Hüter der Schöpfung

Meine Arbeit als Ernährungswissenschaftler basiert auf der Grundlage, den Ratsuchenden keine symptomatische, sondern eine ursachenbezogene Hilfestellung zu geben. Sucht mich jemand in der Praxis mit Magenschmerzen auf, so lasse ich es nicht bei den ernährungskundlichen Empfehlungen bewenden, zum Beispiel wenig Geröstetes und Fritiertes zu verzehren sowie Kaffee und Alkohol zu meiden. Diese Maßnahmen wirken unterstützend, sind jedoch meist nicht die Ursache für die Magenreizung. Um die gesundheitlichen Probleme bei der Wurzel zu packen, frage ich nach den möglichen Ursachen. Liegt ein Grund für Gereiztheit vor, spielt Stress eine Rolle, gibt es Unstimmigkeiten im sozialen Bereich, ist die Ausübung des Berufes erfüllend? Wir unterhalten uns über Möglichkeiten des emotionalen Ausgleichs, wie Autogenes Training oder sportliche Betätigung, so dass aus einem körperlichen und seelischen Gleichgewicht heraus die Ursachen der Magenreizung behoben werden. Bei Bedarf verweise ich auf Ärzte oder Heilpraktiker, Psychologen und Körpertherapeuten, die ebenfalls ganzheitlich ausgerichtet sind und entsprechend die Gesundheit des Patienten fördern.

Diese umfassende Betrachtungsweise von Krankheit lässt sich auch auf den Zustand der Erde übertragen. Reicht es aus, über Müllvermeidung, Abfalltrennung, die Parole Fahrrad statt Auto, und über andere umweltschützende Maßnahmen der fortschreitenden Zerstörung der Erde entgegenzu-wirken? Die genannten Aktivitäten, die zweifellos notwendig sind, können mit den Ratschlägen für den Magenkranken, auf Frittiertes und Kaffee zu verzichten, verglichen werden. Diese beheben möglicherweise die Symptome der gesundheitlichen Störung, bearbeiten aber nicht die wirklichen Ursachen. Die stetig zunehmende Verschwendung von Rohstoffen oder die Verklappung von Industrieabfällen in die Meere bilden nicht die wirkliche Ursache der Umweltschädigung. Sie sind vielmehr die Auswirkungen eines Entfremdungsprozesses des Menschen aus dem Kreis der Erd-Gemeinschaft. Die daraus resultierende Entfremdung wird von dem fatalen Trugschluss begleitet, dass sich die Menschen als Herren dieses Planeten ansehen und sich daher auch das Recht nehmen, wann immer es ihnen als sinnvoll erscheint, die Erde auszubeuten.

Es ist keine Frage, dass der konventionelle Umweltschutz sehr wichtig für das Gleichgewicht der Erde ist. Von tiefgehender Bedeutung ist es allerdings auch, eine gefühlsmäßige und herzliche Verbindung zur Erde aufzunehmen, sie wie einen guten Freund oder gar das eigene Kind zu behandeln und diese familiäre, liebende Haltung in das alltägliche Leben zu integrieren.

Gleiches Recht

Die Vielzahl der Milliarden Menschen macht nur einen winzigen Teil der gesamten Schöpfung auf der Erde aus. Jedes Lebewesen, ob es nun ein Pottwal oder eine Ameise, eine uralte Eiche oder ein Grashalm, ein Ackerstein oder ein Menhir ist, haben die gleichen Rechte wie die Menschen. Der einzige Unterschied zwischen den genannten Geschöpfen und uns ist, dass wir ein Bewusstsein entwickeln können und unserer selbst bewusst sind. Doch dies gibt uns nicht die Berechtigung, uns über die anderen Lebewesen zu stellen und uns als etwas höherstehendes anzusehen. Im Gegenteil: Durch die Möglichkeit des Denkens und des bewussten Handelns haben wir uns die Bürde der Verantwortung auferlegt, das Gleichgewicht der Erde zu erhalten, ja die Entwicklung unseres Planeten sogar zu fördern. Aus diesem Bewusstsein heraus ist es unsere Aufgabe, mit unserem Verstand, unserem Gefühl und unserem Herzen für die Erde zu handeln.

Das in den Industrienationen vorherrschende, konsumorientierte Handeln, wird auf dem Rücken der Erde ausgetragen. Durch Eingriffe in die Natur erschafft der Mensch Verhältnisse auf diesem Planeten, die teilweise nicht mehr rückgängig zu machen sind. Denken wir dabei nur an die Gen-Technik, die ganz neue Arten von Lebewesen kreiert, deren Wirkung auf das Leben nicht abzusehen sind. Der Mensch schädigt durch seine egozentrierte Lebensweise die harmonische Struktur der Erde und beraubt sich dadurch mehr und mehr seiner eigenen Daseinsberechtigung.

