Kailash
 

"Das Leben ist Geben und Nehmen.
Der Himalaya und seine Bewohner
geben mir innerlich enorm viel,
ich will etwas davon zurückgeben"
Dieter Glogowski


Mit Pilgern am heiligen Berg Kailash

Der Verfasser

Dieter Glogowski

Dieter Glogowski wurde 1956 in Frankfurt am Main geboren. Er arbeitet als freier Foto- und Fernsehjournalist mit dem Schwerpunktthema der Himalaya-Region. Seine "Länder-Menschen-Abenteuer" TV-Produktionen wurden international ausgezeichnet, er ist Gründer des Frankfurter Weitsicht-Festivals und Buchautor. 1993 wählten ihn die Mönche des Klosters Lingshed in Zanskar zu ihrem Repräsentanten für Deutschland.

Pilgerfahrt zum Kailash

Der heilige Berg Kailash, eine 6.648 Meter hohe Fels- und Schneepyramide, wird von den Tibetern als das Zentrum des Kosmos, die Erdinnenachse und das größte Naturmandala der Erde verehrt. Seit tausenden Jahren pilgern Buddhisten, Hindus, Böns und Jainas zum Kailash nach Westtibet.

Auch wir wollen uns auf diese Pilgerreise begeben. Wir, das sind der Filmautor Peter Weinert, der expeditionserfahrene Kameramann Jürgen Volz, unser Tontechniker Manfred De Lorenzi und meine Assistentin Heidrun Schmitz. Über zweimal wurde uns allerdings in den letzten Jahren die offizielle Drehgenehmigung der chinesischen Besatzungsmacht verweigert. So reisen wir als Privatpersonen nach Tibet, nicht nur mit der Absicht, den Film im Versteckten zu drehen, sondern auch einen Auftrag zu erfüllen: Vor acht Monaten hatte mich ein buddhistisches Kloster in Kathmandu gebeten, eine alte tibetische Buddha-Statue zurück an ihr Ursprungskloster am Kailash zu bringen. Sie hatte in den Wirren der Kulturrevolution eine rettende Bleibe in der nepalischen Hauptstadt gefunden.

Dieter Glogowski mit Guide Shiva
Jürgen Volz, Peter Weinert, Shiva
Unser Team hat jahrelange Erfahrung mit Dreharbeiten im Himalaya, trotzdem sind wir aufgeregt. Einer so großen Herausforderung haben wir uns noch nie gestellt. Wird es uns gelingen die Statue in ihre Heimat zurückzubringen?

Beim Fest der Erleuchtung

Wir reisen also wie die meisten Pilger, dicht gedrängt zwischen 30 Tibetern auf der Ladefläche eines alten LKW. Währenddessen wächst die Nervosität. Ob Norbu, einer der Darsteller des Films, meinen Brief erhalten hat? Als wir den Tibeter wie verabredet treffen, ist unsere Erleichterung groß. Er entpuppt sich als wahres Naturtalent vor der Kamera. Mit tibetischer Gelassenheit bleibt er während der Interviews immer humorvoll und locker. Die Dreharbeiten verlaufen auch dank des perfekten Wetters sehr erfolgreich.

Gebetsfahnenmast
Der Ausgangspunkt für die dreitägige Umrundung des heiligen Berges und unserer geheimen Übergabe ist das Saga Dawa Fest an der Westflanke des Kailash. Bei diesem Fest am 15. Tag des vierten tibetischen Monats (ca. Mitte Juni) wird in ganz Tibet Buddhas Geburt und Erleuchtung gefeiert. Dabei wird ein riesiger Gebetsfahnenmast aufgestellt.
Kaum eingeschüchtert von der Präsenz chinesischer Soldaten feiern die Tibeter ausgelassen. Wir sind auf der Hut, aber unter den hunderten westlichen Touristen mit ihren Videokameras fallen wir zum Glück weniger auf, als befürchtet.

Die Pilgerwanderung

Nach dem Saga Dawa Fest starten wir die Kora, d.h. die Pilgerwanderung um den heiligen Berg. Die Umrundung des Kailash stellt für den tibetischen Pilger die Konfrontation mit Leben, Tod und Wiedergeburt dar. Vorbei an unzähligen Mani- und Ritualsteinen erreichen wir am Abend des ersten Tages das Dirapuk-Kloster auf 5100 Meter. Hier soll die Reise für uns und die geheimnisvolle Buddhastatue, die noch immer in einer Gebetsfahne eingerollt in meinem Rucksack auf die Übergabe wartet, enden.

