"Nicht ich baue die Brücken, sondern die Menschen gemeinsam mit mir. Es ist schwere Arbeit. Doch in diesen Momenten ist eine Brücke mehr als nur ein Bau: Sie ist Hoffnung und Fortschritt... Glücklich sehe ich, dass die Sprache der Brücken auch keine Grenzen kennt."

Toni Rüttimann


Die Brücke am Xe Noy

Von Toni Rüttimann

Savannakhet, Laos, 10. Mai, 2008

Es ist fünf Uhr morgens im Dorf Na Than am Xe Noy - dem Noy Fluss - in Laos. Die Frauen erheben sich zuerst. Leicht stossen sie ihre Töchter an, ihnen zu folgen. Kaum ein Schatten, verlassen ihre Silhouetten still den grossen Raum wo alle auf dem Bretterboden schliefen. Jede nimmt ihren Bambusstab und zwei Eimer. Geschickt steigen sie die steile Hühnerleiter auf die Erde nieder, wo sie den gewundenen Pfad zum Xe Noy nehmen, um Wasser für den Tag zu holen.

Im Pfahlhaus erwachen die anderen Kinder eins nach dem anderen. Ein Moskitonetz bewegt sich, weg fliegt eine dünne Decke, und Piyá springt auf.

"Steh'auf, steh'auf!" schüttelt er Nong Sá, seinen jüngeren Bruder. "Komm mit! Schnell!"

Letzte Nacht ist etwas passiert. Piyá hörte seinen Vater und die anderen Männer reden draussen auf dem Holzboden, wo sie alle assen und lebhaft redeten. Es war auch ein Ausländer dabei!

Piyá und Nong Sá rennen durch das Dorf. Unter den Hütten gebaut auf Pfählen suchen die Schweine, Enten und Hühner schon früh Essensreste.

"Wohin gehen wir?", ruft der kleine Bruder, aufgeregt und atemlos.

"Zum Wat!", grinst der Zehnjährige, und springt über eine Pfütze.

"Zum Tempel?" Nong Sá steht still. "Wieso denn zum Tempel?"

"Komm schon! Wir müssen schauen gehen!"

Einige Momente später, nach Durchqueren fast des ganzen Dorfes, erreichen sie die Holzstufen zum Eingang des Tempelhofes. Piyá studiert das Gelände, als ob er genau wüsste, was er sucht. Dann springt er über die Stufen und rennt auf die rechte Seite des Geländes, vorbei and der Hütte der Mönche. Er hält an auf der Felsplatte, wenige Schritte vor der Kante, hoch über dem Fluss.

“Hier!”, mit Augen gross vor Staunen. “Es ist wahr!" “Was ist wahr?” Nong Sá ringt nach Atem.

Xe Khoumkham, Savannakhet, Laos
“Die Holzstäbe! Die ZWÖLF STÄBE, Brüderchen!”

"Ich sehe nur acht", nach langsamem Zählen der sauber angeordneten Bambusstäbe im Boden, plaziert wie zwei Vierecke. Doch Piyá ist schon davongerannt in den hinteren Teil des Hofes, neben das Haus der Mönche.

"Hier sind die anderen vier!" ruft er triumphierend, und tanzt um die verteilten Bambusstäbe, ein grosses Viereck.

"Was ist das, Bruder? Was bedeutet es?"

"Die Brücke, Nong Sá! Die BRÜCKE! Sie werden die Brücke bauen!"


Dann erzählt er seinem kleinen Bruder, was er durch die Bretterwand gehört hatte letzte Nacht, kurz vor dem Einschlafen.

Bauen oder Nichtbauen

Ob es genau so geschehen ist, weiss ich nicht. Ich war nur am Abend dort, zwei Stunden vor Sonnenuntergang und zwei Stunden danach. Genug lange um zu schauen, messen, berechnen und Stäbe zu pflanzen. Lanh und ich sind nach Na Than gekommen auf unserem grünen Kranlastwagen, geführt von zwei Männern des Departements für öffentliche Arbeiten, einer von der Provinz Savannakhet und der andere von der Provinz Khammouan. Die Strasse ist schrecklich, wie so viele Strassen hier. Es ist klar, dass Fahren in den Monaten des Monsuns, der nun schon beginnt, zum wahren Alptraum wird. Wenn es überhaupt ein Fahrzeug schafft.

Lanh ist mein laotischer Kranlastwagenfahrer, 31 Jahre alt, Wittwer. Seine Frau ist an Lungenentzündung gestorben, kaum waren sie drei Monate verheiratet. Zusammen haben wir innert knapp vier Monaten acht Brücken gebaut im Süden von Laos, und weitere acht sind im Bau. Doch auch nur mit vier Monaten Erfahrung als Brückenbauer weiss Lanh auf den ersten Blick, dass der Xe Noy zu weit und zu hoch ist. Ebenso weiss er: die Brücke soll zwei Provinzen verbinden. Das macht es doppelt unwahrscheinlich, dass die Regierung sich entschliessen kann, sie je zu bauen.

Die Armut auf dem Land in Laos ist so bitter wie auf dem Land in Kambodscha. Wenigstens die Bauern, haben ihren Reis zum Essen. Natürlich nur, wenn die Ernte nicht missrät, und sie es so mit genug Reisvorrat bis zur nächsten Ernte schaffen. Viele Familien ergänzen mit ein paar Lebensmittel, die sie zu kaufen vermögen, und mit dem, was sie in Feld und Wald finden können: essbare Blätter und Blumen, Farn, Bambus, Ameisen, Käfer, Maden als Suppe und Salat. Dazu natürlich jedes grössere Tier, das sie fangen können.