Wie dringend eine Bewusstseinsänderung von Seiten der Menschheit hin zu einer harmonischen Lebensweise im Einklang mit der Erde wäre, zeigen folgende Fakten:
Die Artenvielfalt und Qualität der meisten Ökosysteme befinden sich laut WWF (World Wide Fund for Nature) weltweit im freien Fall. Die Erde verlor seit 1970 ein Drittel ihrer ökologischen Schätze. Der WWF-Vizedirektor Jorgen Randers sagt, dass die letzten drei Jahrzehnte die zerstörerischsten Jahre seit dem Aussterben der Saurier wahren. In nur einer Generation zerstörte die Menschheit über 30 Prozent ihrer natürlichen Umwelt. Seit 1970 gingen zehn Prozent der Wälder verloren - zum größten Teil in den Tropen. Man geht davon aus, dass dort der Artenschwund noch höher liegt. Die Bestände der Meerestiere wurden durch Verschmutzung der Gewässer und Überfischung um 30 Prozent dezimiert. Der Verlust an Süßwasser-Biotopen (Flüsse, Seen, Feuchtgebiete) lässt sich auf 50 Prozent beziffern. Diese Zahlen drücken aus, in welch gravierend schlechtem Zustand sich die Erde befindet.

Mahnende Prophezeiungen der Hopi

Die Aufgabe der Menschheit ist es, das Wissen um die Erhaltung der Erde in Einklang mit den existentiell notwendigen Bedürfnissen zu bringen, das heißt, eine auf Konsum ausgerichtete Lebenshaltung, welche auf Kosten der Umwelt geht, gegen eine Lebensführung einzutauschen, bei der die Erde als etwas Besonderes angesehen wird. Wir dürfen uns im klaren darüber sein, dass wir bei diesem Wandel nicht auf etwas verzichten müssen oder dabei etwas verlieren, sondern dass wir im Gegenzug an innerem Reichtum und Harmonie gewinnen. Stellt sich dieser Lebenswandel nicht aus einer inneren Einsicht heraus ein, so werden äußere Umstände uns zu einer Änderung zwingen. Dies sagen zum Beispiel auch die Prophezeiungen der in Arizona lebenden nordamerikanischen Ureinwohner, der Hopi.

Nicht von ungefähr kam es in den letzten Jahren immer mehr zu Katastrophen wie Überschwemmungen, Erdbeben und Hurrikans. Dies sind ernst zunehmende Zeichen der Erde, an die Menschheit gerichtet, sich zu besinnen und wieder im Einklang mit ihr zu leben.

Halten wir uns vor Augen, dass verlorengegangene Baum-, Pflanzen- und Tierarten unwiderruflich diesen Planeten verlassen haben. Wir dürfen sie als mahnende Beispiele in Erinnerung behalten, um das, was noch von der Schöpfung übriggeblieben ist, zu ehren und zu bewahren. Das Wissen um die Urgesetze der Erde ist uns noch nicht ganz abhanden gekommen. Noch gibt es auf der Erde Völker und Stämme, die dieses Wissen in sich tragen. Es ist an der Zeit, sie um Rat zu fragen - nach Lösungen, wie die Menschheit wieder zurück zu ihren Wurzeln findet, um im Einklang mit der Erde zu leben.

Der Mensch - Teil eines Ganzen

Die Menschheit ist Teil einer Großgemeinschaft, die aus sämtlichen Lebewesen der Erde besteht. Die einzelnen Mitglieder dieser Gemeinschaft können mit den menschlichen Organen verglichen werden, die zusammen ebenfalls als ein gemeinsames Ganzes den menschlichen Körper ausmachen. Schädigen wir einen Teil der Gemeinschaft Mensch, zum Beispiel den Magen, durch Stress, so wird dadurch die Gesundheit des Ganzen gefährdet und auch andere Teile der Gemeinschaft Mensch werden in Mitleidenschaft gezogen. Die besten Medikamente werden längerfristig nicht helfen, die Magenstörung zu beheben, wenn wir nicht deren Ursache, in diesem Beispiel den Stress, erkannt haben und damit umzugehen lernen. Das lässt sich auch auf die Lebens-Gemeinschaft Erde übertragen. Je mehr Raubbau an den einzelnen Mitgliedern dieser Gemeinschaft, die mit den Organen des Menschen vergleichbar sind, betrieben wird, um so stärker wird auch die Großgemeinschaft geschädigt.

