Dach der Welt - Reisebericht

Reiseroute durch China und Tibet

Auch dieses Jahr haben wir uns auf den Weg gemacht, ein uns unbekanntes Land und seine Einwohner mit seiner Kultur und Lebensweise kennen zu lernen. Wieder verschlägt es uns auf den asiatischen Kontinent: auf das Dach der Welt, wie Tibet auch genannt wird. Diesen Namen hat Tibet deshalb inne, weil es so hoch liegt. Unsere Reisegruppe ist wieder 12 Leute stark, die aus den verschiedensten Ländern kommen: Australien, USA, Südafrika, Dänemark, Irland, Schweiz und England. Es sind die unterschiedlichsten Altersklassen vertreten: die Jüngste ist 19 Jahre alt und die Älteste 62. Trotz dieser Unterschiede verstehen wir uns alle prächtig miteinander. Unsere Reiseführerin ist dieses Mal eine Ungarin, die Tibetologie studiert hat und uns viel über den Buddhismus und die Geschichte Tibets erzählen kann. Das ist aber eigentlich die Aufgabe der einheimischen Führer, die wir an jedem Ort, den wir besichtigen, zusätzlich bekommen.

Wir verbringen die nächsten 4 Wochen auf durchschnittlich 3500 Metern Höhe, was eine ganz eigene Herausforderung darstellt, weil wir damit rechnen müssen, höhenkrank zu werden. Um das zu verhindern, müssen wir viiiel Wasser trinken und zur Akklimatisierung 2 bis 3 Stunden im Bett liegend ruhen. Auch können wir alles nur ganz langsam machen, weil wir bei der kleinsten Anstrengung wegen der dünnen Höhenluft völlig außer Atem geraten. Außerdem erleben wir, dass es in Tibet im Mai noch ziemlich kalt sein kann – zumal es in den Hotelzimmern keine Heizung gibt. So bekommt jeder von uns eine kurze, aber kräftige Erkältung.

Unsere Reiseroute beginnt in Peking, der Hauptstadt Chinas. Wir verbringen also zunächst ein paar Tage in China und können ein offizielles und ein inoffizielles Weltwunder bestaunen. Anschließend verbringen wir ein paar Tage im Grasland, wie ein Teil Tibets genannt wird, weil dort viel Gras wächst. Hier sehen wir viele Nomaden mit ihren Yak- und Schafsherden. Das Grasland gehörte ursprünglich zu Tibet, jetzt offiziell zu China, die Bevölkerung ist aber nach wie vor zur Hälfte tibetisch. Danach fliegen wir von Chengdu, einer weiteren großen chinesischen Stadt, nach Lhasa, die Hauptstadt Tibets. Hier wohnte der Dalai Lama, bevor er vor den Chinesen ins indische Exil fliehen musste. In Lhasa verbringen wir 5 Tage, bevor wir mit Jeeps zum Mount Everest Base Camp aufbrechen. Von dort fahren wir nach Nepal, um uns etwas von den Anstrengungen der Reise zu erholen und um von Kathmandu aus, der Hauptstadt Nepals, wieder nach Hause zu fliegen.

China


Peking

Große Mauer Fahrradtour durch Peking Verbotene Stadt
Große Mauer
Fahrradtour durch Peking
Verbotene Stadt


Gleich an unserem ersten Urlaubstag dürfen wir ein Weltwunder bestaunen: die Große Mauer. Sie wurde von mehreren Kaisern zum Schutz vor den 'Barbaren', wie die Mongolen bezeichnet wurden, gebaut. (Die Mongolen sind übrigens trotz Mauer in China eingefallen.) Sie ist unglaublich lang, besteht aber aus mehreren Teilstücken, die nicht miteinander verbunden sind. Um auf die Mauer zu gelangen, muss man sich etwa 1000 Treppenstufen hochkämpfen. Ist man aber mal oben, hat man eine tolle Aussicht.

