"Wenn du nur alle verbliebenen Fähigkeiten
und die ganze positive Energie gepaart mit
deinem Willen auf ein Ziel fokussieren kannst,
wirst du ungeglaubte Taten vollbringen."

Andy Holzer


Mit zwei Augen, drei Händen und vier Füßen auf das Dach von Südamerika

Andy Holzer berichtet von der Besteigung des Aconcagua im Januar 2007

Der weiße Wächter, wie der 6962m hohe Aconcagua auch genannt wird, war für meinen Freund Peter Mair und mich das ersehnte Ziel.

Mit seinen 6962m ist der Aconcagua der höchste Berg von Amerika und nach dem Mt. Everest der zweithöchste der sehr begehrten höchsten Gipfel jedes Kontinentes, genannt auch „the seven summits“. Der Gipfel liegt ca. 14 km östlich der Grenze zwischen Argentinien und Chile auf argentinischem Gebiet und etwa am 32. Grad südlicher Breite.

Die Sauerstoff und Luftdruckverhältnisse auf knapp 7000m sind auf Grund der großen Entfernung von ca. 3900 km vom Äquator mit denen eines wesentlich höheren Berges etwa im Himalaya zu vergleichen.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass laut Statistik nur gut 20 % der Gipfelaspiranten tatsächlich den höchsten Punkt erreichen. Das vor Allem auch deswegen, weil der Aconcagua mit seinen praktisch nicht vorhandenen technischen Schwierigkeiten sehr oft unterschätzt wird und nicht einfach überrannt werden will.

Anreise

Über eine steile Passtrasse mit atemberaubender Ausgesetztheit führt uns der Weg durch ein Tunnel auf 3180m Höhe von Chile auf argentinisches Gebiet. Wenge Kilometer nach der Grenze war unser Berg an der linken Straßenseite zum ersten mal zu sehen. Hier ist der Eingang ins Horconestal und der Zugang zum Aconcagua.

Trotzdem mussten wir noch 200 km in östlicher Richtung in die argentinische Stadt Mendoza fahren. Es ist nämlich nur dort möglich, für den Weißen Wächter ein zwingend vorgeschriebenes Besteigungspermit zu beantragen. Dort machten wir noch letzte Einkäufe und besorgten uns in einem einigermaßen komplizierten Behördendschungel unsere Genehmigung für den Aconcagua. 330 Dollar kostet dieses begehrte Papier und beinhaltet die Genehmigung für den Zutritt in den Nationalpark Aconcagua sowie Gipfelaufstieg, ärztliche Betreuung im Zwischen und Basislager und im Krankheitsfall sogar einen Abtransport mit Hubschrauber bis etwa 5000m Seehöhe.

Am nächsten Tag, 08.01.2007, fuhren wir diese 200 km wieder zurück zum Eingang des Horconestal auf ca. 2700m nach „Los Penitentes“. Dort genossen wir die für längere Zeit letzte Nacht in einem richtigen Bett mit WC und Dusche.

Einen kleinen Rückschlag bekam unsere Motivation, als wir dort einen deutschen Arzt trafen, welchen ich schon im Juni 2006 am Elbrus getroffen habe. Er hatte in nur einem Jahr, 4 der seven summits gemacht und ist sicherlich als guter Bergsteiger einzuschätzen. Der Aconcagua sollte der fünfte sein. Er erzählte uns, er sei gut drauf gewesen bis ihn auf ca. 5.500m ein derartiger Zahnschmerz übermannt hat, dass er die Unternehmung abbrechen musste. Welche „Kleinigkeiten über Erfolg oder Misserfolg den Ausschlag geben!

Anstrengende Akklimatisierungs-Touren vom Basislager

Am 09.01.2007 ging unser Abenteuer auf eigenen Beinen dann richtig los. Beim Eingang in den Nationalpark Aconcagua, wo man das Permit vorweisen muss und einen Plastiksack mit Nummer erhält, welcher nach der Unternehmung gefüllt mit seinem Müll wieder dort abgegeben werden muss, erfuhren wir gleich die Härte des Berges. Aus dem Hochtal kam ein Hubschrauber mit einem schwer Höhenkranken Mann, der mit Sauerstoff beatmet wurde. Ein guter Anfang, so dachten wir uns.

