5. Arbeit

Arbeit ist unvermeidlich. Arbeit bringt Erfahrung. Arbeit macht es uns möglich, in der Gegenwart zu leben. Arbeit richtet Denken, Sinne und Körper aus. Arbeit führt uns zur 'reinen Erfahrung', zur Existenz. Arbeit verschließt die Tür vor Unausgeglichenheiten. Arbeit hält den Körper aktiv.

Arbeit ist die Kraft, die die Körpermaterie unmittelbar vom Denken aus bewegt. Materie ist Trägheit und kann durch Kraft, das heißt durch Arbeit, bewegt werden. Die Kraft der Arbeit hält den Menschen von Trägheit oder Faulheit fern. Ein träger Mensch vermeidet Arbeit und wird dadurch noch träger. Es ist besser, durch Arbeit dynamisch zu sein, als sich träge hinzusetzen. Trägheit ist die Stärke der Materie. Wir Menschen neigen dazu, durch Trägheit immer schwerer zu werden. Mit der Zeit erliegt das Denken eines trägen Menschen der Depression. Das bedeutet, dass die Trägheit auch das Denkvermögen im Griff hat. Danach entwickelt man eine seltsame Logik der Gleichgültigkeit gegenüber den allgemeinen Lebensverhältnissen. Man fragt: "Warum soll ich früh aufstehen? Warum soll ich duschen? Warum soll ich nicht immer dann essen, wenn ich Lust dazu habe? Warum soll ich arbeiten? Leute, die arbeiten, sind verrückt. Die Armen! Sie ruhen sich nicht aus wie ich."

Ein träger Mensch ist von solcher Logik überwältigt und zieht sich von der normalen und natürlichen Lebensaktivität zurück. Er endet in einem Zustand, in dem er seine Willenskraft zerbricht. So geht es einem Menschen, der nicht weiß, wie er arbeiten soll.

Es gibt noch eine andere Art, eine andere Kategorie von Menschen: die Arbeitssüchtigen. Sie arbeiten zuviel. Ihre Kraft überwältigt die Körpermaterie. Auch bei ihnen gibt es keine Ausgeglichenheit zwischen Kraft und Materie. Solche Menschen übernehmen mehr Arbeit als nötig und machen sich im Leben anderer zu schaffen. Sie schüchtern andere ein, kümmern sich um die Angelegenheiten anderer und möchten auch für die anderen Entscheidungen treffen. In ihnen herrscht das Verlangen, Anweisungen zu geben, zu kontrollieren, zu besitzen, und so werden sie machtbesessen. Auch sie wissen nicht, wie man arbeitet.

Somit neigt eine Gruppe dazu, zuwenig zu arbeiten und die andere neigt dazu, zuviel zu arbeiten. Die einen zeigen zuwenig Aktivität, die anderen sind überaktiv. Die einen erledigen nicht einmal das Minimum von dem, was notwendig ist, während die anderen mehr tun als nötig. Die einen haben zuwenig Spannung in sich, die anderen zuviel.



Der Mittelweg zwischen beiden enthält den Schlüssel zur Arbeit, die Leichtigkeit, Erfahrung und Erfüllung im Leben vermittelt. Es ist der goldene Mittelweg. Er bringt die Geschicklichkeit im Handeln hervor, so dass es weder ein Zuviel noch ein Zuwenig gibt, sondern man tut soviel, wie notwendig ist. Dabei ist man gleich weit entfernt von Trägheit und Dynamik. Man befindet sich daher im Gleichgewicht. Solche Menschen sind bei ihrer Arbeit ausgeglichen.

Wenn wir ausgeglichen sind, wird Arbeit zur Erfahrung. Sobald wir überaktiv sind, ist die Arbeit mit Anspannung verbunden, und Arbeit ist etwas ganz Schreckliches, wenn wir zuwenig aktiv sind. Sind wir einmal bei der Arbeit aus dem Gleichgewicht geraten, dann vermittelt sie nicht mehr die richtige Erfahrung und ist keine Quelle der Freude. Außerdem nährt sie das Denkvermögen nicht länger.