An unserem 2. Tag in Peking besuchen wir den Platz des himmlischen Friedens und die verbotene Stadt. Letztere war der Wohnsitz der Kaiser und seiner Konkubinen. Sie heißt verbotene Stadt, weil sie erst vor einigen Jahren für die Öffentlichkeit geöffnet wurde, das heißt selbst die chinesische Bevölkerung sieht erst jetzt, wie ihre Kaiser früher lebten.

Am Nachmittag machen wir eine Fahrradtour durch Peking, was bei dem Verkehr ganz schön spannend ist. Aber da die Chinesen sehr viel mit dem Fahrrad unterwegs sind, gibt es eine eigene Autospur, auf der nur Fahrräder fahren dürfen, ähnlich unseren Radwegen. Unsere Radtour führt uns durch die 'Hutongs', wie der alte kommunistische Stadtteil genannt wird. Hier gibt es kleine graue Hütten, die so eng beieinander stehen, dass dazwischen nur kleine Gassen Platz finden. Es ist nicht besonders hübsch dort, aber die Einwohner der Hutongs sind glücklich, weil sie ihre Nachbarn kennen, mit denen sie in den Gassen Karten oder Schach spielen und ein Schwätzchen halten können. In diesen Gassen findet das Gemeinschaftsleben statt. Für die olympischen Spiele 2008, die in Peking stattfinden, sollen diese Hutongs abgerissen und dafür Hochhäuser gebaut werden mit Grünflächen drumherum, weil das hübscher ist.

Am Abend steigen wir in einen Nachtzug nach Xi'an ein, wo wir morgens ankommen.

Xi'an


Terrakotta Armee Tai Chi im Park von Xian Malen chinesischer Schriftzeichen

Terrakotta Armee
Tai Chi im Park von Xian
Kalligraphie


In Xi'an haben wir die Zeit, uns selbständig etwas umzuschauen und durch die Straßen zu schlendern. Auch hier erwartet uns ein Highlight: die Terrakotta-Armee. Sie wurde für einen Kaiser gebaut, der Angst vor seinen Feinden selbst nach seinem Tode hatte und deshalb eine Armee bauen lies, die um sein Grab herum aufgestellt wurde, um ihn nach seinem Tode zu beschützen. Die Terrakotta- Krieger haben alle den gleichen Körper, aber jeder hat ein einzigartiges Gesicht, so dass sich jeder Krieger vom anderen unterscheidet. Ursprünglich waren diese Krieger bunt angemalt, aber das Sonnenlicht hat die Farben schnell verblassen lassen, so dass sie jetzt alle grau sind.

Am nächsten Morgen machen wir einen Spaziergang durch einen Park vor den Stadtmauern. In diesem Park machen die älteren Chinesen Frühsport, tanzen oder musizieren. Wir sehen Chinesen, die ihre Tai Chi Übungen machen, und auch Gero zeigt uns eine Form, die wir versuchen nachzumachen. Andere gehen joggen, machen Klimmzüge, dehnen sich oder spielen Badminton. Wir sehen auch einen Mann, der mit Wasser chinesische Schriftzeichen auf den Boden malt. Die Kunst des Malens chinesischer Schriftzeichen wird Kalligraphie genannt.

Am Nachmittag streifen wir noch etwas durch die Straßen, besuchen das muslimische Viertel und besichtigen die Große Moschee, um dann am Abend wieder in einen Nachtzug einzusteigen, der uns in das Grasland bringt.

Grasland


Mönche tibetisches Hotel Gebetsmühlen Mönch ruft zum Gebet

Mönche
tibetisches Hotel
Gebetsmühlen
Mönch ruft zum Gebet


Unsere erste Station im Grasland ist Xiahe, das auf 2900 m liegt. Hier müssen wir zum ersten Mal ruhend im Bett liegen, um unsere Körper an die Höhe zu gewöhnen. Ab hier müssen wir auch fleißig 3 Liter am Tag trinken.