Wir machten die gut 30 km ins eigentliche Basislager „Plaza de Mulas“ auf 4300m aus Höhenanpassungsgründen nicht in einem, sondern in drei Tagen. So marschierten wir am ersten Tag die 10 km rund 600 Höhenmeter über Geröll, sandige Pfade und Hängebrücke in knapp 4 Stunden zum Zwischenlager „Confluencia“ auf 3450m Seehöhe.

Für mich war es nicht ganz einfach, da starker Wind und das teils sehr laute Rauschen des Horcones meine Navigation über meine Ohren ausschaltete. David und Peter schafften es jedoch immer wieder, mich auf dem richtigen Weg zu halten.

Faszinierend war unsere erste Bekanntschaft mit den Mulis und ihren Treibern, die die Lasten fürs Basislager und uns Bergsteigern in gewaltiger Geschwindigkeit und Leichtfüßigkeit über das ruppige Gelände befördern. So ein Maultier trägt 60 bis 100 kg und springt damit über steilste Berghänge auf und ab und durchschreitet reißende Gebirgsbäche samt Gepäck flink und unbeschadet. Unsere Agentur hat den Mulitransport, die Zelte und die Verpflegung im Zwischenlager „Confluencia“ sowie im Basislager „Plaza de Mulas“ für uns organisiert.

So wurden wir in „Confluencia“ schon erwartet, konnten uns laben und für die Nacht ins Zelt legen. David war mit mir und Peter mit Christoph, einem sehr netten Bergsteiger aus Kärnten, jeweils im Zweimannzelt.

Zum ersten Mal merkten wir, dass etwas mit dem Wasser nicht ganz stimmte. Ein deutscher Bergsteiger hatte starke Übelkeit und nächsten Tags sollte David mit dem Darm Probleme bekommen. Es soll sehr schwefelhältiges Wasser geben und die Keime sollen sich nur so tummeln. Peter und ich profitierten von unseren wirklich robusten Verdauungssystemen.

Gegen Abend brachte uns ein obligatorischer Arztbesuch im Camp gute Werte in Punkto Sauerstoffsättigung und Blutdruck und unsere Zuversicht war wieder gestärkt.

Am nächsten Tag, den 10.01.2007 marschierten wir in ein Seitental des Horconestales Richtung Norden zu einem alpinhistorischem Platz. „Plaza Francia“ auf 4237m ist das Camp für die Besteigungen der Aconcagua-Südwand, mit fast 3000m Wandhöhe einer der höchsten Wände im sehr hohen Schwierigkeitsbereich. Die gewaltige Mauer aus Eis und Schnee brachte sogar mir ohne Augenlicht mit dem dumpfen Grollen des ständigen Stein- und Eisschlages eine Ahnung der großartigen Schöpfung.

Als wir am Abend zur zweiten Nächtigung in „Confluencia“ eintrafen, hatten wir 24 km Geröll hinter uns gebracht. Da man ja hoch gehen und tief schlafen soll, war diese Nacht ein Genuss im Tiefschlaf.

Am nächsten Tag, den 11.01.2007 wanderten wir dann schließlich über 20 km und gut 1000 Höhenmeter in 8 Stunden über endlose Wüsten aus Sand und Steinen. Für mich war das einer der anstrengendsten Tage überhaupt. Immer wieder waren Wasserläufe und Flüsse zu überspringen und seitlich an wackeligen Steinblöcken zu traversieren.

Peter und David steuerten meinen Körper mit einer Eselsgeduld wie es normalerweise nur Mulis haben könnten durch dieses nicht enden wollende Labyrinth, bis wir, ich konnte es fast nicht mehr glauben, gegen 16.00 Uhr auf „Plaza de Mulas“ eintrafen. Ich war einigermaßen fertig und David machte die Erledigungen bei den Rangern für den Check in für das Basislager.

