Sternenhimmel im Mai 2008

  1. Allgemeines im aktuellen Monat
  2. Kleine Einführung in die wichtigsten Sterne
  3. Sternbild des Monats: Der Rabe
  4. Neues vom Rand des Sonnensystems

Verfasser: Ralf Kannenberg

1. Allgemeines im aktuellen Monat

Diese Rubrik ist ein allgemeiner Überblick über den abendlichen Sternenhimmel im aktuellen Monat sowie über den Stand der hellen Planeten. Eine erste einfache Einführung, wie man die wichtigsten Sterne finden kann, ist in der dritten Rubrik beschrieben.

Im Mai etabliert sich nun der Frühlingshimmel, die letzten Sterne des vergangenen Winters verlassen nun rasch die Himmelsbühne, und hoch im Osten kann man schon die ersten Sommersterne bewundern.

Der Große Wagen ist weiter hinaufgezogen und steht nun über dem Polarstern auf dem Kopf, so dass er einen ganz ungewöhnlichen Anblick bietet, während die W-förmige Cassiopeia unter dem Polarstern in den Horizontdunst eintaucht.

Der Mars ist nach Sonnenuntergang noch im Westen zu bewundern, während der Saturn im Löwen die ganze Nacht lang beobachtet werden kann.

2. Kleine Einführung in die wichtigsten Sterne

2.1 Einfach auffindbare Sterne: Großer und Kleiner Wagen

Der bekannte Große Wagen steht hoch über uns auf dem Kopf und sieht etwas ungewöhnlich aus; verlängert man die beiden hinteren Kastensterne etwa fünfmal nach unten, so gelangt man zu einem weiteren recht hellen Stern, das ist der Polarstern. Er steht am äußeren Ende der Deichsel des Kleinen Wagen, und auf dem Weg in Richtung der Deichsel des Großen Wagen kann man auf halbem Wege die beiden hinteren Kastensterne des Kleinen Wagen erkennen. Die übrigen Sterne des Kleinen Wagen sind nur bei sehr guten Sichtbedingungen erkennbar.

Der Große Wagen enthält keine Sterne 1. Größe, aber zahlreiche Sterne 2. Größe, von denen drei Sterne die erste Größe nur knapp verfehlen: der hintere obere Kastenstern Dubhe ist Roter Riese im Abstand von 120 Lichtjahren und bedeutet "Bär", der Deichselstern am Wagenkasten Alioth ist ein weißlicher Stern im Abstand von rund 80 Lichtjahren und bedeutet "Ziege", und der äußerste Deichselstern Benetnash ist ein blau-weißlicher Stern im Abstand von 100 Lichtjahren und bedeutet "Klageweiber". Der bekannteste Wagenstern indes ist der mittlere Deichselstern Mizar, der wie Alioth ein weißlicher Stern im Abstand von 80 Lichtjahren ist. Mizar bedeutet "Mantel". Er ist deswegen so bekannt, weil unmittelbar neben ihm der "Augenprüfstern" Alkor steht, gleichweit von uns entfernt wie Mizar, ebenfalls ein weißlicher Stern. Alkor bedeutet "der Erniedrigte"; im Deutschen wird er auch "das Reiterlein" genannt und in manchen Mythologien ist er die siebte Plejade, die ihre Schwestern verlassen hat; damit konnte die Mythologie erklären, weswegen man nur 6 Sterne im Siebengestirn der Plejaden sehen kann.

Der Polarstern ist ein Stern 2. Größe, ein gelblicher Stern im Abstand von fast 500 Lichtjahren. Er steht am Himmelsnordpol, das heißt, verlängert man in Gedanken die Erdachse, so kommt man zum Polarstern. Deswegen weist der Polarstern immer nach Norden und kann zur Orientierung als "Nordstern" verwendet werden. Der Polarstern hat auch einen arabischen Namen: Alruccabah, das bedeutet "Der Reiter". - Der hellere der beiden hinteren Kastensterne des Kleinen Wagen ist ebenfalls ein Stern 2. Größe, er heißt Kochab, das bedeutet "der Stern des Nordens", und er ist ein Roter Riese im Abstand von 120 Lichtjahren. Aufgrund der Kreiselbewegung der Erdachse war der Himmelspol vor 3000 Jahren in der Nähe von Kochab.