In Xiahe steht das größte buddhistische Kloster außerhalb Tibets. Der Abt dieses Klosters steht in der Hierarchie nach dem Dalai Lama und dem Panchen Lama an 3. Stelle. Zur Zeit lebt er aber im indischen Exil, so wie auch der Dalai Lama. Es ist das erste buddhistische Kloster, das wir während dieser Reise besuchen, und es ist beeindruckend zu erleben, wie die Mönche betend an uns vorbeiziehen.

Um jedes Kloster gibt es einen Pilgerweg, auf dem die Gläubigen ihre Kotaus (Niederwerfungen) machen oder die Gebetsmühlen drehen. Die Kotaus drücken die Hingabe und Demut der Pilger aus. In jeder Gebetsmühle befinden sich Gebete, die durch die Drehung in die Welt geschickt werden. Tibeter sind sehr gläubige Menschen, so dass wir während unserer Reise sehr viele Tibeter sehen, die ihre Kotaus machen oder Gebetsmühlen drehend um die Klöster pilgern. Dabei sehen sie sehr glücklich und zufrieden aus.

Yakherde Mönche stellen ein Mandala her fertiges Mandala

Yakherde
Mönche stellen ein Mandala her
fertiges Mandala


Die nächste Station ist Langmusi. Auf dem Weg dorthin sehen wir herrlich weites Land mit vielen darauf weidenden Yakherden, die frei herumlaufen. Sie sind nicht – wie das bei uns der Fall ist – in Gatter eingeschlossen. Sie können frei durch das Land streifen und werden abends von ihren Schäfern, den Nomaden, zusammengetrieben. Nachdem die chinesische Regierung bereits die maximale Herdengröße pro Familie festgelegt hat, wollen sie jetzt auch Weidegründe für die Herden festlegen. Das bedeutet, dass es in Zukunft doch Zäune und Gehege geben wird, in denen sich die Yak- und Schafsherden aufhalten müssen. Umherziehende Nomaden kann man schlechter kontrollieren als stationäre Menschen ...

Nomade singt uns ein Ständchen

ein Nomade singt uns ein Ständchen
(Filmdatei ist 8 MB groß!)
Auch in Langmusi besuchen wir ein Kloster. Hier haben wir das Glück auf Mönche zu treffen, die gerade dabei sind, ein Mandala aus Sand herzustellen. Wir bekommen auch ein bereits fertiggestelltes Mandala zu sehen, das sogar dreidimensional ist und wunderschöne kräftige Farben hat. Nach dem Klosterbesuch unternehmen wir noch einen Spaziergang in die Berge. Hier treffen wir auf Nomaden, die uns auf einen Yakbuttertee (das ist schwarzer Tee mit Yakbutter und Salz) einladen. Als wir noch ein Stück weitergehen, singt uns einer der Nomaden sogar ein Ständchen.

Am nächsten Tag fahren wir nach Thangkor, um bei einer Nomadenfamilie den Nachmittag und die Nacht zu verbringen. Wir sehen, wie einfach die Nomaden leben. Das Sommerquartier besteht aus einem Haus mit 2 Räumen. Der eine Raum dient als Küche, Wohn- und Esszimmer und der andere als Lagerraum. In ersterem stehen ein paar Küchenschränke, ein Tisch und ein Ofen, der sowohl als Heizung als auch zum Kochen dient. Dieser Raum erinnert mich an die Küche meiner Oma. Auch sie hat noch einen solchen Ofen in der Küche stehen. Allerdings verwendet sie Holz zum Feuer machen. In Tibet gibt es nicht so viel Holz, weshalb man getrockneten Yakdung verwendet. Eine Dusche haben die Nomaden nicht, und die Toilette befindet sich hinter dem Haus: es sind in die Erde gegrabene Löcher.

Zu dieser Nomadenfamilie hat uns ein tibetischer Musiklehrer begleitet, der uns am Abend einige tibetische Lieder vorsingt und sich dabei mit einem Instrument begleitet, das wie eine kleine Gitarre aussieht. Wir erfahren, dass er in Tibet mit seiner Musik ziemlich bekannt ist und schon eine CD aufgenommen hat.