Der 12.01.2007 war für uns der erste Rasttag, da wir in den letzten drei Tagen doch 54 km über Steinwüsten gemacht haben.

Annäherung

Die Diskussionen über Höhenanpassung, Hochlagerstrategie und Gipfelsturm von welchem Hochlager war unter den Expeditionsmitgliedern mittlerweile voll ausgebrochen. Wir hatten nun genau 12 Tage Zeit, vom Basislager zum summit und zurück zukommen und es gibt bei diesem Aufstieg zum Gipfel des Aconcagua 6 Lagerplätze für Hochlager:

  • Hochlager – Camp Canada (ca. 5050m)
  • Hochlager – Camp Alaska (ca. 5300m)
  • Hochlager – Camp Nido de Condores (ca. 5500m)
  • Hochlager – Camp Berlin (ca. 5900m)
  • Hochlager – Colara (6000m)
  • Hochlager – Independencia (ca. 6400m)
An welchen Tag die gesamte Ausrüstung inkl. Zelt, Kocher, Brennstoff, Schlafsäcke, Verpflegung usw. von den Bergsteigern in welches Hochlager getragen wird, und in welcher Höhe übernachtet wird, ist für den letztendlichen Gipfelerfolg ausschlaggebend. Man sollte die Schlafhöhe immer nur um ca. 400 Höhenmeter erhöhen und jedes Mal etwas höher aufsteigen als dann geschlafen wird. Es ist nämlich nicht nur die außergewöhnliche Seehöhe das Problem, sondern vor allem die Zeitdauer, die sich der menschliche Organismus in großen Höhen aussetzt. Das heißt, wenn man in relativ kurzer Zeit eine sehr große Seehöhe erreicht und gleich wieder absteigt, ist die Gefahr einer Höhenkrankheit wesentlich geringer als wenn man sich dort oben über 12 Stunden aufhält.

So würfelten auch wir Drei unser Konzept mehrere Male über den Haufen. Letztlich aber hilft die ganze Höhenanpassung nichts, wenn das Wetter dann umschlägt oder du die ganze Energie beim Schleppen der Ausrüstung und vom Auf- und Absteigen zwischen den Hochlagern verschossen hast und beim Gipfelsturm mit weichen Beinen dastehst. In Höhenlagen über 5000m ist in keinem Falle jene Regeneration des Körpers zu erwarten, welche du zu Hause nach einer Nacht des guten Schlafes gewohnt bist.

Ich spürte ganz einfach in meinem Körper, dass es für mich besser ist, auf Kosten der Höhenanpassung auf möglichst viele Kilometer des auf und Abstieges, wie es im Pendelverkehr zwischen den Hochlagern üblich ist, zu verzichten und stattdessen den Berg nur in Aufwärtsrichtung zu versuchen. Die Tatsache, dass das Wetter die letzten zwei Wochen immer schön war, und das allseits bekannte Aconcaguawetter mit Sicherheit jetzt einmal kommen musste, war diese Lösung auch in diesem Sinne die schnellste und sicherste.

Jetzt war „nur“ noch zu klären, ob unsere Körper da auch mitmachen. Das konnten wir jedoch nur erfahren, wenn wir es versuchen. Man hörte irrsinnig viele Meinungen und Empfehlungen von anderen Leuten im Basislager, wo ca. 300 Menschen teilweise schon zum dritten Mal diesen Giganten zu besteigen versuchten. Wir konzentrierten uns nun einzig und alleine auf uns und blendeten die gut gemeinten Vorschläge einfach aus, weil das die einzige Chance war, zur Ruhe und zur Überzeugung zu kommen.

23 kg wog jeder Rucksack, den David, Peter und ich schulterten, als wir am frühen Morgen des 13.01.2007 aus dem Basislager Richtung Steilhang nach „Camp Canada“ wankten. David war für das Fotografieren zuständig und hatte einige Mühe, neben den Strapazen auch noch Bilder zu machen.Gegen 10.00 Uhr trafen wir auf „Camp Canada“ ein. Mit uns waren auch noch einige Bergsteiger aus Österreich und Deutschland aufgestiegen. Ab hier waren wir auf uns alleine gestellt und wir mussten uns selbst versorgen.