In der Trockenzeit können sich jene Dörfer glücklich schätzen, die einen oder zwei Brunnen mit Handpumpe haben. In den kalten Monaten, wenn ich frühmorgens durch die Dörfer komme, sehe ich, wie die Menschen unter ihren Strohhütten auf Stelzen dicht gedrängt ihre Hände ans Feuer in ihrer Mitte halten. Alte Leute und Kinder in löcherigen Kleidern, sogar Hunde und Vieh bemühen sich, näher an die Wärme zu gelangen. "Es ist nicht nur dieses Dorf, Toni."

Der Mann von Khammouan reisst mich aus meinen sinnenden Gedanken.

"30 bis 40 Dörfer hier brauchen diese Brücke!" Er deutet in die Ferne in einem Halbkreis, jenseits der Palmen und Reisfelder.

"In der Regenzeit sind wir alle abgeschnitten", fleht der Dorfchef.

Doch es sieht schlecht aus, und sie wissen es. Die ersten Stellen, die wir untersucht haben in der Nähe des Dorfes zeigen über 120 Meter auf meinem Distanzmesser. Keine Chance. Kopfschütteln. Herzen sinken.

100 Meter ist jetzt unsere Limite in Laos. Wegen den Tok-Tok's. Dieses so nützliche laotische Landwirtschaftsfahrzeug mit Anhänger kann bis zu 20 Leute transportieren, oder sogar fast zwei Tonnen Ladung bewegen. Dafür muss der Brückenboden breiter und stärker gebaut sein. Das ist schon eine Semi-Fahrzeug-Brücke.

Mit einem Dorfführer setze ich über im Boot, klettere die 20m steile Böschung hoch und ducke mich durch das stachelige Gebüsch zur Prüfung von drei weiteren Stellen. Alle sind zu weit und die Ufer instabil.

Ich mag diesen Augenblick ganz und gar nicht, wo ich entscheiden muss in der Frage 'Bauen oder Nichtbauen'. Der einfache Weg ist natürlich zu sagen "Es tut mir leid, hier können wir keine Brücke bauen" und weg gehen.

Auch jetzt, nach 380 fertigen Brücken, wiegt die Verantwortung und das Risiko einer so grossen Brücke wie diese hier, wo die Spannung in den Tragseilen über 50 Tonnen beträgt. Für uns, die wir von Hand arbeiten, ist das sehr ernst. Jede Brücke ist eine Verpflichtung, und wie immer wird sie einen Teil unseres Leben abverlangen. Abgeschnitten, Scheibe um Scheibe.

Aber eben das heisst, Brückenbauer der Armen zu sein… nicht? Für den Preis eines Stückchen deines Lebens kannst du Leben erleichtern für 30, 40 Dörfer. Das heisst 8,000 bis 10,000 Menschen, wahrscheinlich mehr. Was für ein gutes Geschäft!

Stäbe, Messband, Handy und Pythagoras

Das Gesträuch öffnet sich am letzten Standort, und da sehe ich sie: die Brücke in meinem Geist. Gutes Zeichen!

Ich messe wieder und wieder - 100.50 Meter! Na also. Und das Flussufer stabil, auf einer Felsschicht. Wohl war das der Grund, weshalb das Wat dort obendrauf gebaut wurde. Ich hocke und entwerfe die Brücke auf meinem Handy.

Fertig.

Xe Khoumkham, Savannakhet, Laos
"Können Sie Buschmesser und Männer kriegen? Jetzt? Zum Freimachen hier.

Die Brücke wird hier stehen."


Der Dorfführer denkt, er habe mich falsch verstanden, mit meinem Laotisch so holprig wie die Strasse nach Na Than.

"Schnell. Stäbe pflanzen. Noch vor Dunkelheit." Ich gestikuliere etwas und lache.

Er lässt sein Buschmesser fallen, und rennt quer durch das Reisfeld, mit Gebrüll und schwingenden Armen vor Freude.

Mit dem allerletzten Tageslicht sind die zwölf Stäbe plaziert auf der Savannakhet Seite. Im unheimlichen Strahl von Taschenlampen werden die zwölf auf der Khammouan Seite gesetzt, im Tempelhof.

Stäbe, ein 50m Band, ein Handy und Pythagoras. Der grosse Grieche lächelt wohl, wie er uns bei jeder Brücke mithilft. Die Leute können die Schnelligkeit kaum fassen, sogar in der Dunkelheit, jede Bewegung klappt.

"Während zwei Stunden sagt er 'nein', 'nein', 'nein' - und nun innert Minuten ist die Brücke markiert.", höre ich jemanden sagen.

"Morgen beginnen wir zu Graben", meint ein anderer, glücklich.

Eine Stunde später verlässt der Kranlastwagen das Dorf in Richtung Wald.

Die Bauern haben ihre Anweisungen: Aushub, 240 Tonnen Stein und Sand. 360 Sack Zement. Uns kontaktieren in 10 Tagen.

Boten werden ausstreben in die umliegenden Dörfer und die Nachricht verbreiten. Die Menschen werden ihre Arbeit im Reisfeld stehen und liegen lassen und sie werden kommen zum Graben und Steine tragen für ihre Brücke.

Einen Sack Zement pro vier Familien beisteuern, oder weniger. Die Distrikt Regierungen beider Seiten helfen vielleicht auch mit.

In fünf Wochen könnte vollbracht sein was zehntausend Menschen ihr Leben lang erträumt haben: die Brücke am Xe Noy.



Mit freundlicher Genehmigung von Toni Rüttimann. Weitere Berichte und Informationen auf der "nicht offiziellen" Website von Toni Rüttimann: .


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