Für die Nacht werden für jeden von uns eine Matte auf dem Boden ausgerollt und Bettdecken verteilt. Dazu verteilen wir uns auf die 2 Räume und trotzdem wird es gemütlich eng.

Am nächsten Morgen können wir zusehen, wie die Yaks wieder auf die Weide getrieben werden und machen uns dann auf den Weg nach Chengdu.

Chengdu


Gebirgsbach Pandas rote Pandas

Gebirgsbach
Pandas
rote Pandas


Chengdu liegt etwa auf 500 m, so dass wir von etwa 3000 m wieder absteigen auf eine für uns gewohnte Höhe. Mit abnehmender Höhe wird es aber auch wieder wärmer und die Luftfeuchtigkeit steigt an. Nachdem wir also in den letzten Tag häufig gefroren haben, fangen wir jetzt wieder an zu schwitzen.

In Chengdu verbringen wir nur einen Nachmittag und eine Nacht, denn am nächsten Morgen geht unser Flugzeug nach Lhasa. Den Nachmittag aber nutzen wir, um uns die Pandas in der Tierzuchtstation anzuschauen. Wir kommen zur Fütterungszeit und haben viel Freude dabei, die Pandas beim Essen zu beobachten. Die Pandas sind vom Aussterben bedroht, weil sie niedrige Temperaturen bevorzugen, aber nur Bambus essen. Durch die Menschen haben sie somit kaum noch Lebensräume, in denen sie in der freien Natur überleben können. In dieser Pandazuchtstation sollen die Pandas lernen, außer Bambus auch Obst und sogar Kleintiere wie z.B. Mäuse als Nahrung zu akzeptieren, denn dann wären ihre Überlebenschancen in der Natur besser.

Autonome Region Tibet

Lhasa


in Lhasa Jokhang betende Tibeter Potala Palast

in Lhasa
Jokhang
betende Tibeter
Potala Palast


In Lhasa angekommen, müssen wir uns wieder für 2 Stunden ins Bett legen, um uns erneut an die Höhe von 3600 m zu gewöhnen. Wir werden 5 Tage in Lhasa verbringen, zum einen weil es in Lhasa so viel zu sehen gibt und zum anderen, um unseren Körpern die Zeit zu geben, sich an die dünne Luft zu gewöhnen. Als erstes bekommen wir eine Unterrichtsstunde in tibetischer Sprache. Diese Kenntnisse können wir bei einem anschließenden Besuch auf dem Markt gleich anwenden. Außerdem dürfen wir an Kochunterricht teilnehmen, in dem wir lernen, wie man Momos herstellt (ein Nationalgericht Tibets, das an unsere Maultaschen erinnert). In einer weiteren Unterrichtsstunde werden wir in die Prinzipien der tibetischen Medizin eingeführt. Wie man sieht, sehen wir uns in Tibet nicht nur Sehenswürdigkeiten an, sondern versuchen uns der tibetischen Kultur auch über den Alltag zu nähern.

Der heiligste Tempel Tibets ist der Jokhang und steht in Lhasa. An unserem zweiten Tag in dieser Stadt, schauen auch wir ihn uns an, sowohl von innen als auch von außen. Wie um jedes Kloster gibt es auch um dieses einen Pilgerweg drumherum, den wir mehrfach im Uhrzeigersinn abschreiten. Im Inneren des Tempels sehen wir auch viele ältere Pilger, die beten und dabei ihre Gebetsmühlen drehen. Diese Pilger sind einen langen Weg gekommen, um hier beten zu können. Sie sehen dabei sehr glücklich aus und laden uns ein, sich zu ihnen zu setzen.

Am dritten Tag besichtigen wir den Potala Palast, das Zuhause des Dalai Lama. Zum Potala geht es zwar nur 100 Stufen hoch, aber in der dünnen Luft von 3600 m ist der Aufstieg mindestens so anstrengend wie das Erklimmen der 1000 Stufen zur Großen Mauer. Der Potala Palast ist sehr beeindruckend. Er hat 999 Zimmer und war früher sowohl Kloster als auch Regierungssitz als auch das private Zuhause des Dalai Lama.