Dubhe, Alioth und Benetnash vom Großen Wagen sowie der Polarstern und Kochab im Kleinen Wagen und der mittlere Deichselstern des Großen Wagen Mizar sind die sechs hellsten Sterne in dieser Himmelsregion.

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Einfach auffindbare Frühlingssterne

Jungfrau und Bärenhüter
Die wichtigsten Frühlingssterne kann man auf sehr einfache Weise finden: Verlängert man die Deichsel des Großen Wagen, so gelangt man zunächst zu einem sehr auffallenden Stern 0. Größe, das ist Arktur im Bärenhüter. Arktur heißt "Jäger, der die Bärin im Auge behält" und ist der nächst gelegene Rote Riese von der Sonne im Abstand von gut 30 Lichtjahren. Verlängert man die Bärendeichsel weiter, so gelangt man zum Hauptstern der Jungfrau, das ist die Spica. Spica bedeutet "Kornähre", die die Jungfrau gemäß der Mythologie in ihrer Hand hält; sie ist ein blau-weißlicher Stern im Abstand von gut 250 Lichtjahren.

Die übrigen Sterne der Jungfrau sind nicht so hell; die Jungfrau hat nur noch vier weitere Sterne 3. Größe. Am einfachsten kann man sich die Jungfrau als eine Deichsel vorstellen, die sich über ihrem Hauptstern Spica befindet. Zudem befindet sich ein weiterer Stern etwas östlich der Spica. Die drei Sterne dieser Deichsel über der Spica sind von oben gezählt Vindemiatrix, Minelauva und Porrima. Vindemiatrix ist die lateinische Übersetzung des Namens Almuredin, welches ebenfalls "Winzer" heißt. Dieser Stern ist ein gelblicher Stern im Abstand von 100 Lichtjahren, und wenn dieser Stern im Herbst in der frühen Morgendämmerung wieder sichtbar wurde, fing man mit der Weinernte an. Minelauva heißt "Der Anpreiser" und ist ein Roter Riese im Abstand von 200 Lichtjahren, also doppelt so weit entfernt wie Vindemiatrix, etwas näher als der Hauptstern Spica. Porrima ist der Eigenname einer italienischen Geburtsgöttin; hier umkreisen zwei gelbliche Sterne einander; Porrima ist 40 Lichtjahre von uns entfernt. Das ist eine ganz analoge Situation wie bei der gleichweit von uns entfernten Capella, deren Sterne allerdings deutlich heller sind. Wenn man von der Spica zu Vindemiatrix hinaufgeht und auf halber Strecke nach rechts abbiegt, so gelangt man zum mittleren Stern der Jungfrau-Deichsel, zu Porrima; biegt man stattdessen nach links ab, so gelangt man zur Heze. Diese ist ein weißlicher Stern im Abstand von 73 Lichtjahren.

2.2 Die letzten Wintersterne

Auch die Capella, die Cassiopeia und der Perseus sind nach Sonnenuntergang noch halbhoch am Himmel zu sehen:

Geht man von der Deichsel des Großen Wagen, also dem Teil, an dem der Wagenkasten gezogen wird, am Polarstern vorbei, so kann man etwa im gleichen Abstand ein Sternbild erkennen, das wie ein W aussieht; es wird oftmals auch das "Himmels-W" genannt, und das ist die Cassiopeia. Sie ist eine wertvolle Orientierungshilfe: Zählt man die Sterne der Cassiopeia von links oben nach rechts unten durch, also von den helleren zu den weniger hellen, so führt die Verlängerung vom mittleren Stern des Cassiopeia-W durch den vierten Stern des "W" zu Mirfak, dem Hauptstern des Perseus. Mirfak bedeutet "Ellbogen" und ist ein gelb-weißlicher Stern im Abstand von 100 Lichtjahren, er ist so hell wie die hellsten Sterne des Großen Wagen. Die Verlängerung vom mittleren Stern des Cassiopeia-W zwischen dem vierten und fünften Stern des W hindurch führt zur hellen Capella im Fuhrmann. Sie ist ein Vierfach-Sternsystem im Abstand von gut 40 Lichtjahren, bei dem beide Hauptsterne wie unsere Sonne gelbe Sterne sind. Capella heißt "Zicklein", und auf alten Sternbild-Darstellungen kann man sehen, dass der Fuhrmann auf seiner Schulter ein kleines Zicklein trägt; das ist der Ort des Hauptsternes Capella.


