Missbrauch - Abhängigkeit - Sucht

Der Verfasser

Dr. Christoph Mai Dr. Christoph Mai

Mein Name ist Dr. Christoph Mai. Ich arbeite als Psychiater und Umweltmediziner im Fachkrankenhaus Nordfriesland, einer Klinik für Abhängigkeitserkrankungen, Psychosomatik und Umweltmedizin im Nordwesten Schleswig-Holsteins und lebe mit meiner Frau und meinen drei Kindern im Alter zwischen fünf und 16 Jahren in einem kleinen nordfriesischen Ort.

In der psychiatrischen Ambulanz unserer Klinik betreue ich rund 200 Patienten. Mit den Stationen unserer Klinik bin ich im ständigen Austausch. Außerdem halte ich enge Verbindungen zu niedergelassenen Ärzten, zum örtlichen Gesundheitsamt, zu sozialpsychiatrischen Nachsorgeeinrichtungen, zu Jugendeinrichtungen und zu Schulen in der Region.


Wie entstehen Suchtkrankheiten?

Suchtkrankheiten haben ihren Ursprung lange vor dem ersten selbstgewählten Kontakt eines Menschen mit einem Suchtmittel. Eine herausragende ursächliche Bedeutung haben Konsumgewohnheiten und Umgangsstil mit innerpersönlichen oder zwischenmenschlichen Spannungen. Insbesondere im Kindes- und Jugendalter können Vorbilder im Familien- und Freundeskreis den Ausschlag für oder gegen den Beginn einer Suchtkarriere geben.

Konsumgewohnheiten

Sehr ungünstig ist die Situation für die Babys, die bereits vor ihrer Geburt über Mutterkuchen und Nabelschnur mit den Suchtmitteln ihrer konsumierenden Mutter wie Tabak, Alkohol, Beruhigungsmitteln, illegalen Drogen oder legalen Ersatzdrogen belastetet werden. Auch Suchtmittel in der Muttermilch sowie Tabakrauch in der Wohnumgebung oder in der Schule haben fatale Auswirkungen.

Eine abwechslungsreiche Ernährung mit rückstandsarmen naturbelassenen Lebensmitteln stärkt umfassend unsere Gesundheit. Für den Schutz vor Suchtkrankheiten ist hervorzuheben, dass eine solche Ernährung unseren Geschmacks- und Geruchssinn natürlich ausrichtet und ein angenehmes anhaltendes Sättigungsgefühl erzeugt.

Demgegenüber beschädigen Süßigkeiten, fast-food und Limonaden (Cola etc.) bei mangelndem gesunden Sättigungseffekt die natürliche Regulation der Nahrungszufuhr und treiben die Konsumenten in den Kreislauf von Konsumexzess, innerer Spannung und Gier. Auch die in den letzten Jahrzehnten sprunghaft angestiegenen Neuerkrankungen an Magersucht und Ess-Brechsucht haben hier eine wichtige Ursache.

Einigen Lebensmitteln wird gezielt Koffein, Alkohol und/oder Zucker zugesetzt, um die schleichende Suchtentwicklung bei den konsumierenden Kindern für die Kundenbindung zu nutzen.

Die Ernährungsgewohnheiten speziell unserer ersten drei Lebensjahre prägen maßgeblich unsere Ernährungsgewohnheiten in unserem ganzen Leben. Es lohnt sich aber trotzdem, sich auch später um eine gute Ernährung zu bemühen, auch wenn dann ein hoher Einsatz und viel Disziplin erforderlich sind.

Umgangsstil mit innerpersönlichen oder zwischenmenschlichen Spannungen

Obwohl Suchtmittel aus sehr unterschiedlichen persönlichen Motiven konsumiert werden, greifen sie bei allen Konsumenten in ähnlicher Weise in die Regulation innerer und zwischenmenschlicher Spannungen ein: Sie überdecken für kurze Zeit unangenehme Gefühle und demotivieren damit die aktive Suche nach Lösungen für die zugrundeliegenden Probleme. Mittelfristig sinkt bei den Konsumenten das Selbstvertrauen in ihr eigenes Bewältigungspotenzial, stattdessen wird das Suchtmittel als unersetzliche Lebenshilfe erlebt.