Um Lhasa herum befinden sich nicht weit entfernt 4 wichtige Klöster. Eines davon, Sera, besuchen wir am 4. Tag, um dem Debattierunterricht der Mönche beizuwohnen. Das Debattieren ist für die Mönche sehr wichtig. Hier wiederholen sie, was sie vormittags im Unterricht aus den Schriften gelernt haben. Dabei steht ein Mönch vor zwei bis fünf sitzenden Mönchen und stellt eine Frage an einen vor ihm sitzenden Mönch. Beim Stellen der Frage klatscht er in die Hand und zeigt auf den Mönch, der die Frage beantworten soll. Der Gefragte darf nicht lange überlegen, sondern muss die Antwort sofort parat haben.

Außerdem besuchen wir am selben Tag eine Blindenschule. Diese Schule wurde von einer Deutschen gegründet, die selbst blind ist. Sie studierte in Deutschland Tibetologie und musste sich während des Studiums eine Blindenschrift für das Tibetische ausdenken, weil es das noch nicht gab. Nach Abschluss des Studiums reiste sie nach Tibet, um sich die Situation der Blinden in Tibet anzuschauen und stellte dabei fest, dass blinde Kinder von ihren Eltern im Haus versteckt wurden und keine Zukunft haben. Dabei gibt es sehr viele blinde Menschen in Tibet, was am Schnee und der hohen UV-Strahlung liegt, der die Menschen häufig ohne Schutz ausgeliefert sind, weil ihnen das Geld für eine Sonnenbrille fehlt. Auch ist die mangelnde Hygiene Schuld an der hohen Zahl von Blinden in Tibet. Sabriye setzt sich also zum Ziel, den blinden Kindern zu helfen und gründet eine Schule. In dieser Schule lernen die Kinder sowohl lesen als auch schreiben, mit einem Computer umzugehen und rechnen. Sie lernen Hygiene, mit einem Blindenstock umzugehen und Selbstvertrauen. In den späteren Klassen lernen sie aber vor allem, einen Beruf zu erlernen, mit dem sie sich selbst versorgen können. Z.B. lernen sie, andere zu massieren. Wir sind alle sehr beeindruckt von der Schule, den Kindern, denen wir dort begegnen und unserer Führerin, die uns durch die Schule führt. Letztere ist nämlich auch blind. Allerdings bewegt sie sich so sicher, dass wir das nur schwer glauben können. (Hier ein Link auf die Organisation, die Sabriye gegründet hat: www.braillewithoutborders.org)

Am 5. Tag in Lhasa besuchen wir noch eines der Klöster, die sich um Lhasa befinden: Ganden. Es liegt auf einer Bergspitze und man hat einen tollen Ausblick von dort. Hier führt der Pilgerweg um das Kloster um die Bergspitze herum. Dieses Kloster wurde - wie so viele andere auch - von den Chinesen völlig zerstört. Inzwischen ist es aber wieder aufgebaut worden.

Mount Everest Base Camp


Samye Kloster Wasserholen am Brunnen Landschaft um Samye Tibeterin

Samye Kloster
Wasserholen am Brunnen
Landschaft um Samye
Tibeterin


Von Lhasa aus fahren wir mit Jeeps weiter, weil die Straßen nicht mehr immer geteert sind. Zwischendurch haben wir das Gefühl bei der Rallye Dakar zu sein, weil die Straßen eher an Wüstenpisten erinnern als an eine Straße, wie wir sie kennen. Da die Jeeps vor uns eine große Staubwolke aufwirbeln, habe ich bei unserer Ankunft im Hotel – trotz geschlossener Fenster – eine Staubschicht auf meiner Sonnenbrille (und zwischen den Zähnen knirscht es). Auch die Haare fühlen sich strohig an und die Vorfreude auf eine Dusche steigt. Überhaupt können wir uns an den einfachsten Dingen erfreuen, wie z.B. einem Sitzklo und einer Dusche – vielleicht sogar mit warmem Wasser! Und wenn dann noch der Magen in Ordnung ist, die Nase nicht läuft und auch die Höhenkrankheit keine höllischen Kopfschmerzen verursacht, ist die Welt in Ordnung, und wir sind glücklich. Was macht es da schon aus, dass wir seit Tagen immer dieselben Gerichte essen: Momos, Chaomei, Pommes oder egg fried rice.