...und den Zwillingen die letzten Winteresternbilder
Etwas links oberhalb der Capella steht im Fuhrmann ein Stern heller als 2. Größe, das ist Menkalinam; das bedeutet "Schulter dessen, der die Zügel führt". Menkalinam ist ein weißlicher Stern im Abstand von gut 80 Lichtjahren.

Links oberhalb von Menkalinam und Capella sehen wir Castor und Pollux nebeneinander, an denen im April der Mars vorbeigewandert ist und sich nun in Richtung Löwe bewegt. Biegt man von Pollux südwestlich zum Horizont ab, so kann man auch noch Procyon im Kleinen Hund erkennen.

Pollux ist ein naher Roter Riese im Abstand von gut 30 Lichtjahren, Castor ein bekannter Doppelstern zweier weißlicher Sterne im Abstand von 45 Lichtjahren. Procyon ist ein sonnennaher weißgelblicher Stern im Abstand von 11 Lichtjahren.

Capella, Menkalinam, Castor, Pollux und Procyon bilden nun also einen großen Bogen über dem Westhorizont.

2.3 Der Löwe, der Ringplanet Saturn und Alphard in der Wasserschlange

Östlich der Zwillinge sehen wir zwei helle Sterne nebeneinander; der hellere linke ist der Planet Saturn und der andere ist Regulus beim Herz des Löwen, ein blau-weißlicher Stern erster Größe im Abstand von 80 Lichtjahren. Regulus bedeutet "kleiner König", diesen Namen hat er, weil er immer wieder Besuch von einem Planeten wie derzeit vom Saturn sowie vom Mond bekommt. Über ihnen steht die Algieba und markiert die Stirn des Löwen; sie besteht aus zwei einander umkreisenden Sternen, einem Roten Riesen sowie einem gelben Stern, die 130 Lichtjahre von uns entfernt sind. Links von der Algieba sieht man einen weiteren Stern 2. Größe, das ist Denebola, das bedeutet "Schwänzchen (des Löwen)". Der Abstand Algieba - Denebola am Himmel ist ungefähr doppelt so gross wie der Abstand Algieba - Regulus. Im Gegensatz zum Großen und zum Kleinen Bären, die beide von Zeus am Schwanz gepackt und an den Himmel geschleudert wurden und deswegen überlange Schwänze haben, scheint der Löwe nur ein kurzes Schwänzchen zu haben. Denebola ist ein weißlicher Stern im Abstand von gut 35 Lichtjahren.

Wenn man von der Algieba über Regulus nach unten verlängert, so trifft man einen Stern 2. Größe, das ist Alphard in der Wasserschlange. Alphard bedeutet treffenderweise "der alleine dastehende Stern", da die übrigen Sterne der Wasserschlange nicht sehr auffällig sind. Alphard ist ein Roter Riese im Abstand von knapp 200 Lichtjahren. Man kann ihn auch finden, indem man die Linie Castor - Pollux verlängert.

2.4: Die ersten Sommersterne: Wega in der Leier und Deneb im Schwan

Tief im Nordosten ist auch schon die Wega in der Leier aufgegangen, sie ist ein weißlicher Stern im Abstand von knapp 30 Lichtjahren. Wega bedeutet "herabstoßender Adler". Noch tief am Horizont stehend wird sie manchmal mit dem hellsten Stern des Sternbildes des Drachen, mit Ettanin, verwechselt, doch recht schnell steigt die Wega höher und entfaltet dann bald wie Arktur ihre volle Pracht. Ettanin ist ein 150 Lichtjahre entfernter Roter Riese und bedeutet "Seeungeheuer"; Ettanin kann man daran erkennen, dass über ihm ein weiterer nur wenig schwächerer Stern steht: das ist Alwaid, ein wie unsere Sonne und die Capella gelblicher Stern im Abstand von 400 Lichtjahren. - Bei guter Nordsicht kann man auch Deneb im Schwan, einen blau-weißlichen Riesenstern im Abstand von 3000 Lichtjahren tief im Nordosten.

