10. Stille, Klang und Sprache

Stille ist der Ursprung des Klangs. Der Klang kommt aus der Stille. Die Stille ist ewig und endet nie. Der Klang tritt periodisch auf und ist zeitlich begrenzt. Er kommt aus dem Äther hervor, einem Aspekt der Âkâsha. Klang ist das Charakteristikum der Âkâsha, und Âkâsha ist ein anderer Name für entstehende klangliche Mitteilungen, aus denen sich der Klang ergibt.

Der Klang, der durch die Âkâs?a erschaffen wurde, erweckt aus dem fünften Element, der Âkâs?a, die vier Elemente zum Leben. Die Schöpfung ist das Ergebnis des Klangphänomens. Wenn Klänge rhythmisch intoniert werden, erzeugen sie Energie, indem sie die bestehende Umgebung neu ordnen. Musik wird vom Menschen als freudebringende Tätigkeit erkannt. Sie ist nichts anderes als ein rhythmisches Arrangieren von Klängen. Ein Klang kann schöpferisch sein. Er kann aufbauen und zerstören. Die Atlantier wussten, wie sie Klänge benutzen mussten, um Felsbrocken oder sogar Berge zu versetzen. Der Klang, der aus dem Äther hervorkommt, verursacht im Licht Schwingungen und erschafft dadurch die Farben. Klang und Farbe erschaffen zusammen die Formen. Folglich ist der Klang verantwortlich für Farbe und Form. Aus diesem Grund hat er so große Bedeutung, und deshalb müssen wir richtig mit ihm umgehen.

Richtige Anwendung des Klangs erfordert klaren und zutreffenden Gebrauch der Sprache. Solange wir die Sprache weder gut verstehen noch angemessen mit ihr umgehen, fehlt uns das Bewusstsein für die Anwendung von Klängen. Die Sprache gehört zum Klang. Sie enthält Satzgruppen. Ein Satz besteht aus Wortgruppen. Ein Wort wird aus Buchstabengruppen gebildet. Buchstaben sind Klangsilben, und sie bestehen aus Konsonanten und Vokalen. Das Leben des Klangs sind die Vokale, und die Konsonanten sind die Träger lebendiger Klänge. Also sollten wir zuerst die Verbindung zwischen Sprache und Klang kennen lernen. Jedes Mal, wenn wir sprechen, benutzen wir viele Buchstaben, das heißt, viele Klänge. Müssen wir wirklich so viele Klänge gebrauchen? Sollten wir überhaupt sprechen, wenn es nicht notwendig ist? Wenn Klänge zu Samenklängen geformt werden und ihre Bedeutung richtig verstanden wird, haben sie große Kraft. Wenn wir sprechen, benutzen wir die Klänge achtlos. Wir kennen ihr Wertesystem nicht. Das ist genauso, als würde ein Urwaldmensch Geldscheine als Toilettenpapier benutzen. Für den, der Geldscheine kennt, sind sie Symbole für Geld und Macht. Aber die Nichtwissenden halten sie für irgendwelche Zettel. Dementsprechend ist der Unterschied zwischen einem Menschen, der Klang und Sprache kennt, und einem Nicht-Wissenden.