Ab Lhasa sehen wir wieder atemberaubend schöne Landschaft, strahlend blauen Himmel und Wolken, die zum Greifen nahe sind. Die Landschaft ist sehr karg: außer Sand und Steinen gibt es nicht viel. Trotzdem spüren wir eine ganz besondere Kraft, die gerade aus dieser Kargheit und Einfachheit entspringt. Keine Bäume oder Büsche lenken das Auge ab. Vor uns sehen wir nur die unterschiedlichsten Brauntöne, Berge, Licht und Schatten. Und wenn wir an bewirtschafteten Feldern vorbeikommen, fragen wir uns, wie um Himmels Willen hier Kartoffeln oder Gerste wachsen können. Schaut man sich die Felder nämlich mal genauer an, erkennt man, dass sie mehr aus Steinen als aus Erde bestehen. Würde man die Steine ablesen, würde vom eigentlichen Feld nicht mehr viel übrig bleiben. Und wo kommt die Erde eigentlich her? Übrigens arbeiten die tibetischen Bauern noch mit Ochsen bzw. Yaks auf den Feldern. Traktoren oder Mähdrescher sehen wir hier nicht. Und da hier noch alles 'mit der Hand' gemacht wird, sind die Felder auch dementsprechend kleiner als bei uns.

Unser erstes Ziel nach Lhasa ist das Samye Kloster. Es ist das Kloster, das als erstes buddhistisches Kloster in Tibet gegründet wurde. Hier übernachten wir auch im Kloster. Die Zimmer sind sehr einfach: es gibt 4 Betten, eine Waschschüssel und einen Wasserkessel, den wir im Hof am Brunnen auffüllen können. Die 'Toiletten' sind am Ende des Gangs. Duschen gibt es nicht, aber wer will, kann sich seine Haare am Brunnen waschen. Viel gibt es hier auch nicht zu tun oder zu sehen: wir besichtigen das Kloster und klettern anschließend auf einen benachbarten Hügel, um die angrenzende Landschaft und das Kloster von oben zu bestaunen.

Stupa des Gyantse Klosters Mönche Yamdro Tso See

Stupa des Gyantse Klosters
Mönche
Yamdro Tso See


Am nächsten Tag geht es weiter nach Gyantse. Auch hier gibt es natürlich ein Kloster, sowie eine Stupa, mit 9 Ebenen der Existenz. Außerdem gibt es auf einem Hügel ein Fort, in dem früher die Stadtverwaltung ihren Sitz hatte, bis die Engländer es einnahmen, um einen Handelsposten zu eröffnen. Diesen Hügel erklimmen wir, um das Fort, das inzwischen als Museum gestaltet ist, zu besichtigen. Als kleine Erinnerung sei erwähnt, dass wir uns auf etwa 4000 m Höhe befinden und jeder Hügel und jedes Stockwerk uns körperlich sehr anstrengt.

Von Gyantse fahren wir nach Shigatse, wo der Panchen Lama traditionell seinen Sitz hat. Der Panchen Lama kommt in der Hierarchie direkt nach dem Dalai Lama, der das Staatsoberhaupt von Tibet ist. Der aktuelle Panchen Lama ist der elfte Panchen Lama und im Augenblick spurlos verschwunden. Niemand weiß, ob er noch lebt. Nachdem der Dalai Lama ihn als Reinkarnation des zehnten Panchen Lamas identifizierte und offiziell als Panchen Lama anerkannte, entführten ihn die Chinesen sofort und setzten einen anderen Jungen an seiner Stelle ein. Diesen Jungen wählten die Chinesen per Los und entführten auch ihn nach Peking, wo sie ihn der chinesischen Erziehung unterziehen. Auf diese Weise versuchen die Chinesen Einfluss auf das tibetische Volk auszuüben. Allerdings erkennen viele Tibeter diesen neuen elften Panchen Lama nicht als echte Reinkarnation an, so dass es den Chinesen bisher nicht gelang, ihn in sein Amt einzusetzen.