Am nächsten Morgen hält der Abt des Klosters andächtig die kleine Buddhastatue in seinen Händen. Wenig später gibt er sie uns zurück. Zum Schutze Tibets sollen Norbu und ich die Statue nun in das Innere des Mandala bringen. Die Innere Kora, wo auf fast 6.000 Meter in der Südwand des Kailash 13 Chörten - tibetische Stupas - stehen, darf nur der betreten, der den Kailash schon 13 Mal umrundet hat. Diese Voraussetzung hatten wir beide erfüllt.

"Chörten choksum", murmelt Norbu und blickt in den Himmel. Er weiß, dass uns der Aufstieg zu den 13 Chörten nur gelingen kann, wenn uns das Wetter und die Götter positiv gestimmt sind. Wir sind bereit, den Aufstieg ins Innere des Mandalas zu wagen.

Harte Dreharbeiten

Kailash
Vier Wochen Dreharbeiten liegen hinter uns. Schlaflose Nächte und die ständige Angst, dass chinesische Sicherheitsbeamte unsere Filmkassetten einkassieren könnten, haben an unseren Nerven gezerrt. Noch kurz vor unserem Grenzübertritt zurück nach Nepal kam unser tibetischer Guide auf uns zu und erklärte, dass die chinesischen Beamten nach einer deutschen Gruppe suchten, die unerlaubt am Kailash einen Film gedreht hätte. Diese Nachricht schreckte uns sehr auf und die Nerven lagen ziemlich blank. Wie durch ein Wunder passierten wir die Grenze ohne Probleme. Nun sichten wir gerade das 13-stündige Filmmaterial, wussten aber auch schon vorher, dass wir mit viel Glück einen wunderschönen Film mit nach Hause gebracht haben.

Dabei hatten wir mehrfach Angst, den Film gar nicht erst zu Ende drehen zu können. Jürgen Volz, unser Kameramann, hatte einen Kreislaufzusammenbruch. Er musste zurück ins Zelt und schlief erschöpft im Lager auf 5.150 Meter vor der Südwand des Kailash ein. Doch 800 Meter Höhenaufstieg zu den 13 Chörten lagen noch vor uns, wir wussten nicht mehr weiter. Ohne Jürgen konnten wir den Film nicht fertig drehen. Doch um 10 Uhr kroch er aus dem Zelt und rief seine letzten Kraftreserven ab. Ohne Rucksack, mit starker Bronchitis, setzte er einen Schritt vor den anderen. Er wollte diesen Film zu Ende bringen! Auch wenn wir so stark wie möglich den Druck von ihm nehmen wollten, jeder wusste, was für eine enorme Erwartung wir alle in das Projekt gesetzt hatten.

Am Bestimmungsort

Glogowski in der inneren Kora
Nach sechs Stunden Aufstieg erreichten wir den Schlüsselpunkt, eine 30 Meter steile Kletterstelle, vereist und übersät mit extrem lockerem Geröll, hinauf zu den 13 Chörten. Ich hatte die letzten 200 Höhenmeter den Weg im tiefen Schnee gespurt. Jetzt war der Moment gekommen, den Einstieg mit Eispickel begehbar zu machen. Der schwierige Anstieg löste beim ein oder anderen unseres Teams ein flaues Gefühl im Magen aus. Nur Jürgen, begeisterter Kletterer, bekam einen totalen Adrenalinschub und lief zu Höchstform auf. Nach einer halben Stunde standen wir alle auf dem zwei bis drei Meter breiten Felsband der 13 Chörten: das gesamte TV-Team, Norbulaa, zwei Sherpas, zwei Yak-Treiber und unsere treuen zwei jungen tibetischen LKW-Fahrer. Erleichterung und Dankbarkeit kamen auf. Eine große Last war von unseren Schultern genommen.

Eine unvergessliche Zeit liegt hinter uns und wir sind dankbar, über all das, was wir erleben konnten. Wir waren ein gutes Team.

von Dieter Glogowski, mit freundlicher Genehmigung von der
Website: www.dieter-glogowski.de

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