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3. Sternbild des Monats: Der Rabe

Rechts unterhalb der Jungfrau, die wir im Vormonat kennengelernt haben, befindet sich das Sternbild des Raben, das man bei guter Südsicht schön erkennen kann. Es sieht aus wie ein kleines schiefes Viereck, bei dem die rechte obere Kante nach unten eingeknickt ist. Die obere Kante wird links von Algorab ("rechter Flügel des Raben") und rechts von Gienah ("Flügel") gebildet, die untere Kante links von einem Stern namens Kraz und unten rechts steht Minkar ("Schnabel").

Algorab und Gienah sind blauweißliche Sterne im Abstand von 120 und knapp 200 Lichtjahren, Kraz, der hellste Stern des Raben, ist ein gelblicher Stern im Abstand von fast 150 Lichtjahren und Minkar ein ebenso weit entfernter Roter Riese.

Der Rabe nach Jehoshaphat Aspin, 1850
Gemäß der Mythologie schickte Apollon für eine Opfergabe an seinen Vater Zeus den Raben aus, damit ihm dieser Wasser aus einer Quelle hole. Der Rabe nahm sich den Becher und machte sich auf den Weg, wurde aber unterwegs vom Anblick eines Feigenbaumes, der noch nicht ganz reife Früchte trug, übermannt; weil er die Früchte unbedingt kosten wollte, wartete er einige Tage, bis sie reif waren und erfüllte erst danach seinen Auftrag. Als Entschuldigung für seine Verspätung packte er sich eine Wasserschlange - das ist ja das Sternbild mit dem Hauptstern Alphard - und behauptete, diese habe ihm den Weg zur Quelle versperrt. Natürlich durchschaute Apollon diese Lüge und bestrafte den Raben, so dass er während der Zeit der Feigenreife nicht mehr trinken kann, und als Warnung versetzte er alle drei - den Raben, den Becher und die Wasserschlange - an den Himmel. Der Becher ist eine Ansammlung von weniger hellen Sternen rechts vom Raben, noch weiter rechts findet man etwas höher Alphard in der Wasserschlange.

Neues vom Rand des Sonnensystems

Vor zwei Monaten wurde über einen möglicherweise erdgroßen Planeten in den äußeren Teilen unseres Sonnensystems berichtet, dessen Eigenbewegung vor dem Himmelshintergrund zu klein ist, als dass man ihn bislang hätte entdecken können. In diesem Monat möchte ich einen kurzen aktuellen Überblick über die bekannten Mitglieder unseres Sonnensystems in diesem Teil unseres Sonnensystems geben.

In den äußeren Bereichen unseres Sonnensystems, also jenseits der Neptunbahn in rund 30-fachem Erdabstand kennt man mittlerweile fast 60 Zwergplaneten, rund 25 weitere Entdeckungen müssen noch genauer ausgewertet werden, ehe sie akzeptiert werden können. Zwergplaneten sind Mitglieder unseres Sonnensystems, die wie die Erde um die Sonne wandern und die genügend Masse haben, um nahezu kugelförmige Gestalt zu haben. Das ist für solche vor allem aus Eis bestehenden Planetoiden ab einem Durchmesser von rund 400 km der Fall.

Zwei dieser Zwergplaneten sind sogar über 2000 km groß, das sind der frühere 9. Planet Planet Pluto sowie der vorübergehend als "10. Planet" bezeichnete Zwergplanet Eris. Fünf weitere haben einen Durchmesser von über 1000 km, das sind die Sedna sowie die noch namenlosen Zwergplaneten 2003 EL61 und 2005 FY9, die alle über 1500 km groß sind, sowie der Quaoar und Orcus, ein kleinerer Bruder des Pluto. Mit zwei Ausnahmen befinden sie sich zum jetzigen Zeitpunkt alle in einem Bereich, der bis auf 60-fachen Erdabstand, also doppelten Neptunabstand hinausreicht, nur die Eris bei 97-fachen Erdabstand und die Sedna bei 91-fachem Erdabstand sind weiter entfernt.

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Planeten am Rand des Sonnensystems

-> mehr: siehe Planetendefinition


Die in diesem Beitrag verwendeten Bilder stammen von verschiedenen Astronomie-Organisationen, sie dürfen für die Zwecke der Bildung genutzt werden.

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