Beim Aufstellen unseres 3-Mann-Zeltes bemerkte ich sofort, dass mit David etwas nicht stimmt. Seine Stimme war ganz leise und verwaschen, sodass ich immer zweimal nachfragen musste, um ihn zu verstehen. Ihm hat die Höhe und die Anstrengung zugesetzt, weil er die letzten Tage mit der Verdauung Probleme gehabt hat und sich viel zu wenig Energie zuführen konnte. Er brachte auch jetzt fast nichts hinunter und gegen Nachmittag entschloss er sich, den Abstieg ins Basislager einer Nacht auf „Camp Canada“ vorzuziehen. Da das der erste von 12 Tagen war, war das die einzig richtige Entscheidung von David. Im Basislager konnte er sich zwei - drei Tage erholen und hatte immer noch genug Zeit für einen Versuch.

Ein perfekt aufeinander abgestimmtes Team

Als Peter und ich nun alleine in unserem Zelt lagen, fragte ich ihn nach seinem Empfinden. Wir begannen uns derartig auf einander abzustimmen, dass wir fast im Gleichtakt mathematisch Flüssigkeit und Nahrung zu uns nahmen um nur ja nicht weniger Brennstoff zuzuführen als verbraucht wird. Dort oben isst und trinkt man nicht um Hunger und Durst zu stillen, sondern um leistungsfähig zu bleiben.

Wir wussten irgendwie, dass es sehr schwierig werden wird, dass David in unseren Rhythmus noch einsteigen und weitermachen kann. So blieb uns unsere einzige Möglichkeit, fast wie ein Organismus mit drei Händen, zwei Augen und vier Beinen mit einer gewaltigen Portion Disziplin weiterzumachen, bis einer von uns nicht mehr kann.

Ich kenne den Peter schon lange, aber was er mir in den folgenden drei Tagen gezeigt hat, war schlicht und einfach sensationell. Nicht ein einziges negatives Wort, oder gar schlechte Stimmung, im Gegenteil, sonst wäre es unmöglich gewesen, zum Gipfel zu kommen. Jeder von uns zwei hat genau das eingebracht, was er gut kann. Ich habe mein Gespür, Erfahrung von vielen Extremsituationen meiner Bergsteigerei, etwas Wissen aus unzähligen Büchern in Sachen Höhenanpassung und viel Optimismus und Peter seine unkomplizierte Art, sein großes Vertrauen in mich, seine Bombenkondition und das Licht seiner zwei Augen in unseren Rucksack gepackt.

So entschlossen wir uns, nicht wie geplant noch eine zweite Nacht auf „Camp Canada“ zu verbringen, sondern gleich nach der ersten Nacht wieder alles in den Rucksack zu stopfen und auf „Camp Nido de Condores“ auf ca. 5500m weiter zu ziehen. Wir hatten ja keinerlei Verbindung mit dem Basislager.

Am 14.01.2007 kamen Peter und ich nach ca. 3 Stunden Aufstieg mit sehr schweren Rucksäcken auf „Nido de Condores“ an. Ein sehr großes Plateau, wo der Wind so richtig an die Zelte kommt. Einige Zelte standen schon dort, und unsere Kameraden aus Kärnten, der Steiermark und aus Deutschland waren mit uns von „Camp Canada“ mit hochgekommen. Man ist zwar sprichwörtlich unter den Leuten, trotzdem hat in diesen Höhenlagen jeder mit sich derartig zu tun, dass man sich nur im Notfall bei den Anderen melden würde.

Als wir das Zelt nun wieder aufgebaut hatten, was für andere Bergsteiger anscheinend ein Spektakel war, wenn ein Blinder die Stangen einfädelt und dabei ums Zelt stolpert und ein Einarmiger versucht, Heringe reinzuhämmern, merkten wir beide plötzlich zum ersten Mal den Sauerstoffmangel. Wir mussten größere Steine herbeischleppen um das Überzelt gegen den Wind abzuspannen und da wurde Peter und mir immer wieder mal flau in der Magengrube.

