsichtig beim Sehen, Hören und Sprechen. Er wägt die Konsequenzen ab, denkt an morgen, und wenn er nicht weiter weiß, fragt er.


Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   


"Ein guter Schuss!" Dieser Ruf ertönte, als ein junger Inder mit seinem Pfeil ins Ziel traf.

"Ja", sagte ein anderer, "aber es ist heller Tag. Der Bogenschütze kann sein Ziel sehen. Er ist nicht so geschickt wie Dasaratha."

"Und was macht Dasaratha?"

"Er ist ein Sabdabhedi."

"Was ist das?"

"Er schießt nach dem Gehör."

"Was meinst du damit?"

"Nun, er kann auch im Dunkeln schießen. In der Nacht geht er in den Dschungel und lauscht in die Dunkelheit, und wenn er aus dem Geräusch von Flügelschlägen oder Fußtritten erkannt hat, um welches Wild es sich handelt, schießt er seinen Pfeil ab und trifft damit ebenso sicher wie am Tag."

Auf diese Weise verbreitete sich der Ruf Dasarathas, des Prinzen der Stadt Ayodhya.
Er war stolz auf seine Geschicklichkeit als Sabdabhedi und erfreut vom Lob der Leute. In der Dämmerung fuhr er allein in seinem Wagen hinaus, um sich im Herzen des Waldes auf die Lauer zu legen. Einmal hörte er den Tritt eines Büffels oder eines Elefanten, die an den Fluss zur Tränke kamen, ein anderes Mal das leichfüßige Reh oder den verstohlenen Schritt des Tigers.
Eines Nachts lag er wieder unter Büschen verborgen und lauschte dem Geräusch der Blätter und des Wassers, als er plötzlich eine Bewegung am Ufer des Sees vernahm. Er konnte in der Finsternis nichts erkennen, aber war Dasaratha nicht ein Sabdabhedi? Das Geräusch war ihm bekannt genug: Es war sicherlich ein Elefant. Er schoss einen Pfeil ab. Unmittelbar darauf ertönte ein Schrei, der ihn aufspringen ließ.

"Hilfe! Hilfe! Jemand hat auf mich geschossen!"

Der Bogen fiel aus Dasarathas Hand; er fühlte sich plötzlich benommen vor Entsetzen. Was hatte er getan? Hatte er statt eines wilden Tieres einen Menschen getroffen? Er eilte durch den Dschungel zum See. Am Ufer lag ein junger Mann in seinem Blut, ganz wirr und zerzaust, in seiner Hand hielt er einen Krug, den er gerade mit Wasser hatte füllen wollen.

"Oh, Herr", stöhnte er, "Wart Ihr es, der den tödlichen Pfeil abschoss? Welches Leid habe ich Euch zugefügt, dass Ihr mich so behandeln solltet? Ich bin der Sohn eines Einsiedlers. Meine betagten Eltern sind blind; ich kümmere mich um sie und sorge für ihre Bedürfnisse. Ich kam hierher, um ihnen Wasser zu holen, und nun soll ich nicht mehr länger in der Lage sein, ihnen zu dienen! Folgt diesem Pfad zu ihrer Hütte und erzählt ihnen, was passiert ist. Aber zuerst zieht diesen Pfeil aus meiner Brust, denn er bereitet mir große Schmerzen."

Dasaratha zog den Pfeil aus der Wunde. Der junge Mann tat einen letzten Atemzug und starb.

Der Prinz füllte den Krug mit Wasser und folgte dem Pfad, den der sterbende junge Mann ihm gewiesen hatte. Als er näher kam, rief der Vater:
" Meine Sohn, warum hast du so lange gebraucht? Warst du etwa im See schwimmen? Wir fürchteten, es könnte dir etwas zugestoßen sein. Aber warum antwortest du mir nicht?"
Mit zitternder Stimme sagte Dasaratha:

"Ich bin nicht Euer Sohn, o heiliger Eremit. Ich bin ein Krieger, und bis heute war ich stolz auf meine Geschicklichkeit mit Pfeil und Bogen. Diese Nacht lag ich auf der Lauer und dachte, ich hörte einen Elefanten am Wasser trinken. Ich schoss meinen Pfeil ab. O weh! Es war Euer Sohn, den ich traf. O sagt mir, wie ich meine Schuld wieder gutmachen kann."