Wir wollen jetzt noch mehr über die drei Unterschiedlichkeiten der Arbeit in Bezug auf die drei Qualitäten lernen.
  • Trägheit bzw. zuwenig Aktivität:
    Sie erzeugt Schlaf, Faulheit, Vergesslichkeit, Fehler, Gedächtnisschwund. Der Mensch verliert seine Strahlkraft und Handlungsbereitschaft. Auch wenn er etwas tut, macht er es falsch. Instinktiv versteht er Personen, Orte und Situationen falsch. Ein träger Mensch kann so tief in den Sinnengenuss hinabtauchen, dass er schwachsinnig wird.
  • Aktivität bzw. Überaktivität:
    Verlangen nach Dingen ist ein vorherrschender Charakterzug. Begehren, Aggressivität, widerrechtliches Aneignen von Dingen, dominierendes Verhalten, Sehnsucht nach Macht und besitzergreifende Haltung sind weitere Charakterzüge eines überaktiven Menschen.
    Alle seine Handlungen werden von dem Wunsch nach Ergebnissen beherrscht. Er neigt dazu, zuviel zu arbeiten und gierig zu werden. Aus allem möchte er mehr machen und nicht irgendwo aufhören. Er ist ruhelos und kann nicht schlafen.
    Ein überaktiver Mensch überreizt seine Gefühle und leidet unter Vorlieben und Abneigungen.
  • Gleichgewicht:
    Trägheit und Aktivität sind zwei Pole, und das Gleichgewicht ist der Äquator zwischen ihnen. Reinheit ist das Kennzeichen der Ausgeglichenheit. Sie verleiht Strahlkraft und Transparenz. Ausgeglichenheit bei der Arbeit schenkt Zufriedenheit und Wissen. Wenn Gleichgewicht vorherrscht, sind alle Sinne in angenehmer Verfassung, und die Dinge werden mit Leichtigkeit gelernt und verstanden. Der Mensch fühlt sich ganz allgemein in seinem Denken, im Körper und in den Sinnen wohl.

Der Schlüssel zur Arbeit

Gleichgewicht erreichen wir, wenn das, was wir tun, von gutem Willen erfüllt ist. Werden Liebe und Fürsorge für andere in die Tat umgesetzt, dann wird dies als Aktivität des guten Willens bezeichnet. Führe alles, was du tust, mit Liebe aus. Das schenkt dir Zufriedenheit, und es macht jene glücklich, für die du etwas tust. So wird Arbeit zur Freude. Dies ist der Schlüssel zur Arbeit.

Arbeit kann in zwei Richtungen erfolgen. Wir können etwas für uns und etwas für andere tun. Sobald wir etwas mit Liebe tun, folgen wir der zweiten Richtung. Sieh, wie eine Henne ihre Küken füttert oder wie eine Mutter ihrem Kind zu essen gibt. Beides ist eine Tätigkeit aus Liebe, die uns zuerst an andere statt an uns selbst denken lässt. Eine Mutter vergisst ihr eigenes Wohlbefinden, wenn sie sich um ihr krankes Kind kümmert. Sie wird nicht müde, sich um ihr Kind zu sorgen. Dabei hat sie noch nicht einmal das Gefühl, dass sie ein Opfer bringt. Also schließt eine liebevolle Handlung ganz natürlich und automatisch Dienst und Opfer ein, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Es ist eine natürlich fließende Handlung.

Wenn wir einen Menschen lieben, dann tun wir vieles für ihn, und das macht uns Freude. Warum übertragen wir diese Vorstellung nicht auf alles, was wir tun? Dann erreichen wir Ausgeglichenheit, wir leben in der Liebe, wir verbreiten Liebe, und wir haben den wahren Schlüssel zur Arbeit gefunden.

Auswahl der Arbeit

Wir müssen die Arbeit unserer Qualität, das heißt unserer Natur entsprechend auswählen. Dann bleibt das Arbeiten natürlich. Wenn wir genau hinschauen, sehen wir, dass jeder Mensch bestimmte Charaktereigenschaften hat, die andere nicht haben. Beispielsweise hat einer vielleicht pädagogische Qualitäten, ein anderer kann gut verwalten, wieder ein anderer fühlt sich Menschen und Dingen zugetan und noch ein anderer fühlt sich vielleicht zu Kunst, Musik, Malerei hingezogen usw. Es gibt auch Menschen mit analytischen Fähigkeiten, während andere eine Begabung für die Synthese haben. Einige sind in ihrem Denken konkret, und andere sind systematisch. Wir müssen erkennen, welche Arbeit zu unserer Natur passt und entsprechende Fähigkeiten entwickeln. Heutzutage sind viele Menschen mit Arbeiten beschäftigt, die nicht zu ihrer Natur passen. Daher leben sie im Konflikt. Wir geraten in Konflikt, wenn wir eine Arbeit tun, die nicht zu unserer Natur passt.

Für die Auswahl der Arbeit gilt ein goldenes Prinzip: Wähle eine Arbeit, die zu dir passt, und stelle diese Arbeit in den Dienst der gesellschaftlichen Bedürfnisse. Während wir eine Arbeit aussuchen, sollten wir also die Bedürfnisse der Gesellschaft mitbedenken. Wir können uns nicht für eine Arbeit entscheiden, die von der Gesellschaft nicht wirklich gebraucht wird. Bei der Auswahl der Arbeit sollten wir bedenken, was die Gesellschaft braucht. Dann ernährt uns die Arbeit nicht nur, sie schenkt uns auch Harmonie. Dies ist ein glücklicher Höhepunkt der Arbeit. Sie ernährt uns, und sie erhält uns in Harmonie.