Nun begann derselbe Ablauf wie gestern mit der Nahrungsaufnahme von vorne. Wir würgten uns mehrere Liter Tee, wenn man dieses Wasser überhaupt so bezeichnen kann und je eine Packung Trockennahrung inkl. Wasser in den Kragen. Während Peter dieses Wasser in mehreren Gängen heranschaffte, setzte ich im Zelt den Kocher in Betrieb und unser köstliches Mahl konnte genossen werden.

Wir hatten als Option vor, zwei Nächte in diesem Hochlager zu bleiben und dann, vielleicht genug angepasst, den Gipfelsturm von hier aus schon zu starten. Die andere Möglichkeit wäre gewesen, wieder um ca. 400 Höhenmeter weiter nach oben zu wandern und auf „Camp Berlin“ auf ca. 5900m die Nacht vor dem Gipfelgang zu verbringen. Großer Vorteil für diese Variante wäre eine wesentlich kürzere Gipfeletappe gewesen.

Wieder krempelten wir alles um. Ich konnte nämlich aus einem anderen Zelt eine Stimme vernehmen, welche mir sehr glaubwürdig mit den Worten, „gut, dass wir vor dem großen Schlechtwettereinbruch oben waren“, einen neuen Floh ins Ohr setzte. Das war ein Gespräch zwischen zwei Bergsteigern, die anscheinend heute am Gipfel waren und über Sattelitentelefon eine verlässliche Wetterinfo haben mussten. Ich meldete das dem Peter mit dem Vorschlag, gleich morgen früh einen Schnellangriff zu versuchen. Peter meinte nur, „wenn uns in der Früh nichts fehlt, versuchen wir es!“

Gipfelsturm: Mehrere Etappen in einem Schwung

Etwas mit gemischten Gefühlen kroch ich in meinen Schlafsack und fand bald meinen wichtigen Schlaf. Trotz einer Schlafunterbrechung wegen einer kurzen Durchfallattacke gegen Mitternacht erwachte ich um 4.00 Uhr morgens wie geplant. Peter war auch quietschvergnügt und so stand unserem ersten Gipfelversuch an jenem 15.01.2007 einem strahlenden Montag nichts im Wege. Wir hatten uns für dieses Unterfangen klugerweise nur einen Rucksack für uns beide gepackt, um diesen abwechselnd zu tragen. 4 Liter Tee, einige Müsliriegel, Fotokamera, GPS-Gerät und Daunen- und Sturmausrüstung hatten wir mit.

Gegen 4.40 ging der lange Marsch los. Wir gingen in einer Gruppe von unseren Kameraden und die ersten 400 Höhenmeter auf „Camp Berlin“ war es noch stockdunkel. Ab dort ging es sehr schnell mit dem Sonnenaufgang und noch schneller zerstreute sich unsere Gruppe. Es ist wahnsinnig schwierig, im Gleichschritt mit einem anderen Bergsteiger zu bleiben, weil sich der Zustand des Einzelnen in Höhen über 6000m fast halbstündlich ändern kann. So waren Peter und ich bald relativ alleine auf weiter Flur und nur gelegentlich hörte ich Bergsteiger neben mir in allen möglichen Tönen den Berg zu verdammen.

Ab ca. 6300m wurde es immer zäher. Man hatte das Gefühl, dass man seit dem letzten male auf die Uhr schauen ja schon stundenlang gegangen wäre, ist aber in Wirklichkeit nur 20 Minuten gestiegen.Ebenso geht es mit den Höhenmetern. Du glaubst jetzt sicherlich schon wieder 200 Höhenmeter gemacht zu haben, der Höhenmesser bringt dich zur Verzweiflung weil er dir nur 50 Meter Höhenzuwachs anzeigt. Wir hatten keine Uhr und keinen Höhenmesser am Arm und das GPS-Gerät hatte ich im Rucksack und wollte es nur im Falle von Nebel und schlechter Sicht rausgeben. So waren wir nur auf Zeit und Höhenangaben von anderen Bergsteigern aus allen Ländern der Welt, die genau so wie wir ihren Kampf kämpften, angewiesen.