Das alte Paar weinte laut vor Gram. Sie geboten dem Prinzen, sie zu der Stelle zu führen, wo ihr Sohn lag, ihr einziger Sohn. Sie sangen heilige Hymnen über seinem toten Körper und sprengten entsprechend den Begräbniszeremonien Wasser über ihn. Dann sagte der Einsiedler:

"Höre, Dasaratha! Durch deine Schuld vergießen wir Tränen über den Tod unseres lieben Sohnes. Eines Tages sollst auch du um einen geliebten Sohn weinen. Bis dahin werden noch viele Jahre vergehen, aber die Strafe wird dich sicher ereilen."

Sie machten einen Scheiterhaufen, um den toten Körper zu verbrennen, und warfen sich dann selbst in die Flammen und starben.

Die Jahre vergingen. Dasaratha wurde König von Ayodhya und heiratete Kausalya. Und sein Sohn war der glorreiche Rama.

Rama wurde von allen in der Stadt geliebt, nur nicht von Königin Kaikeyi, der zweiten Frau des Königs, und ihrer Zofe. Diese beiden Frauen heckten den Sturz des edlen Rama aus und erreichten, dass er für vierzehn Jahre ins Exil geschickt wurde.

Und Dasaratha beweinte seinen Sohn, wie das alte Paar im Dschungel seinen Sohn beweint hatte, der um Mitternacht am Ufer des Sees gestorben war.

Dasaratha war dereinst so stolz auf seine Geschicklichkeit, dass er keine Vorsicht hatte walten lassen und keinen Gedanken daran verschwendet hatte, er könnte jemanden verletzen. Es wäre besser für ihn gewesen, seinen Bogen nur im hellen Tageslicht zu spannen, als so unbesonnen auf seine Kunst als Sabdabhedi zu vertrauen. Er wollte niemanden Schaden zufügen, aber er hatte zu wenig Voraussicht.


Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   
Blüte eines Ficus religiosa   


Ein Händler in der Stadt Benares hatte einmal Mitleid mit zwei alten Geiern, denen es elend ging. Er nahm sie mit an einen trockenen Ort, machte ein Feuer und fütterte sie mit Fleischstücken von dem Platz, wo die Leute tote Rinder verbrannten.
Als die Regenzeit kam, flogen die Geier, die nun stark und gesund waren, wieder in die Berge.
In ihrer Dankbarkeit für den Händler von Benares entschlossen sie sich, alle Kleider zusammenzutragen, die sie finden konnten, und sie ihrem guten Freund zu geben. Sie flogen von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf und rafften alle Kleider zusammen, die im Freien zum Trocknen lagen und trugen sie in das Haus des Kaufmanns.
Dieser wusste ihre guten Absichten zwar zu schätzen, jedoch benutzte er die gestohlenen Kleidungsstücke nicht, noch verkaufte er sie; er legte sie nur sorgfältig beiseite.
Wie auch immer, überall waren Fallen für die beiden Geier aufgestellt worden, und einer von ihnen wurde gefangen. Er wurde zum König gebracht, der ihn fragte:

"Warum bestiehlst du meine Untertanen?"

"Eines Tages rettete ein Kaufmann mir und meinem Bruder das Leben; um unsere Schuld zu begleichen, sammelten wir all diese Kleider für ihn", antwortete der Vogel.

Der Kaufmann wurde vor den König gerufen und befragt.

"Herr", sagte er, "diese Geier haben mir tatsächlich viele Kleider gebracht, aber ich habe sie alle sicher aufbewahrt und kann sie ihren Eigentümern zurückgeben."

Der König begnadigte die Geier, denn sie hatten nur aus Dankbarkeit gehandelt, wenn auch ohne Einsicht; und dank seiner Umsicht blieb auch der Kaufmann von einer Strafe verschont.

Flower of a Ficus religiosa   
Flower of a Ficus religiosa   
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Geschichten von Mirra Alfassa


aus "Inspirierende Geschichten" von Mirra Alfassa, mit freundlicher Genehmigung des Yantra-Verlags, siehe -> Literatur


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