Durch die Sprache haben wir die Möglichkeit, unsere Ansichten und Gedanken auszudrücken. Die Sprache ist ein wertvolles Hilfsmittel, das nur den Menschen gegeben wurde. Deshalb sollten wir lernen, es richtig zu gebrauchen. Das schließt ein:
  • dass wir die richtigen, angemessenen, genauen, präzisen Worte benutzen, um uns auszudrücken. Dies gibt dem Gedanken, der formuliert werden soll, Klarheit. Viele Menschen können ihre Gedanken nicht präzise ausdrücken, weil sie nicht die richtigen Worte gebrauchen. Wenn sie die richtigen Worte wählen, hat ihre Sprache Mitteilungskraft.
  • dass wir uns daran gewöhnen, beim Sprechen präzise Wörter zu wählen. Diese Gewohnheit kommt zu jenen, die von der Sprache nicht unnötig, leichtsinnig oder gleichgültig Gebrauch machen.
    Deshalb ist es notwendig, dass wir ausschließlich dann sprechen, wenn es angebracht ist, und ansonsten schweigen. Wenn wir sprechen, nur um zu sprechen, werden wir zu ungenauem Sprechen verführt. Wir sehen, dass viele Menschen immerzu reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Im menschlichen Sprechen gibt es reichlich Spelzen und kaum Getreide. Die Weisen sprechen präzise, und sie sprechen nur, wenn es unbedingt erforderlich ist.
  • dass wir mit reinem Motiv sprechen. Unser Sprechen sollte keine unreinen Motive haben. Sie verursachen den gleichen Schaden wie Feuer. Die Sprache ist Feuer, und deshalb sollten wir das Feuer des Sprechens nicht wie ein Lauffeuer auflodern lassen. Oft benutzen Menschen eine Sprache, die andere verletzt, irreführt oder niederdrückt. Es gibt Leute, die durch ihr Sprechen eine gedrückte Stimmung verbreiten. Solches Sprechen entsteht aus unreinen Motiven. Wir sollten darauf achten, wie Heilige, Eingeweihte und gottesfürchtige Menschen sprechen. Wenn sie sprechen, ist ihre Absicht rein. Deshalb macht ihr Sprechen lebendig. Es baut auf und inspiriert. Die Worte von Râma, Krishna, Buddha und Christus haben die Menschheit inspiriert - ganz im Gegensatz zu dem, was viele andere geredet haben. Bei allem, was sie sprachen, wurden sie von der Liebe motiviert. Deshalb sind ihre Worte unsterblich und bleiben ewig erhalten. Wir sollten also lernen, das Motiv unseres Sprechens zu beobachten.
  • dass wir uns im Schweigen üben. Das Schweigen sollte an die Stelle des Sprechens treten. Wir Menschen sind so sehr mit dem Reden beschäftigt, dass unser Schweigen nur eine Pause ist - eine kleine Pause zwischen zwei Redeschwalls. Das gesunde Verhalten sieht jedoch so aus: Wir bleiben still und sprechen, wenn es nötig ist. Danach kehren wir so schnell wie möglich in die Stille zurück. Das Verlangen zu schweigen sollte an die Stelle des Verlangens zu sprechen treten. Normalerweise sollten wir still sein, und wenn wir sprechen, sollte dies einem bestimmten Zweck dienen. Durch Schweigen bewahren wir unsere Energie.
  • das Bewusstsein dafür, dass die Sprache die konstruktivste und gleichzeitig die zerstörerischste Kraft ist. Sie ist wie ein zweischneidiges Messer. Das am meisten gefürchtete menschliche Organ ist die Zunge, denn sie kann mit Nektar überschütten und Gift speien. Unsere Zunge darf nicht gespalten sein wie die Zunge einer Schlange. Wer seine Zunge unter Kontrolle hat, beherrscht die Welt.
  • dass wir sprechen, wenn es nötig ist, dass wir präzise sprechen und dabei ein reines Motiv bewahren. Außerdem ist es notwendig, dass wir freundlich, heiter und aufmunternd sprechen. Wenn wir mit einem Lächeln auf dem Gesicht reden, macht uns das gesund und schenkt auch anderen Gesundheit. Lächeln ist etwas anderes als lachen. Wir sollten lächeln, wenn wir sprechen. Damit gewinnen wir die Herzen der anderen. Durch freundliches Sprechen können wir etwas gewinnen, was wir nicht einmal durch Atomenergie gewinnen können.
  • dass wir der Zunge das Singen heiliger Worte, heiliger Texte und heiliger Hymnen einprägen. Die Zunge sollte solche Klänge täglich eine Stunde lang üben. Unsere Fähigkeit zu sprechen entwickelt auf diese Weise einen höheren Geschmack. Haben wir erst einmal einen höheren Geschmack erreicht, hören wir automatisch mit dem geschmacklosen Reden auf. Viele Menschen möchten ihr unkontrolliertes, leichtfertiges Sprechen in den Griff kriegen, doch häufig scheitern sie. Das liegt daran, dass wir keine bestehende Gewohnheit fallen lassen können, wenn wir sie nicht durch eine andere ersetzen. Wir können uns noch so sehr bemühen, die Dunkelheit zu vertreiben, sie bleibt trotzdem. Aber wenn wir ein Licht anzünden, ist die Dunkelheit im selben Augenblick verschwunden.
    Sobald wir Hymnen aus den Veden und anderen Weltschriften singen, wendet sich die Energie zum Positiven. Tägliches Singen der Hymnen macht unsere Sprache rein, magnetisch und fruchtbringend. Wir sollten uns daran erinnern, dass das Sprechen fruchtbringender Worte noch besser ist als Schweigen. Deshalb gibt es diese Übung.
  • Mantren:
    In Indien haben die Meister der Weisheit in alter Zeit rhythmische Klangformeln angewandt, um ein Energiesystem für entsprechende Ziele umzuwandeln. Menschen, die mit Mantren arbeiteten, konnten viel erreichen und dadurch sogar Gott erkennen. Wenn ein Mantra richtig angestimmt wird, fördert, leitet und erleuchtet es den Übenden. Ein Mantra ist eine Kombination von Saatklängen. Es gibt einsilbige Mantren, zweisilbige Mantren und noch viele andere. Das Gâyatrî Mantra hat insgesamt 24 Silben, pro Zeile 8 Silben. Es gilt als Königin der Mantren.
    Jedes Mantra hat seine eigene Klangpotenz, sein Ziel, sein Symbol, seine Methode und seine zeitliche Dimension. Die allgemeinen Mantren kann jeder singen. Sie sind besonders wohltuend.
    Wenn wir diese Mantren nach der vorgeschriebenen Methode singen, schenken sie unserem Leben Erfüllung, indem sie uns schützen, führen und erleuchten.