Auf ca. 6400m überholte uns der Joachim aus Schladming, ein lieber Kamerad aus unserer Gruppe der unter anderem auf zwei Achttausender-Berge gestiegen ist und meinte, heute kommt keiner von unserer Gruppe auf den Gipfel. Das irritierte Peter und mich nicht weiter, da es keine Wolke am Himmel, keinen Wind, keine körperlichen Beschwerden gab und erst 9.00 Uhr früh war. So trotteten wir weiter und ich fragte Peter immer wieder, ob er die „Canaleta“ nicht bald sehen würde. Die „Canaleta“ ist die letzte Steilrinne, die sich über ca. 300 Höhenmetern in eine Scharte knapp unter den Gipfel zieht und meist das letzte Kriterium der Tour darstellt.

Auf Grund unserer sehr schlechten Höhenanpassung nahm die Leistungsfähigkeit enorm ab und wir schafften fast nur noch 100 Höhenmeter in der Stunde. Dazu zu sagen ist natürlich, das das Gelände ab ca. 6450m ab der Querung zur „Canaleta“ auf Grund von lockerem Geröll, großen Blöcken und einer unangenehmen Schräge für mich sowieso schwerer zu begehen war. Irgendwann wurde das Geröllfeld immer steiler und man musste nach 20 Schritten immer wieder kurz stehen bleiben um zu schnaufen.

Als ich glaubte, bald in der Scharte zum Gipfel zu sein, wurde das Gelände noch steiler und unangenehm bockig. Ich schmiss den Rucksack unter einen großen Felsen und wir krochen ohne Verpflegung und Ausrüstung weiter nach oben. Teilweise war nun Eis unter dem Schotter und man musste sehr aufpassen. Mit unseren Expeditionsbergschuhen fanden wir auch ohne Steigeisen guten Halt. Wir hatten zwar Pickel und Steigeisen mitgenommen, diese jedoch auf Grund der Informationen von Gipfelstürmern der Vortage und des gutem Wetters nicht zum Gipfelgang mitgenommen.

Worte fielen jetzt fast keine mehr, und wenn doch, klang das nur sehr heiser. Ich hörte einfach wo Peter kratzte, und so kratzte und krabbelte ich eben in diese Richtung. Von Geschwindigkeit war ja schon lange keine Rede mehr und so konnte ich den Geräuschen relativ leicht folgen. Nur wenn wieder mal eine besonders heikle Stelle kam, machte mich Peter darauf aufmerksam.

So süffelten wir nach unserem Empfinden stundenlang über diese „Canaleta“ hinauf, bis ich von oben Joachims Stimme vernahm. Der Schladminger war tatsächlich als Erster unserer Gruppe am Gipfel und war nun beim Abstieg. Er musste sich sehr gewundert und gefreut haben, als er unsere Kreatur mit zwei Augen, drei Händen und vier Beinen da heraufkämpfen sah. Er rief mir mit verschwommener Stimme zu, „wenn ihr es nur irgendwie schafft, es sind nur noch 70 Höhenmeter zum Gipfel!“

Für mich war es klar, so „billig“ bekommen wir ihn nie wieder! Ich motivierte Peter noch mal der vor mir alles, aber auch alles aus seinem super trainierten Körper herausquetschte, doch die Anstrengung übermannte uns nun alle fünf Schritte und zwang uns in die Knie. Trotzdem richteten wir uns immer wieder auf und sprachen uns gegenseitig Mut zu, obwohl zu diesem Zeitpunkt keiner von uns beiden wirklich glaubte, heute noch hinaufzukommen. Die letzten 20 Höhenmeter waren schon richtig harte Arbeit. Man hörte Leute am Gipfel, und da waren noch so 30 bis 50 cm hohe Stufen über Blöcke und jede einzelne davon jagte meinen Puls in einen irrsinnigen Bereich.