Sakya

Sakya 


Auf unserem Weg zum Mount Everest Base Camp machen wir als nächstes Halt in Sakya. In dieser Kleinstadt sind wir den Menschen ganz nah. An unserem Ankunftstag ist es Sonntag und das scheint in Tibet Waschtag zu sein. Wir sehen nämlich viele Frauen und Kinder, die im Fluss stehen, um Wäsche zu waschen und diese am befestigten Flussufer zu trocknen. Es wird übrigens nicht nur die Wäsche gewaschen, auch Kinder baden und waschen sich im Fluss. Sonntags ist wohl auch Kinotag, denn wir sehen viele Kinder, die sich in Türeingängen und an Fenster drängen. Als wir nachsehen, was es denn in diesem Haus so interessantes gibt, sehen wir, dass in dem Haus ein Fernseher steht, der einen Film zeigt und der ganze Raum mit Kindern gefüllt ist. Außer diesem Heimkino gibt es für die Kinder keine Möglichkeit, Filme zu sehen. Dasselbe gilt auch für Erwachsene und am Abend werden Erwachsenenfilme gezeigt.

Auf unserem Weg zu einem Nonnenkloster, das wir uns gerne anschauen wollen, möchte unsere Reiseführerin gerne kurz bei einem Tibeter vorbeischauen, den sie auf ihrer letzten Reise getroffen hatte. Sie möchte ihm gerne ihre Wanderschuhe schenken, denn sie passen ihm perfekt, und er kann sich keine guten Schuhe kaufen. Aus Freude und Dankbarkeit lädt er uns zu sich ins Haus ein und bewirtet uns mit allem, was er zur Verfügung hat: getrockneter Käse, selbst gebrautes Gerstenbier (Chang), Buttertee. Als er uns aber auch Eier und Kartoffeln mitgeben will, lehnen wir dankend ab, denn was können wir damit im Hotel anfangen? Es freut uns diesen alten Tibeter so glücklich zu sehen und zum Abschied machen wir noch Gruppenfotos, für die sich das Ehepaar ihre besten Kleider anlegt.

beschenktes Ehepaar Landschaft auf dem Weg zum Mount Everest Kinder an Gebetsmühle Everest Base Camp

beschenktes Ehepaar
Landschaft auf dem Weg zum Mount Everest
Kinder an Gebetsmühlen
Everest Base Camp


Da es in Sakya viele Billardtische gibt, die auf dem Gehweg stehen, beschließen wir, eine Runde Billard zu spielen. Das finden die Einheimischen so interessant, dass sich um unser Tisch herum bald eine Menschenmenge ansammelt. Und da die tibetische Bevölkerung viele Mönche hat, stehen auch sie bald dabei. Das wiederum finden wir seltsam, da Mönche und Billard für uns einen Widerspruch darstellen, was es aber auch faszinierend macht. Und als dann auch noch ein scheinbar herrenloser Esel immer wieder vorbeiläuft, wundert uns gar nichts mehr, und wir spielen trotz Dunkelheit noch eine zweite Runde.