Was passiert, wenn ein Teil der Gemeinschaft eigene Wege geht, lässt sich am Beispiel der Krebszelle erklären. Irgendwann einmal hat sich eine Zelle entschieden, ohne Rücksicht auf ihre Familienmitglieder - die umliegenden Organe - ihren eigenen Weg zu gehen. Sie vermehrt sich ständig durch Teilung, bis irgendwann der Platz, auf dem sie lebt, nicht mehr ausreicht. Die Krebszellen breiten sich immer weiter aus, bedenken aber nicht, dass durch ihre Wucherung der Lebensraum der umliegenden Organe dermaßen gestört wird, dass diese nach und nach in Mitleidenschaft gezogen werden. Es kann durch das bedenkenlose Wachstum der Krebszellen schließlich soweit kommen, dass die Großgemeinschaft Mensch stirbt. Was die Krebszellen allerdings nicht bedenken können ist, dass durch den Tod des Gesamtsystems Mensch auch ihr eigener Untergang besiegelt ist. Die Fähigkeit, das Prinzip der Gemeinschaft Mensch zu erkennen, ist der Krebszelle nicht eigen. Wäre dies der Fall, würde sie sicherlich anders handeln.

Ein Teil der Menschheit lässt sich mit der egoistisch wuchernden Krebszelle vergleichen. Diese Menschen breiten sich aus, denken dabei konsumorientiert nur an die eigenen Bedürfnisse, ohne Rücksicht auf die Erd-Gemeinschaft zu nehmen. Sie schädigen die umliegenden Organe wie die Luft, den Boden oder die Artenvielfalt der Pflanzen und Tiere. Der Unterschied zwischen der Krebszelle und den Menschen ist, dass wir uns bewusst machen können, dass wir mit einer umweltzerstörenden Lebensweise unsere Umwelt existentiell bedrohen und somit auch uns selbst.

Hüter der Erde

Wenn wir den Platz, auf dem wir leben, achten und respektieren, so werden wir ihn so behandeln, dass er auch in der Zukunft von unseren Nachfahren bewohnbar sein wird. Dieser Platz ist im Kleinen gesehen unsere Unterkunft. Global gesehen ist der gesamte Planet unser Heim. Fangen wir an, aus diesem Bewusstsein heraus zu leben, so beginnen wir an unserer Kollektiv-Aufgabe zu arbeiten, nämlich die Hüter der Erde zu sein. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, bedarf es keiner aufwendigen und spektakulären Aktionen. Pflegen wir den Platz auf dem wir leben, begegnen wir ihm mit Respekt, so ist damit schon vieles erreicht. Je mehr Menschen damit anfangen, der Natur in unmittelbarer Nähe etwas Gutes zu tun, um so stärker wirkt sich diese positive Wirkung auf die gesamte Erde aus.

Dies ist mit einem erkrankten Menschen zu vergleichen. Je größer die Zuwendung ist, die er von seinen Mitmenschen erfährt, um so schneller schreitet in den meisten Fällen seine Gesundung voran. Dieser Zuwendung wohnt eine Kraft inne, die nicht von medizinischen Apparaten oder Pillen erreicht werden kann. Solche Errungenschaften des Fortschritts können zwar die Symptome oder auch Schmerzen lindern, doch heilen kann der Mensch sich nur selbst, aus eigener Kraft heraus. Eine wirksame Unterstützung kommt dabei von Seiten der Familie und Freunde, die einem in schweren Zeiten mit ihrem Mitgefühl und ihrer Liebe zur Seite stehen. Dieses gilt genauso für die Patientin Erde, die den Beistand ihrer gesamten Familie benötigt.

Die Denkweise der Ureinwohner

Die Antworten auf die fortschreitende Umweltzerstörung und gesundheitliche Störung der Erde können nicht in dem Denkgebäude stattfinden, welches den Raubbau heraufbeschworen hat. Wer denkt, dass alleine eine Aufforstung der geschlagenen Wälder, eine Wiederherstellung der natürlichen Läufe von ehemals begradigten Flüssen, ein Verbot von FCKW-haltigen Kühlschränken, eine Stillegung sämtlicher Atomkraftwerke ausreicht, um die Erde zur Gesundung zu führen, der irrt sich.

Eine wesentliche Antwort auf die fortlaufende Umweltzerstörung kann vor allem von Menschen kommen, die in Unabhängigkeit von den denaturierten Gedankenstrukturen leben, die in den Industrienationen dominieren. Eine Denkweise die im wahrsten Sinne des Wortes frei und ungebunden ist. Über dieses Wissen verfügen die Ureinwohner der Erde, wie zum Beispiel die australischen Aborigines oder die traditionell lebenden Bewohner Amerikas, wie zum Beispiel die Hopi. Fragt man die Naturvölker nach Lösungsmöglichkeiten für die Probleme der Umwelt, so erhält man oft als Antwort, dass die Menschen damit anfangen müssen, Mutter Erde als heilig anzusehen.

Vielleicht liegt in dieser primitiv erscheinenden und einfach anmutenden Empfehlung die Lösung so manch eines Problems?!


aus Roland Possin 'Hüter der Schöpfung - Die Erde heilen mit der Weisheit der Naturvölker'

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