Kinder brauchen eine gesunde Mischung aus beständiger liebevoller Zuwendung und in relativer Selbständigkeit zu meisternder Herausforderungen ("Wurzeln und Flügel") sowie eine Atmosphäre von Offenheit, Klarheit und Respekt bei Konflikten, um gegen die Versuchungen der überall leicht verfügbaren Suchtmittel gewappnet zu sein.

Der Einstieg in die Suchtkarriere

Zigaretten sind vor Alkohol und Cannabis für die meisten Jugendlichen das erste bewusst selbstgewählte Suchtmittel. Kinder rauchender Eltern werden häufiger selbst Raucher. Mit der Lösung vom Elternhaus wächst der Einfluss der Peer Group. Bei den sogenannten harten Drogen wie Heroin und Kokain spielen Partnerschaften mit bereits konsumierenden Partnern eine zentrale Rolle.

Erfahrungsgemäß ist die schadensbegrenzende Einflussmöglichkeit auf Jugendliche gerade in der Einstiegsphase einer Suchtkarriere leider relativ gering, so dass sich wohlmeinende Angehörige manchmal enttäuscht von ihnen zurückziehen. Diese Jugendlichen sind aber gerade jetzt existenziell auf Gesprächspartner angewiesen, die sowohl eine bedingungslose Annahme ihrer Person als auch eine eindeutige Ablehnung ihres Suchtmittelkonsums vermitteln.

Gesundheitliche und gesellschaftliche Schäden durch Suchtmittel

Es würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen, die gesundheitlichen Schäden der häufigsten Suchtmittel im einzelnen zu beschreiben. Alle Suchtmittel verursachen z.T. schwere und manchmal irreparable körperliche Schäden an vielen Organen.
Seelische Reifungsprozesse werden durch Suchtmittelkonsum verlangsamt, gebremst oder sogar umgekehrt.

Speziell bei den sogenannten harten Drogen beschleunigen die Einflüsse des illegalen Milieus und der extrem hohe Geldbedarf für die Beschaffung den seelischen und körperlichen Verfall.

Eine gewisse Sonderstellung nimmt der Tabakkonsum ein, da auch extrem abhängige Konsumenten über viele Jahrzehnte bei exzessivem Konsum trotzdem sozial integriert bleiben können. Tabakkonsum richtet aber weltweit mehr Gesundheitsschäden als jede andere Droge an.

Gesamtgesellschaftlich gesehen sind Suchtkrankheiten eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Das Elend der Kranken, ihrer Angehörigen, speziell ihrer Kinder sowie die immensen gesellschaftlichen Folgekosten verpflichten uns zu Anstrengungen auf allen Ebenen. Hierzu gehört insbesondere Präventionsarbeit, so gibt es z.B. eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Fachkrankenhaus Nordfriesland und Schulen sowie Betrieben in der Region.

Die jüngst erlassenen Rauchverbote an Schulen sind ein ermutigendes Signal.

Behandlung von Suchterkrankungen

Bei schweren Abhängigkeitserkrankungen ist häufig nach erfolgreicher Motivationsarbeit eine Entgiftungsbehandlung in einer Suchtfachklinik erforderlich. Die eigentliche Behandlung erfolgt überwiegend ambulant über viele Monate, manchmal anfangs auch über einige Wochen stationär. Sie zielt auf eine tiefgreifende Veränderung von Einstellungen, Haltungen, Gewohnheiten und Verhalten ab. Maßgeblich für den Erfolg ist, inwieweit der Suchtkranke eine gesündere innere Ausrichtung und einen von sinnvollen Aufgaben bestimmten Ablauf seines Lebens erreicht.

Die Behandlung von Suchtkrankheiten wird häufig dadurch kompliziert, dass sie zusammen mit anderen schwerwiegenden psychiatrischen Krankheiten auftreten.

Was macht stark gegen Suchtkrankheiten?

Wir können uns auf vielen Ebenen unseres alltäglichen Lebens gegen Suchtkrankheiten schützen. Dazu gehören:
  • Gute Ernährung
  • Maßvoller Konsum von Genussmitteln
  • Verzicht auf Suchtmittel
  • Pflege respektvoller freundschaftlicher Beziehungen
  • Aufrichtigkeit in allen zwischenmenschlichen Kontakten
  • Engagement in Familie, Schule, Beruf, Freizeit, Gesellschaft
  • Suche nach Sinngebung und Rückbindung


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