    Mantra Text Symbol
    1. Pranava OM (1 Silbe)
     
    2. Siva OM NA MA SI VA YA (5 Silben)
     
    3. Nârâyana OM NAMO NÂ RÂ YA NA YA (8 Silben)
     
    4. Gâyatrî OM TAT SAVITUR VARENYAM
    BHARGO DEVASYA DHÎMAHI
    DHÎYO YONAH PRACHODAYÂT
    (24 Silben)


    Methode:
    • Zünde vor dem Symbol eine Kerze und ein Räucherstäbchen an.
    • Sitze so, dass du nach Osten oder Norden blickst.
    • Setz dich so hin, wie es für dich bequem ist. Achte darauf, dass du deinen Körper gereinigt und frische Kleidung angezogen hast, ehe du dich hinsetzt, um Mantren zu singen.
    • Bewahre eine freundlichen Stimmung.
    • Es ist hilfreich, wenn du jeden Tag denselben Platz benutzt.
    • Du solltest das Mantra unbedingt jeden Tag um dieselbe Zeit singen.
    • Am wichtigsten ist, dass du dir das Symbol im Augenbrauenzentrum vorstellst. Singe das Mantra und höre jeder einzelnen Silbe sorgfältig, vollkommen und vollständig zu.


    Wenn du das Mantra in dieser Weise fünf Jahre lang singst, ohne einen Tag auszulassen, wirst du diese Übung sehr mögen. Nach sieben Jahren wird dir die Energie des Mantras antworten, und nach zwölf Jahren bist du dafür geeignet, die Gnade des Klangs zu empfangen. Er schenkt dir eine Erfahrung der Glückseligkeit, die mit Worten nicht erklärt werden kann.
    Du solltest diese Übung jeden Tag einmal durchführen. Gleichzeitig kannst du das Mantra den ganzen Tag und auch nachts still singen. Dies kannst du ununterbrochen und unaufhörlich tun. Dadurch wird das Mantra in deinem Unterbewusstsein lebendig, und es beschützt dich fortwährend.
    Eine Vorbedingung bei dieser Übung ist, dass du verschwiegen bist. In Gruppen können die Mantren laut gesungen werden. Aber andere brauchen nicht zu wissen, dass du mit einem Mantra lebst. Es sollte geheim und verschwiegen bleiben wie die pechschwarze Nacht. Alle Tugenden müssen in Verborgenheit und Verschwiegenheit aufgebaut werden und genauso sollst du auch das Mantra durchführen.
    Einmal in der Woche, in 14 Tagen oder im Monat sollten Kinder Schweigen üben. Es hilft ihnen, den Wert der Sprache zu erkennen.
    Gute Sprecher sind gute Zuhörer, und gute Zuhörer sind gute Sprecher. Daher sollten wir Zuhören lernen. Hör zu und hör vollständig zu. Hab keine Eile, etwas zu sagen. Du kannst richtig antworten und richtig sprechen, wenn du vollkommen zuhörst. Wer vollkommen zuhört, kann andere gut verstehen, und wenn er spricht, können andere gut verstehen. Genauso wie uns geraten wird, beim Sprechen unvoreingenommen und ohne unreines Motiv zu sein, sollten wir auch unvoreingenommen zuhören. Denn voreingenommenes Zuhören führt dich nur zu voreingenommenem Verstehen der anderen. Gut wahrgenommen ist gut gesprochen.



aus K. Parvathi Kumar 'Mithila Grundlagen einer spirituellen Erziehung'



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