Nach Sakya nähern wir uns dem Höhepunkt der Reise – dem Mount Everest Base Camp. Das Camp selbst ist gar nicht so eindrucksvoll. Aber der Ort und die Tatsache, dass man den höchsten Berg der Welt vor sich hat, ist beeindruckend. Auch die Anstrengung, die man auf sich genommen hat, um bis hierher zu kommen, ist im Gedächtnis und macht das Mount Everest Base Camp zu etwas Besonderem. Es liegt auf 5200 m Höhe und ist der höchste Punkt unserer Reise. Wieder plagt die Höhenkrankheit einige unserer Gruppenmitglieder und auch die Kälte macht manchem zu schaffen. Die dünne Luft und der 'Spaziergang' von unserer Unterkunft zum Camp (8 km) und zurück führen dazu, dass wir völlig erschöpft sind. Aber wir haben riesiges Glück, dass keine Wolke den Blick auf den Mount Everest einschränkt, weshalb sich all die Anstrengung absolut lohnt.

Gegenüber unsere Unterkunft gibt es ebenfalls ein Kloster, in dem sowohl Mönche als auch Nonnen leben. Hier haben wir zum ersten Mal die Möglichkeit, eine Zeremonie live mitzuerleben. Ich werde sogar eingeladen, neben einer Nonne Platz zu nehmen.

Nepal


in Nepal Gras tragende Frauen hinduistische Gottheit Körbe tragende Frauen Reisfeld

in Nepal
hinduistische Gottheit
Reisfeld


Nach der 'Mount Everest Besteigung' ruhen wir uns etwas im High View Resort von den Anstrengungen aus. Es liegt auf 2700 m Höhe und alle Beschwerden bzgl. der Höhenkrankheit sind wie weggeblasen. Wir lassen es uns gut gehen, ruhen uns viel aus, lachen viel gemeinsam und freuen uns einfach, dass auf der Reise alles so gut ging, denn leider neigt sich unser gemeinsamer Tripp dem Ende zu.

In Nepal hat sich das Klima, die Kultur und die Landschaft im Vergleich zu Tibet erheblich verändert. Es ist sehr warm und schwül. Im Gegensatz zu der Kälte, an die wir uns inzwischen gewöhnt haben, sind wir jetzt am Schwitzen und versuchen, uns so wenig als möglich zu bewegen. Nepal hat sehr fruchtbaren Boden und überall sprießen Blumen, Bäume, Büsche und Sträucher. Es wird Mais, Getreide und Reis angebaut. Alles ist grün und im Überfluss vorhanden. Welcher Kontrast zu Tibet! Die nepalesische Kultur erinnert uns stark an Indien. Die Frauen tragen Saris, und es gibt viele Hinduisten und damit hinduistische Tempel und Gottheiten.

Am Tag nach unserer Ankunft machen wir einen Spaziergang über die Reisfelder und Dörfer, um schließlich mit dem Bus wieder zu unserem Hotel zurückzufahren. Wir können die Bauern auf den Reisfeldern beobachten, die fruchtbare Landschaft bewundern und haben endlich Gelegenheit, unsere Radiergummis an Kinder auf der Straße zu verteilen und andere Schulmaterialien, die wir unterwegs besorgt haben, bei einer Schule abzugeben.

Nach dem High View Resort geht es zu unserer letzten Station unserer Reise: nach Kathmandu. Hier kaufen wir die letzten Mitbringsel, besuchen noch mal eine große Stupa, um die gläubige Buddhisten pilgern und beenden unsere Reise mit einem letzten gemeinsamen Abschiedsessen. Somit geht eine wirklich tolle Reise zu Ende, bei der wir unglaubliches Glück hatten, weil das Wetter ganz toll mitspielte, weil wir uns als Gruppe einfach super zusammengefunden haben (obwohl wir uns anfangs ja überhaupt nicht kannten), weil wir tolle Begegnungen mit Chinesen, Tibetern und Nepalesen hatten und nicht zuletzt, weil uns allen gesundheitlich nichts Ernstes zugestoßen ist. Durch die profunden Tibet- und Buddhismuskenntnisse unserer Reiseführerin haben wir auch wirklich sehr viel gelernt. Ich habe auch den Eindruck, dass jeder von uns etwas Wichtiges von den Tibetern gelernt hat: Mitgefühl für alle unsere Mitmenschen und Lebewesen.


von Claudia Dörr und Gero Volke

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