Wenn wir uns eine Arbeit aussuchen, ohne darauf zu achten, ob die Gesellschaft sie benötigt, dann bleibt unsere Arbeit unbeachtet, und unser Lebensunterhalt könnte für uns zu einem Problem werden.

Wählen wir eine Arbeit aus, die zwar von der Gesellschaft gebraucht wird, aber nicht zu unserer Natur passt, dann leisten wir vielleicht einen Beitrag für die Gesellschaft, aber wir selbst geraten in Konflikt. Somit spielen beide Faktoren zusammen, damit Harmonie entstehen kann.

Falls wir keine Arbeit bekommen, die wir mögen, bleibt uns nur die Alternative, jene Arbeit zu mögen, die wir bekommen haben. Das setzt voraus, dass wir uns damit abfinden und eine losgelöste Haltung bewahren. Auch auf diese Weise können wir durch unsere Arbeit Harmonie erreichen, doch das erfordert ungeheure Selbstüberwindung.

In jedem Fall bleiben drei Faktoren, durch die wir Arbeit in ihrer eigentlichen Bedeutung leisten:
  • Arbeit für die Gesellschaft,
  • Arbeit in Übereinstimmung mit unserer eigenen Natur und
  • Arbeit mit Liebe, das ist Arbeit in Ausgeglichenheit.
Mögen wir diese drei Grundgedanken im Denken behalten.

Ergebnisorientiertes Arbeiten

Heutzutage werden wir dahin gedrängt, für Ergebnisse zu arbeiten. Es ist jedoch wichtiger zu arbeiten als für Ergebnisse zu arbeiten. Wenn wir gut arbeiten und den drei Grundgedanken entsprechen, die im vorhergehenden Abschnitt genannt wurden, macht uns die Arbeit Freude. Dann arbeiten wir gut und erhalten automatisch gute Ergebnisse. Doch wenn sich unsere Gedanken mit Ergebnissen beschäftigen, sind wir angespannt. Wir können nicht optimal arbeiten, und das wirkt sich auf die Ergebnisse aus.

Wenn wir spielen, dann freuen wir uns einfach am Spiel. Aber wenn wir spielen, um zu gewinnen, stehen wir unter Anspannung. Deshalb können wir nicht so gut spielen wie sonst. Geht es um eine Meisterschaft, bei der ein hohes Preisgeld ausgesetzt ist, dann sind wir bis in die Haarspitzen angespannt. Das kann nicht mehr als Spiel bezeichnet werden. Es ist etwas anderes. Wir sind damit in eine Situation geraten, in der wir sogar das Spiel zu einer Quelle der Anspannung herabwürdigen, während die Menschen in früheren Zeiten sogar die Arbeit oder das Leben als Spiel handhabten.

Wenn ein Kind ein Geschichtenbuch liest, erinnert es sich an jede Einzelheit. Handelt es sich jedoch um ein Schulbuch, kann es sich nicht mehr so gut erinnern. Warum? Weil es fortwährend dazu angetrieben wird, sich zu erinnern, den Inhalt wiederzugeben und möglichst gute Noten dafür zu bekommen. Während das Kind lernt, denkt es mehr an seine Noten und daran, wie wichtig es ist, das Gelesene zu behalten. Im subtilen Vorgang des Verstehens entsteht daraus ein Hindernis. Lernen wegen der Noten führt dazu, dass das Verstehen nebensächlich wird und nachlässt. Jedes Lernen dient dem Verstehen. Heute geht es beim Lernen und Studieren darum, möglichst viele Punkte zu bekommen. Deshalb verstehen wir nichts und entwickeln auch nicht unser Denkvermögen.

Daraus ergibt sich, dass wir mit Liebe und Fürsorge für die Gesellschaft arbeiten sollten, aber auch in Übereinstimmung mit unserer Natur. Wir brauchen uns nicht um Ergebnisse zu kümmern. Ergebnisse kommen zu jenen, die den oben genannten drei Prinzipien folgen.

Mittel zum Zweck

Manche Leute behaupten, dass die Arbeitsmittel wichtiger sind als der Zweck. Andere sagen, dass der Zweck wichtiger ist als die Mittel. Aber die Natur lehrt uns, dass jede Arbeit ihre Methode und ihre zeitliche Dimension hat. Wenn wir uns an eine gegebene Methode halten und uns der Zeit anpassen, erhalten wir den richtigen Schlüssel zur Arbeit. Die Geschichte zeigt, dass jene Menschen am erfolgreichsten waren, die die Methoden und zeitlichen Dimensionen richtig verstanden. Annehmen und Anpassen sind die Schlüsselworte, um bei der Arbeit effektiv zu sein. Für Mittel und Zweck ist in solchen Situationen gesorgt.


aus K. Parvathi Kumar 'Mithila Grundlagen einer spirituellen Erziehung'

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