Mit letzter Anstrengung geschafft

Aussicht
Aussicht vom Gipfel
Um 14.00 Uhr ging es nicht mehr aufwärts und alles war flach. Mir trieb es sofort das Wasser in die Augen und gewaltige Emotionen über das so lang ersehnte und zu diesem Zeitpunkt erreichte Ziel kamen in mir hoch.

Peter ging es ebenso und so brauchten wir uns nicht viel zu sagen. Eine kräftige Umarmung und die schlichten Worte von Peter: „Andy, wenn Du nicht gewesen wärst, hätte ich mich nie mehr da heraufgekämpft! Danke!“ konnte ich nur voll und ganz erwidern.

Gedanken an zu Hause, meine Frau, die mir den Weg für meine Abenteuer immer frei macht und an meine Eltern schossen mir im Kopf umher. Ich wusste aber, auf so hohen Bergen ist der Gipfel erst der halbe Weg, und so nahm ich meine ganze Kraft und Konzentration zusammen, um den für mich nicht einfachen Abstieg gut zu überstehen.

Eine halbe Stunde Gipfelrast mit Fotos und gegen 14.30 begannen wir den Abstieg.

Abstieg mit Wettersturz

Peter hat auf Grund seiner Armamputation ungleichmäßige Gewichtsverhältnisse im Oberkörperbereich und das wirkt sich in solchen Extremsituationen natürlich aus. Es war für ihn sehr schwierig, die Balance über diese Steinblöcke in der steilen „Canaleta“ im Abstieg nicht zu verlieren. Nach 300 Höhenmetern sehr anstrengenden Abstieges war das Schlimmste geschafft und wir kamen endlich wieder in flacheres Gelände.

Der weitere Abstieg bis ins Hochlager wo wir gegen 19.00 Uhr eintrafen ging relativ problemlos. Dort setzte die Müdigkeit dann voll ein und wir fielen buchstäblich nur noch ins Zelt wo wir noch Stunden durstig auf unseren Isoliermatten liegen blieben, bis wir schließlich einschliefen. Zum Teekochen hatten wir keine Motivation mehr und das tat mir in der Nacht dann leid. Ich hatte solchen Durst, dass mir die Kehle brannte und der Rachen verklebte.

Am Morgen des 16.01.2007 schneite es und es waren schon 15 cm Neuschnee gefallen. Ich wusste, das war der Schlechtwettereinbruch. Wir bauten unser Zelt ab und stopften unsere Rucksäcke zum Abstieg ins Basislager. Mit einer tiefen Freude im Herzen ließ sich der steile schotterige Abstieg trotz müder Knochen leicht ertragen.

Nach dem Gipfelsieg Andy und Peter mit David
Als wir ca. 100 Höhenmeter über dem Basislager waren, kam uns David von unten entgegen und war nach drei Tagen Erholung voll motiviert und beglückwünschte uns zum Erfolg. David war mit einer kleinen Gruppe von Leuten Richtung „Nido de Condores“ unterwegs und wollte am nächsten Tag unseren Spuren zum höchsten Punkt folgen. Es wurden jedoch zwei Gewitter- und Sturmnächte mit viel Neuschnee daraus und David stieg am dritten Tag wieder ins Basislager ab. Weitere zwei Schlechtwettertage vergingen und David wollte am Sonntag den 21.01.2007 einen letzten Angriff versuchen. Sturmböen in Orkanstärke verwährten ihm leider seine letzte Chance.

Peter und ich verbrachten in dieser Zeit einige Tage im Basislager bei den Köstlichkeiten, die im so genannten „Hotel Plaza de Mulas“ um einige Dollars angeboten werden. Telefonanrufe über Sattelitentelefon bei unseren Frauen Resi und Sabine machten unser Glück komplett. Die Gipfelnachricht unseres Invalidenteams verbreitete sich gewaltig schnell.

Eine Zusammenfassung von Andy Holzers Bergabenteuern kann unter diesem Link gelesen werden.

Dieser Text wurde aus einem Berichts auf der Website Andy Holzers http://andyholzer.com zusammengestelt. Unser herzlicher Dank an Andy Holzer, der uns dazu Bilder und Texte zur Verfügung gestellt hat.



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